April 2012. Die Freundin schreibt in ihrer Mail, sie wäre knurrig heute. Und du? Ich war gestern knurrig, schreibe ich zurück. Nach einer Spätschicht im Kino brauche ich eigentlich anderthalb Tage zum Regenerieren. Da merke ich, dass ich keine zwanzig mehr bin. Nicht mal vierzig. Wenn man es genau nimmt, gehe ich mit großen Schritten auf die sechzig zu. „Anders erleben“ weiterlesen
Kategorie: Texte 1997 – 2026
Dem Büro entkommen
Krank. Dem Büro entkommen, könnte man auch sagen. Ich liege mit Halsentzündung, Husten und Schnupfen im Bett. Gestern schrieb ich Mails und weiter am Manuskript. Am Montag hatte ich eine sehr nette Begegnung mit meiner zukünftigen Agentin. Ich weiß jetzt, warum sie sich noch einmal mit mir treffen wollte. „Dem Büro entkommen“ weiterlesen
2020
Januar Die Meisen haben noch nicht bemerkt, dass ich wieder da bin. Meine anderen Mitbewohner schon. Gestern Abend erzählten wir nach der Begrüßung in der Küche wieder fröhlich durcheinander: wie die Weihnachtstage waren, wer wo Silvester gefeiert hat, was man sich eben erzählt. „2020“ weiterlesen
Unterwegs nach Prag
Anscheinend hatten viele Berliner dieselbe Idee. Für die ersten 195 Kilometer brauchen wir drei Stunden. Es ist viel zu warm für September, meine Stimmung entsprechend unterirdisch. Passend dazu kommen wir durch einen Ort, der Oberhässlich heißt. Wir fahren mit den letzten Tropfen Benzin und schaffen es gerade noch bis zur Grenze. Bis zum Paradies der deutschen Autofahrer, wo das Tanken endlich wieder Spaß macht. Oberhässlich setzt sich fort, auch wenn die Orte jetzt andere Namen tragen. „Unterwegs nach Prag“ weiterlesen
Kurz vor dem Ziel
Heute wollte ich ins MoMa. Dafür bin ich mitten in der Nacht aufgestanden, weil ich um acht Uhr mit Freundinnen an der S-Bahn verabredet war. Nach vier Stunden Wartezeit habe ich aufgegeben. Ich bin nicht der geduldige Typ, langes Warten ist nichts für mich. Wieso wollen alle in diese verdammte Ausstellung? Um Edward Hopper zu sehen? Modigliani? Herrn Richter? „Kurz vor dem Ziel“ weiterlesen
Ernestyna Israelski (1924–2011)
Ernestyna, als Kind Ernuschka gerufen, später Ernie, wurde 1924 in Oberschlesien geboren. Im Kohlenpott. Hohenlinde. Heute Lagiewniki. Wo im Winter der Schnee schwarz war.
Im September 1922, dem Geburtsjahr des älteren Bruders Willy, gehörte Hohenlinde zum Kreis Beuthen, Provinz Schlesien. Zwei Jahre später, als Ernestyna geboren wurde, hieß der Ort offiziell Lagiewniki und gehörte – quasi durch eine Volksabstimmung – zu Polen. „Ernestyna Israelski (1924–2011)“ weiterlesen
Eine Ablehnung ist erst einmal wie eine Ohrfeige
Ein Herr J. von der Agentur Schlück hat mein Manuskript abgelehnt. Nachdem ihm die ersten zwanzig Seiten gefallen hatten. Hat er gar nicht weitergelesen? Ist der Text nicht gut? Hat er einen anderen Anspruch? Einen schlechten Tag? Was bedeutet der Satz „hat mich nicht überzeugt“? „Eine Ablehnung ist erst einmal wie eine Ohrfeige“ weiterlesen
Die Fliege verfolgt mich
Sie war eben bei mir, als ich in der Küchenzeile das Geschirr abgewaschen habe. Jetzt schwirrt sie um die Lampe, um meinen Sessel. Ich erinnere mich an eine Aussage von Goloka, der vor einigen Jahren sinngemäß sagte, jemandem mit meinem Nervensystem würde schon die Fliege an der Wand stören. Wenn du wüsstest, wie recht du hast, hatte ich geantwortet. „Die Fliege verfolgt mich“ weiterlesen
Eine Frage des schlechten Gewissens
Bei Aldi habe ich elf weiße Rosen erstanden. In der einfachen Glasvase kommen sie besonders gut zur Geltung. Die Katze liegt neben dem Kopfkissen und schnurrt. Sie hat Durchfall und ist ebenso wenig glücklich wie ich. Vielleicht hat sie sich überfressen. „Eine Frage des schlechten Gewissens“ weiterlesen
Wir gehen trotzdem in die Sauna
Die U-Bahn ist heute nicht so voll. Erleichtert falle ich mit meiner großen Tasche, in der die Saunautensilien stecken, auf einen freien Platz neben der Tür. Als geruchsempfindlicher Mensch schätze ich die Düfte in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht. Meine Nase fühlt sich permanent beleidigt – von Parfüms, Körperausdünstungen, von allem zusammen. Am späten Nachmittag überwiegen eindeutig die Ausdünstungen. „Wir gehen trotzdem in die Sauna“ weiterlesen