Anders erleben

April 2012. Die Freundin schreibt in ihrer Mail, sie wäre knurrig heute. Und du? Ich war gestern knurrig, schreibe ich zurück. Nach einer Spätschicht im Kino brauche ich eigentlich anderthalb Tage zum Regenerieren. Da merke ich, dass ich keine zwanzig mehr bin. Nicht mal vierzig. Wenn man es genau nimmt, gehe ich mit großen Schritten auf die sechzig zu. „Anders erleben“ weiterlesen

Dem Büro entkommen

Krank. Dem Büro entkommen, könnte man auch sagen. Ich liege mit Halsentzündung, Husten und Schnupfen im Bett. Gestern schrieb ich Mails und weiter am Manuskript. Am Montag hatte ich eine sehr nette Begegnung mit meiner zukünftigen Agentin. Ich weiß jetzt, warum sie sich noch einmal mit mir treffen wollte. „Dem Büro entkommen“ weiterlesen

Unterwegs nach Prag

Anscheinend hatten viele Berliner dieselbe Idee. Für die ersten 195 Kilometer brauchen wir drei Stunden. Es ist viel zu warm für September, meine Stimmung entsprechend unterirdisch. Passend dazu kommen wir durch einen Ort, der Oberhässlich heißt. Wir fahren mit den letzten Tropfen Benzin und schaffen es gerade noch bis zur Grenze. Bis zum Paradies der deutschen Autofahrer, wo das Tanken endlich wieder Spaß macht. Oberhässlich setzt sich fort, auch wenn die Orte jetzt andere Namen tragen. „Unterwegs nach Prag“ weiterlesen

Kurz vor dem Ziel

Heute wollte ich ins MoMa. Dafür bin ich mitten in der Nacht aufgestanden, weil ich um acht Uhr mit Freundinnen an der S-Bahn verabredet war. Nach vier Stunden Wartezeit habe ich aufgegeben. Ich bin nicht der geduldige Typ, langes Warten ist nichts für mich. Wieso wollen alle in diese verdammte Ausstellung? Um Edward Hopper zu sehen? Modigliani? Herrn Richter? „Kurz vor dem Ziel“ weiterlesen

Ernestyna Israelski (1924–2011)

Ernestyna, als Kind Ernuschka gerufen, später Ernie, wurde 1924 in Oberschlesien geboren. Im Kohlenpott. Hohenlinde. Heute Lagiewniki. Wo im Winter der Schnee schwarz war.

Im September 1922, dem Geburtsjahr des älteren Bruders Willy, gehörte Hohenlinde zum Kreis Beuthen, Provinz Schlesien. Zwei Jahre später, als Ernestyna geboren wurde, hieß der Ort offiziell Lagiewniki und gehörte – quasi durch eine Volksabstimmung – zu Polen. „Ernestyna Israelski (1924–2011)“ weiterlesen

Eine Ablehnung ist erst einmal wie eine Ohrfeige

Ein Herr J. von der Agentur Schlück hat mein Manuskript abgelehnt. Nachdem ihm die ersten zwanzig Seiten gefallen hatten. Hat er gar nicht weitergelesen? Ist der Text nicht gut? Hat er einen anderen Anspruch? Einen schlechten Tag? Was bedeutet der Satz „hat mich nicht überzeugt“? „Eine Ablehnung ist erst einmal wie eine Ohrfeige“ weiterlesen

Die Fliege verfolgt mich

Sie war eben bei mir, als ich in der Küchenzeile das Geschirr abgewaschen habe. Jetzt schwirrt sie um die Lampe, um meinen Sessel. Ich erinnere mich an eine Aussage von Goloka, der vor einigen Jahren sinngemäß sagte, jemandem mit meinem Nervensystem würde schon die Fliege an der Wand stören. Wenn du wüsstest, wie recht du hast, hatte ich geantwortet. „Die Fliege verfolgt mich“ weiterlesen

Eine Frage des schlechten Gewissens

Bei Aldi habe ich elf weiße Rosen erstanden. In der einfachen Glasvase kommen sie besonders gut zur Geltung. Die Katze liegt neben dem Kopfkissen und schnurrt. Sie hat Durchfall und ist ebenso wenig glücklich wie ich. Vielleicht hat sie sich überfressen. „Eine Frage des schlechten Gewissens“ weiterlesen

Wir gehen trotzdem in die Sauna

Die U-Bahn ist heute nicht so voll. Erleichtert falle ich mit meiner großen Tasche, in der die Saunautensilien stecken, auf einen freien Platz neben der Tür. Als geruchsempfindlicher Mensch schätze ich die Düfte in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht. Meine Nase fühlt sich permanent beleidigt – von Parfüms, Körperausdünstungen, von allem zusammen. Am späten Nachmittag überwiegen eindeutig die Ausdünstungen. „Wir gehen trotzdem in die Sauna“ weiterlesen