Vor dem zweiten Kaffee

habe ich die Auflagen für die Hollywoodschaukel aus dem Schuppen geholt. Auch die kleinen Kissen, die ich mir in den Rücken stopfe.

Es wird von Tag zu Tag grüner hier, auch wenn ich oft denke: Grüner geht nicht. Aber es geht natürlich doch. Pflanzen wachsen in die Höhe, in die Breite. Der Salat wird als Nächstes blühen, der Rettich protzt bereits mit Weiß. Daneben am Strauch einige errötete Johannisbeeren. Im Grün der Gräser eine kleine rote Mohnblüte. „Vor dem zweiten Kaffee“ weiterlesen

Einfach leben – (20)

Immer wieder muss ich weinen. Wenn ich die Fotos betrachte zum Beispiel, die jetzt an meiner Wand hängen, so wie sie früher in Vaters Zimmer hingen. Manchmal muss ich auch nur seinen Duft atmen, schon geht es los. Diese Kombination aus Zigarettenrauch und herbem Männerparfüm, die mit den Büchern gekommen ist, die ich aus seiner Wohnung mitgenommen habe. „Einfach leben – (20)“ weiterlesen

Auch in meinem Zimmer riecht es nach Holunder.

Ich habe ein paar Blüten vom Strauch geschnitten und in eine kleine Vase gestellt. Alles wächst, gedeiht. Die Kugeldistel ist so in die Höhe geschossen – auch in die Breite –, dass ich die Vogeltränke dahinter nicht mehr sehen kann, wenn ich im Wintergarten sitze. Auch die Sonnenblumen wachsen sichtbar. Die zarten Stängel mit grünen Blättchen haben die Bohnenkerne hervorgebracht, die ich vor ein paar Tagen gesetzt habe. Schön, dass ihr schon da seid! „Auch in meinem Zimmer riecht es nach Holunder.“ weiterlesen

Einfach leben – (19)

Nach den sechs Wochen in Bad Hersfeld muss ich mich in Berlin schnell wieder an den Alltag gewöhnen. Ich bin zwar als weiterhin krank aus der Reha entlassen worden, aber es gibt trotzdem genug zu tun. Gerda wird in dem Pflegeheim bleiben, das hat ihre Tochter bereits entschieden. Also muss die Wohnung vom Vater ausgeräumt, müssen weitere Überlegungen angestellt werden. Wohin mit den Büchern, mit all dem Zeug, das sich über Jahrzehnte angesammelt hat? Servietten. Stapel von Zeitungen. Garderobe, Bettzeug, Hausrat, alles alt und für niemanden von Interesse. „Einfach leben – (19)“ weiterlesen

Kurz vor elf sind wir ins Blumenviertel geradelt.

Zum Hof- und Gartentrödel. Viele Anwohner haben mitgemacht. Von Ramsch bis schön chic war alles dabei. Klamotten. Kunst. Kindersachen. Viel Spielzeug. Geschirr. Bücher. Was man bei einem Trödel eben findet. Dinge, die man nicht braucht. Die man nicht unbedingt braucht… „Kurz vor elf sind wir ins Blumenviertel geradelt.“ weiterlesen

Einfach leben – (18)

Wenn ich das Klinikgelände verlasse, dann vor allem, um meinen Platz unter den alten Bäumen aufzusuchen. Die Linden blühen. Dicke Bienen torkeln um die Blüten herum, die Körper schwer vom gesammelten Nektar. Ihr Summen beruhigt meinen Geist, der sonst ständig beschäftigt ist. Mit der Vergangenheit. Der Zukunft. Selten mit dem, was gerade ist. „Einfach leben – (18)“ weiterlesen

Einfach leben – (17)

Wenn ich keine Therapien habe, nicht mit der Organisation der Beerdigung beschäftigt bin, liege ich auf einer Decke unter Linden und schau in den Blätterhimmel. Links von mir die Stadt, deren Lärm mich nicht erreicht, vor mir eine Wiese, hinter mir Felder, dazwischen Wege und ein Turm, in dem die wilden Katzen wohnen. „Einfach leben – (17)“ weiterlesen

Heute Morgen sang eine Amsel vor meinem Fenster.

Es kam mir vor, als wolle sie mir das Aufstehen schmackhaft machen. Komm. Schwing dich aus dem Bett. Die Sonne scheint. Setz dich in den Garten. Der mit der neuen Schneise, den fröhlich wachsenden Tomaten, dem stolzen Mohn, dem freigelegten Lavendelbusch noch schöner ist.

Alles richtig. Aber den ersten Kaffee trinke ich im Bett.

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Einfach leben – (16)

Es ist Freitag, der Dreizehnte. Vor zwei Tagen wurde der Vater aus dem Krankenhaus entlassen, aber ich kann ihn weder auf dem Handy noch auf dem Festnetz erreichen. Auch Ernie nicht, das ist eigenartig. Dann endlich habe ich Bernd, einen der beiden jungen Freunde meines Vaters, am Apparat. Er hat eine schlechte Nachricht für mich. Der Vater ist gestorben. Es wäre ganz schnell gegangen. Ob ich nach Berlin kommen könnte? „Einfach leben – (16)“ weiterlesen

Im Nachbargarten krakeelen die Krähen.

Sie klingen immer etwas ärgerlich. Heute habe ich mich mit dem zweiten Kaffee so gesetzt, dass ich den Salat, die Kugeldisteln und Sonnenblumen im Blick habe. Von letzteren wurden schon einige umpflanzt. Sie mussten Platz machen für die Bohnen, die ich gestern Morgen in die Erde gebracht habe. „Im Nachbargarten krakeelen die Krähen.“ weiterlesen