Annas Angst – Dienstag (4)

Während er zu lesen beginnt, bestelle ich mir einen Rotwein. Wie schön wäre es, wenn ich mir jetzt eine Zigarette anzünden könnte. Dummerweise habe ich mir das Rauchen vor fünf Jahren abgewöhnt.

Der Mann stöhnt, ab und zu hält er die Luft an. Ich schaue mir die leere Straße an. Nirgendwo sind Menschen zu sehen. An unserem Fenster fliegt ein Ast vorbei, gefolgt von einer Aldi-Tüte. Als die Serviererin den Rotwein bringt, trinke ich in großen Schlucken und wippe dabei mit dem rechten Fuß. Ein schneller Leser ist der Mann nicht.

„Sie glauben also, dass Sie Simons Tochter sind.“

Der Hellste ist er auch nicht. „Ja, diesen Verdacht habe ich. Ich bin diese Anna, von der meine Mutter Simon berichtet. Was würden Sie an meiner Stelle denn glauben?“

Er räuspert sich und sieht für einen Moment so aus, als würde er sich für seine Zweifel schämen. „Natürlich werde ich Ihnen die Adresse von Simon geben. Das ist gar keine Frage. Ich bin im Moment nur ein wenig durcheinander. Und ich habe mir vorzustellen versucht, wie es wohl für Simon sein wird, wenn er von Ihnen erfährt.“

Das ist etwas, woran ich bis jetzt weniger gedacht habe.

„Können Sie mir nicht ein wenig über ihn erzählen? Was er macht, wie alt er ist, ob er Kinder hat. Und was hat meine Großmutter mit der ganzen Sache zu tun? Wie konnte sie Simons Eltern verstecken? Und wie kommt meine Mutter in diese Geschichte?“

Der Mann interessiert sich für den Wein, den ich inzwischen ausgetrunken habe. „War es ein guter Merlot? Möchten Sie noch einen?“

Er bestellt einen halben Liter Wein und ein zusätzliches Glas. Wir schweigen und sehen dabei aus dem Fenster. Das Schweigen fühlt sich gut an.

Die Kellnerin stellt die Karaffe auf den Tisch, schenkt ein und lässt uns wieder allein. Der Mann hebt sein Glas in meine Richtung.

„Ich heiße Gabriel. Und ich schlage vor, dass wir ab jetzt du zueinander sagen. Wahrscheinlich sind wir über sieben Ecken miteinander verwandt.“

Dann sieht er mich eigenartig an. „Schade eigentlich.“

Er trinkt sein Glas mit einem Schluck halb leer. „Es ist bestimmt nicht einfach, nach so vielen Jahren zu erfahren, dass man mit einer Lüge gelebt hat. Unabhängig davon, ob man selbst für diese Lüge verantwortlich ist oder nicht.“

Diese einfache Feststellung rührt mich. Dabei weiß ich gar nicht, was Gabriel mir damit sagen möchte. Ich gebe mir große Mühe, die aufkommenden Tränen zu unterdrücken.

„Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Sonst bin ich nicht so emotional. Und jetzt benehme ich mich schon seit Tagen merkwürdig. Sogar von meinem Freund will ich mich plötzlich trennen. Und dann erfahre ich auch noch so etwas. Ich habe einen anderen Vater, als ich bisher geglaubt habe. Aber wieso erzähle ich dir das? Ich kenne dich doch gar nicht.“

Da ich kein Taschentuch finde, wische ich mit meinem Jackenärmel so unauffällig wie möglich an meiner Nase herum. Gabriel steht auf und geht zur Bar. Er kommt mit einem Stapel Servietten zurück, die er mir in die Hand drückt. Als er sich setzt, sehe ich, dass er mir alles erzählen wird, was er weiß.

„Simons Mutter und die Mutter meines Vaters waren Schwestern. Sie waren altersmäßig zwar nur wenige Jahre auseinander, aber Simons Mutter bekam den Jungen erst, als sie schon Mitte vierzig war. Mein Vater war also fünfzehn Jahre älter als Simon und deswegen auch alt genug, um bereits 1932 Deutschland zu verlassen.

Er fuhr zuerst nach Wien, da er unbedingt Freud kennenlernen wollte. Die Psychoanalyse hatte ihn schon interessiert, als er noch ein sehr junger Mann war und zur Schule ging. Aber Freud war schon sehr krank damals, ich glaube, mein Vater hat ihn nur ein- oder zweimal zu Gesicht bekommen.

Von dort aus zog es ihn weiter nach Spanien, wo er in den Internationalen Brigaden kämpfte, wie das viele Juden taten. Über Südfrankreich konnte er später mit sehr viel Glück Europa verlassen. Er war übrigens der Einzige in der gesamten Familie, der so weitsichtig war und den Nazis von Anfang an die größten Schweinereien zugetraut hatte. Er und Simon waren dann die beiden Einzigen, die den Holocaust überlebt haben.

Simon überlebte, weil ihn seine Eltern 1938 mit einem Kindertransport nach England schickten. Er war damals dreizehn Jahre alt. Hast du von solchen Transporten gehört?“

Ich nicke eifrig, um seinen Redefluss nicht zu unterbrechen.

„Damit habe ich dann auch die Frage nach Simons Alter beantwortet. Er wird im November dreiundsiebzig. Seine Eltern und die Eltern meines Vaters sind zu lange in Deutschland geblieben. Anfang der dreißiger Jahre hätte es noch Möglichkeiten gegeben, das Land zu verlassen. Aber da hatten sie noch gehofft, es würde so schlimm nicht werden. Ein fataler Irrtum, der ihnen und vielen anderen Juden das Leben kostete. Es wurde schlimmer, als sie es sich in ihren ärgsten Träumen vorgestellt hatten.

Die Nürnberger Gesetze wurden verabschiedet. Die Demütigungen und Diskriminierungen nahmen zu. Die meisten Juden bekamen Berufsverbot, ihre Kinder durften nicht mehr auf normale Schulen gehen. Für eine Flucht war es bereits zu spät. Außerdem gab es kaum noch Länder, die Juden aufnahmen. Ein Kapitel in der Weltgeschichte, das meiner Meinung nach noch viel zu wenig diskutiert wurde.“

Er macht eine Pause, vielleicht wartet er auf eine Frage von mir. Ich schweige. Er soll weiterreden.

„Als sich England nach der Pogromnacht am 9. November entschloss, wenigstens 10.000 Kinder aus Deutschland aufzunehmen, war das für viele Familien ein Segen. So wussten sie wenigstens die Kinder im Ausland in Sicherheit.

Die Eltern meines Vaters wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert, Simons Eltern beschlossen, sich zu verstecken. Es gab einige Familien, die ihnen dabei geholfen haben. Zuletzt wurden sie jedoch verraten. Sie wurden Richtung Osten abtransportiert, man hat sie in Auschwitz dann gleich ermordet.

Als Simon nach dem Krieg erfuhr, dass man seine Eltern und alle Verwandten ermordet hatte, beschloss er, nach Palästina zu gehen. Er war noch jung, und in England fühlte er sich nicht zu Hause. Und in Deutschland würde er nie mehr leben können.

Er kam nur noch ein einziges Mal nach Berlin. Das war 1952. Simon wollte sich von meinem Vater verabschieden. Aber sein Hauptanliegen bestand wohl darin, nach all den Jahren doch noch die Menschen zu suchen, die so mutig gewesen waren und seine Eltern versteckt hatten.“

Gabriel hat sehr schnell geredet. Mir schwirrt von all den Informationen der Kopf. Ein flüchtiges Bild beginnt sich abzuzeichnen. Viele Fragen drängen nach einer Antwort.

„Wie hat Simon deinen Vater überhaupt gefunden?“

„Mein Vater hatte Simon gefunden. Er hatte ihn über das Rote Kreuz ausfindig gemacht. Für ihn grenzte es an ein Wunder, da er wenig Hoffnung hatte, dass es überhaupt Überlebende gab. Er hatte ja nicht gewusst, dass man Simon nach England geschickt hatte. 1938 war er bei den Internationalen Brigaden in Spanien. Von dort hatte er sich nach Südfrankreich durchgeschlagen. Und dann hatte er so viel Massel, jemanden vom Emergency Rescue Committee kennenzulernen.“

Gabriel muss meinen fragenden Blick bemerkt haben. „Das war eine Organisation, die in New York gegründet worden war, um verfolgten Juden mit gefälschten Papieren zur Flucht zu verhelfen. Ein Amerikaner namens Varian Fry leistete in Marseille großartige Arbeit. Man hat es ihm übrigens nie gedankt. Die Amerikaner haben ihn später beschuldigt, zu viele Linke ins Land gebracht zu haben.

Mein Vater war über einen Mitarbeiter dieses Varian Fry an falsche Papiere und auf diesem Weg nach Amerika gekommen. Von dort aus stellte er Nachforschungen an. Aber das war sehr schwierig, unmöglich fast. Erst nach Kriegsende erfuhr er vom Tod seiner Eltern und dem Rest der Familie. Und davon, dass man Simon nach England geschickt hatte.

Bevor er 1948 mit meiner Mutter und uns Jungs nach Berlin zurückkehrte, traf er Simon in London. Die beiden hatten sich sechzehn Jahre nicht gesehen. Bei ihrem letzten Treffen war Simon sieben Jahre alt. Jetzt war er dreiundzwanzig und ein junger Mann. Es war für beide ein eigenartiges Wiedersehen.

Mein Vater pflegte von da an regelmäßigen Kontakt zu Simon. Ich glaube, er wäre sogar gern eine Art Ersatzvater für Simon geworden. Aber das wollte Simon nicht. Vielleicht trennten ihre unterschiedlichen Auffassungen sie.“

Gabriel überlegt eine Weile, bevor er weiterspricht. „Ich habe keine Ahnung, woran es lag. Ich war zwei, als wir nach Deutschland kamen, mein Bruder vier. Alles, was ich aus dieser frühen Zeit weiß, hat man mir erzählt.

Mein Vater war Arzt und Psychoanalytiker. Freudianer. Die Analyse war seine große Leidenschaft. Meine Mutter hat immer gesagt, er würde die Analyse mehr lieben als sie.

Die beiden wollten nach Kriegsende den Menschen helfen, die aus den KZs zurückgekehrt waren. Sie waren der Meinung, die Psychoanalyse wäre das geeignete Mittel, um die traumatischen Erfahrungen derjenigen Juden zu verarbeiten, die überlebt hatten.

Vor dem Krieg hatte in Berlin ein psychoanalytisches Institut existiert. Mein Vater träumte davon, dieses Institut wieder aufzubauen. Aber es gab so viele Rivalitäten und Abspaltungen dort, dass er sich von dieser Idee schnell wieder verabschiedet hatte.“

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