Annas Angst – Donnerstag (5)

Zehn Minuten später sitze ich mit Gabriel in unserem Stammcafé. Mein Rad habe ich im Laden gelassen, die kurze Strecke sind wir mit Gabriels Volvo gefahren. Ich stelle fest, dass ich mich plötzlich unsicher fühle in seiner Gegenwart. Er beobachtet mich. Oder bilde ich mir das nur ein?

Eine Weile sagt keiner von uns beiden ein Wort. Voller Hingabe studieren wir die Karte. Gabriel unterbricht die Stille als erster. “Du wolltest doch auf deine Reise anstoßen. Was hältst du von Champagner? Möchtest du auch etwas essen?”

Ich schüttle den Kopf. “Gegessen habe ich schon. Und auf Alkohol sollte ich wohl besser verzichten. Bis zum Mittag hatte ich einen heftigen Kater.”

Die Kellnerin entfernt sich wieder. Das mit dem Kater hätte ich besser nicht sagen sollen. Vielleicht überlegt Gabriel jetzt, ob ich ein Alkoholproblem habe. Das ist mir unangenehm. Es kann mir egal sein, was er denkt. Ist es mir aber nicht. Ich möchte einen guten Eindruck auf ihn machen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich in der letzten Zeit wirklich viel getrunken. Als ob ich die Angst ertränken wollte.

“Ich war gestern Abend auf der Geburtstagsparty einer Freundin. Dort habe ich etwas Unangenehmes erfahren. Mein Freund hat mich mit dieser Freundin…die beiden haben mich…” Ich druckse etwas herum, weil ich nicht weiß, wie ich den Sachverhalt erklären soll. Außerdem fällt es mir schwer, das Wort “betrogen” auszusprechen.

Gabriel hilft mir. “Du meinst, die beiden haben was miteinander?”

Erleichtert nicke ich. “Es ging mir gar nicht gut. Ich war deprimiert. Und aus diesem Grund habe ich zu Hause noch eine Flasche Rotwein aufgemacht. Das ist mir nicht bekommen.”

Mein Alkoholkonsum scheint Gabriel nicht zu interessieren. Er runzelt die Stirn. “Handelt es sich um den Mann, von dem du mir neulich erzählt hast? Den du eigentlich gar nicht liebst?”

Ich habe es mir schon gedacht. Diesen Punkt hätte ich für mich behalten sollen. Das ganze Thema ist unglücklich gewählt. Nun kann ich es nicht mehr ungeschehen machen. “Ja, um diesen Mann geht es. Und um genau zu sein: Die Frau ist eigentlich gar keine wirkliche Freundin.”

Ich schäme mich. Was sind das für Geschichten, die ich Gabriel erzähle? Vom Freund betrogen. Und dann auch noch mit der Freundin. Bin nicht viel eher ich diejenige, die beide belogen hat? Lügt man, wenn man schweigt? Wenn man nicht das sagt, was man wirklich fühlt, wenn man den Missklang nicht in Worte fasst?

“Du hast den Mann nicht geliebt und die Frau ist nicht deine Freundin. Und trotzdem siehst du traurig aus. Was ist los?”

Bei Gabriel muss ich aufpassen. Er ist ein aufmerksamer Beobachter. Wie Lena scheint er zu spüren, was in einem anderen Menschen vorgeht. Keine außergewöhnliche Fähigkeit. Alle Menschen besitzen sie. Nur geben wir uns oft aus Bequemlichkeit mit dem zufrieden, was man uns sagt. Auch wenn das mit unserer Wahrnehmung nicht übereinstimmt.

Ich habe Gabriel schon bei unserer ersten Begegnung Dinge erzählt, die man sonst vielleicht einem guten Freund beichtet, oder seinem Therapeuten. Wieso soll ich ihm jetzt ein Märchen auftischen.

“Ich fühle mich das erste Mal in meinem Leben wirklich allein. Ich bedeute niemandem etwas. Es gibt keinen Menschen, für den ich wichtig bin.” Ich zähle an den Fingern ab: “Meine Eltern sind tot, die einzige Frau, von der ich mir wenigstens hätte einbilden können, dass sie meine Freundin ist, schläft mit dem Mann, von dem ich mir eingeredet habe, dass ich ihn liebe, was ich aber gar nicht tu, auch weil ich gar nicht weiß, ob er mich liebt. Was so allerdings nicht stimmt, denn eigentlich weiß ich schon, dass er mich nicht liebt, und ich ihn auch nicht. Und nun lieben sich die beiden, aber ob das wirklich stimmt, weiß ich auch nicht.”

Ich muss lachen. Gerade wird mir bewusst, wie konfus ich Gabriel vorkommen muss. Dann erinnere ich mich jedoch an meinen Vorsatz. Ich will doch ab jetzt sagen, was mit mir los ist, ohne Rücksichten zu nehmen. Soll Gabriel über mich denken, was er will. “Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie sich bis in alle Ewigkeit. Nur ich, ich weiß nicht einmal, wie man es anstellt, sich einem anderen Menschen nahe zu fühlen.”

Gabriel sieht mich erstaunt an.

“Ich weiß, es gibt gar keinen Grund, traurig zu sein. Ich sollte froh sein, weil sich alles aufgeklärt hat. Stattdessen bin ich wütend und zornig und finde überhaupt nichts lustig.”

In die kurze Pause hinein fragt die junge Kellnerin, ob wir vielleicht doch etwas bestellen wollen. Sie ist bereits einige Male unauffällig an unserem Tisch vorbeigegangen.

Wollte ich nicht auf meine Reise anstoßen? Noch vor zwei Stunden hatte ich Lust zu feiern. Ich bestelle einen Cocktail ohne Alkohol und überlasse die Wahl der freundlichen Frau. Lediglich groß soll er sein. Ich habe Durst. Nach einigem Zögern bestellt Gabriel für sich einen Caipirinha. Fast werde ich schwach. Dann erinnere ich mich jedoch an den schrecklichen Vormittag und bleibe standhaft.

“Du bist eine eigenartige Frau. Das ist mir bereits am Dienstag aufgefallen. Wir kennen uns gar nicht, und trotzdem sagst du mir Dinge, die die meisten Menschen wohl lieber für sich behalten würden.“

Anscheinend hält er mich für offen oder ehrlich.  “Das ist auch kein typisches Verhalten von mir. Ich unterscheide mich da wahrscheinlich gar nicht von anderen Menschen. Vielleicht war ich in der Vergangenheit sogar verschlossener.”

Ich überlege, wie ich die Veränderungen beschreiben soll.  “Irgendetwas passiert gerade mit mir. Ich kann nicht einmal sagen, was es ist. Ich habe das Gefühl, mein Leben würde auseinander bröckeln. Alles, was scheinbar sicher war, geht verloren. Und in meinem Inneren ist es genau so. Ich habe seit dreißig Jahren Angst. Bis vor kurzem habe ich geglaubt, ich hätte mich mit meinen Ängsten arrangiert. Wir hätten eine Art Abkommen getroffen. Einen Nichtangriffspakt. Nun werden sie plötzlich immer schlimmer. Sie kommen in kürzeren Abständen, und ich bin nirgendwo sicher vor ihnen.”

“Und deshalb bist du anderen gegenüber ehrlicher?”

“Es kommt mir so vor, als bliebe mir gar nichts anderes übrig. Das ist keine bewusste Entscheidung. Ich kann nicht anders.”

Da Gabriel skeptisch aussieht, rede ich weiter.

“Das fing letzten Sonntag an.” Und dann erzählte ich ihm von Hans und der Lesung, von meinem Zusammentreffen mit Eva Lorenz und meinem unglücklichen Geständnis, dem Fund der Rezeptsammlung, der Nacht mit Panik im Krankenhaus und von Marlenes Geburtstag. Sogar meinen Traum von der Schriftstellerei lasse ich nicht aus. “Und zwischendrin lerne ich auch noch dich kennen.”

Gabriel will mich aufheitern. “Das muss ganz besonders schlimm für dich gewesen sein.”

Als die Cocktails kommen, prosten wir uns kichernd zu. Gabriel verdreht beim Trinken vor Wonne die Augen. Dann sieht er mich ernst an. “Ich bin sehr froh, dass ich dich kennengelernt habe. Und ich wünsche dir, dass deine Reise nach Israel erfolgreich ist. Vielleicht schreibst du ja darüber, wie du von Simon erfahren hast. Wie sich durch dieses neue Wissen dein Leben verändert hat. Falls es sich verändert. Du wirst interessante Menschen kennenlernen, neue Erfahrungen machen. Und auch wenn du keinen Vater finden solltest, so doch vielleicht einen Freund. Darauf trinke ich.”

Mein Cocktail schmeckt nach Orangen und Limonen. Nach Sommer.

Gabriel hebt noch einmal sein Glas und stößt es gegen meins. “Ich zum Beispiel wäre sehr gern dein Freund.”

Ich kann spüren, wie mein Gesicht heiß wird. Gabriels Geständnis ist mir peinlich. Irgendetwas hopst jedoch auch in meinem Magen.

Das wundert mich. Gabriel ist nicht der Typ Mann, der meine Aufmerksamkeit geweckt hätte. Er ist auf den ersten Blick eher unscheinbar. Nicht hässlich, aber auch nicht attraktiv oder in anderer Weise interessant. Und doch geht eine eigenartige Anziehungskraft von ihm aus, die mich bereits am Dienstag erstaunt hat. Durch die Mütze hat sein Gesicht etwas Schelmisches. Gleichzeitig wirkt er sensibel und einfühlsam. Jünger auch.

“Du kennst mich doch gar nicht. Auch wenn ich dir schon einiges von mir erzählt habe. Ich bin bestimmt kein einfacher Mensch.”

Eigentlich haben wir jetzt genug von mir geredet. “Von dir weiß ich gar nicht viel. Du restaurierst Möbel und hast eine Enkeltochter.”

“Ich bin seit zehn Jahren geschieden und habe seit einem Jahr auch keine Freundin mehr. Ich würde dich also sehr gern näher kennen lernen.” Er grinst. “Außerdem…ich komme ganz gut mit komplizierten Frauen klar.”

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