Annas Angst – Sonntag (4)

Obwohl ich die Tür zum Hauptgebäude noch nicht geöffnet habe, kann ich durch die Glasscheiben schon erkennen, dass sich im Durchgang zum Garten nur ein einziger Mensch aufhält. Ein älterer Herr, der sehr aufrecht in einem Sessel sitzt. Er hat die Beine übereinandergeschlagen und hält eine dicke Zigarre in der Hand.

Obwohl er sich sehr gerade hält, wirkt er nicht angespannt oder gar verkrampft. Dieser Mann ist selbstbewusst und weiß, was er will. Ich kann allerdings nicht erkennen, ob er nun sechzig oder siebzig Jahre alt ist. Ich sehe ihn nur im Profil. Und das erinnert mich an Fotos von Albert Einstein. Nur die Nase ist größer. Ich nehme die Brille ab und stecke sie in meine Tasche.

Als ich die Tür öffne, dreht Simon sich mit dem Gesicht zu mir und stutzt. Dann wird er so blass wie die Wand hinter ihm. Ich habe den Eindruck, dass er aufstehen will, aber nicht kann. Ohne dafür einen Grund nennen zu können, habe ich plötzlich Angst, er könnte einen Herzschlag bekommen. Die letzten Meter stolpere ich ihm entgegen. “Herr Freund? Ich bin Anna Schwarz.”

Der Mann will etwas sagen, bringt jedoch keinen Ton heraus. Er wischt sich ein paar Mal über die Augen, als wolle er einen Schleier beiseite ziehen. Er scheint Probleme mit der Luft zu haben. Als er wieder sprechen kann, klingt seine Stimme wie ein Krächzen.

“Mein Gott! Das kann doch nicht wahr sein.”

Ich setze mich neben Simon und überlege, ob es nicht doch sehr voreilig von mir war, einfach so nach Israel zu fliegen, um ihn zu treffen. Allerdings kann ich mir nicht erklären, warum er so entsetzt ist. Selbst wenn ich meiner Mutter ähnlicher sehen sollte, als ich das bisher angenommen habe, ist das kein Grund. Ich fühle mich plötzlich sehr hilflos.

“Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen? Oder kann ich sonst irgendetwas für Sie tun?” Simon schüttelt den Kopf und versucht, wieder normal zu atmen. “Lassen Sie mich nur noch einen kurzen Augenblick hier sitzen. Es ist gleich alles wieder in Ordnung.” Obwohl er lächelt, sehen seine Augen traurig aus.

Ich sitze neben Simon und poliere vor lauter Aufregung meinen linken Daumen. So habe ich mir die ersten Minuten nicht vorgestellt. Während ich noch krampfhaft überlege, was ich Kluges sagen könnte, erhebt sich Simon unverhofft. Er hat wieder Farbe im Gesicht und sein Atem hört sich normal an.

Er streckt mir seine Hand entgegen. “Wir haben uns doch zum Essen verabredet. Dann lassen Sie uns jetzt zur Tat schreiten. Ich werde Ihnen bei einem guten Glas Rotwein erzählen, warum ich gerade so erschrocken war.” Dann lächelt er eigenartig. “Ich bin sicher, dass Sie mir auch einiges zu erzählen haben.”

Simon ist nur ein oder zwei Zentimeter größer als ich. Er sieht zäh aus, im Gesicht etwas verwittert. Seine Kleidung scheint ihn nicht zu interessieren. Zu einer schwarzen Stoffhose trägt er braune Sandalen und weiße Socken. Das Hemd ist zerknittert, der Ärmel des Jacketts ist an der Schulter aufgerissen.

Meine Mutter war bis zu ihrem Tod eine elegante Frau. Immer wie aus dem Ei gepellt. Auch nach acht Stunden sahen ihre Blusen noch wie frisch gebügelt aus. Selbstverständlich hatte sie das Haus nie ohne Make-up und Lippenstift verlassen. Sie war eine Dame, die darunter gelitten hatte, dass ich so aus der Art geschlagen war. Ich weiß jetzt, von wem ich das geerbt habe.

“Lassen Sie uns am besten gleich reingehen. Hier draußen wird es in einer halben Stunde schon kalt sein.” Simon geht voraus und hält mir die Tür zum Restaurant auf. Den Kellner, der uns zu einem Tisch am Fenster begleitet, begrüßt er wie einen alten Bekannten.

Nachdem wir Platz genommen haben, beginnt Simon die Weinkarte zu studieren. “Liebe Anna, ich darf doch Anna zu Ihnen sagen?” Er wartet, bis ich mit einem Kopfnicken mein Einverständnis erklärt habe.

“Möchten Sie lieber einen Weiß- oder einen Rotwein trinken?”

Das ist nicht die Frage, die ich erwartet habe. Ich zucke mit den Schultern. “Ich weiß noch nicht, was ich essen werde.”

Simon wischt meine Bemerkung vom Tisch. “Wir sind moderne Menschen. Dann müssen wir uns doch nicht an Regeln halten, die man vor hundert Jahren einmal aufgestellt hat. Das ist doch Quatsch. Roter Wein zu dunklem Fleisch. Weißer Wein zu hellem Fleisch. Wozu soll das gut sein? Trinken Sie doch einfach, worauf Sie Appetit haben. Wussten Sie übrigens, dass man hier die besten Schnitzel bekommt? Oder sind Sie Vegetarierin?” Diese Möglichkeit scheint ihn zu beunruhigen.

“Nein, ich esse gern mal ein Stück Fleisch. Und Sie haben wohl Recht. Ich finde, man könnte generell skeptisch sein, was die Regeln angeht, die andere Menschen aufgestellt haben. Ich nehme Rotwein.”

Simon grinst und gibt dem Kellner ein Zeichen. “Das ist eine gute Idee. Ich habe hier vor zwei Wochen einen sehr guten Karmel-Wein getrunken. Ist es Ihnen Recht, wenn ich uns davon eine Flasche bestelle? Und wenn Sie lieber etwas anderes als Schnitzel wollen, dann kann ich ihnen das Zürcher Geschnetzelte empfehlen. Mit frischen Pilzen und Rösti. Ganz wunderbar. Meine Frau nimmt das immer.”

Da sich das wirklich gut anhört, nicke ich zu allem und Simon gibt unsere Bestellung auf. Dann lehnt er sich zurück und betrachtet mich aufmerksam. “Sie sehen Ihrer Mutter schon ähnlich. Sie war eine sehr schöne Frau.” Er scheint in seiner Erinnerung nach einem Bild von ihr zu suchen. “Lebten Ihre Eltern auf Mallorca?”

Ich schüttle den Kopf. “Meine Eltern lebten in Berlin. Sie waren im Urlaub auf Mallorca, als sie dort verunglückt sind. Wissen Sie, ich weiß nur sehr wenig über die beiden, wir hatten kaum Kontakt.”

Simon blinzelt gegen das Licht. “Gab es einen Grund dafür? Oder ist diese Frage zu indiskret?”

Gerade als ich antworten will, kommt der Kellner mit dem Wein. Während Simon probiert, lächelt er. Er scheint glücklich über das Ergebnis zu sein. “Ein wunderbarer Tropfen. Ich bin gespannt, wie er Ihnen gefällt. Wenn er Ihnen nicht zusagt, biete ich mich an, die Flasche notfalls auch allein zu trinken.”

Das würde ihm wohl gefallen. Wir prosten einander zu.

“Trinken wir auf Ihre Mutter und auf unsere Bekanntschaft.”

Simon hat Pech. Der Wein schmeckt mir ausgezeichnet. Außerdem finde ich, dass er mir langsam erzählen könnte, warum ihn meine Erscheinung so erschreckt hat. Simon hat meine Gedanken erraten.

“Wahrscheinlich haben Sie sich über meine Reaktion bei ihrem Eintritt gewundert. Aber es war tatsächlich so, als hätte ich einen Geist gesehen. Sie können das nicht wissen, aber Sie sehen meiner Mutter so ähnlich, dass Sie ihr Zwilling sein könnten. Meine Mutter ist zwar schon seit vielen Jahren tot, aber ihr Gesicht werde ich nie vergessen.“

Ich bekomme eine Gänsehaut. Wie seine Mutter sehe ich aus. Das hätte mich auch erschreckt. Für einen Augenblick waren Simons Augen geschlossen, jetzt hat er sie wieder geöffnet.

„Ich weiß nicht einmal, wann genau die Nazis sie und meinen Vater umgebracht haben. Das letzte Mal sah ich sie 1938 auf dem Bahnhof. Ich war damals dreizehn Jahre alt und wartete zusammen mit meinen Eltern auf den Zug, der mich und viele andere Kinder nach England bringen sollte. In Sicherheit. Damals sah meine Mutter genau so aus, wie sie jetzt.”

Simon schweigt eine Weile, während ich mit aufsteigenden Tränen kämpfe.

“Und für diese frappierende Ähnlichkeit kann es eigentlich nur eine Erklärung geben. Das ist mir in dem Augenblick klar geworden, als ich Sie durch die Tür kommen sah. Sind Sie deswegen nach Jerusalem gekommen?”

Nach dieser Frage sitzen wir uns erst einmal stumm gegenüber. Stumm, weil ich nichts sagen kann, er, weil er nichts sagen will. Ich weine, er sieht mir dabei zu. Als ich ihm den Brief meiner Mutter über den Tisch reichen will, ignoriert er die Geste. Stattdessen beginnt er, langsam und umständlich seine Brille zu putzen. Ich bin kurz davor, sie ihm aus der Hand zu reißen und es selbst zu tun. Er muss es bemerkt haben, denn er lächelt. “Du bist wohl etwas ungeduldig.” Es klingt wie eine Feststellung, nicht wie eine Frage. Das Lächeln verschwindet auch gleich wieder. Er hat mich geduzt.

“Ich weiß gar nicht, ob ich diesen Brief überhaupt lesen möchte. Du bist meine Tochter, das ist ganz klar. Was kann in diesem Brief sonst noch stehen. Deine Mutter wird eine Erklärung dafür haben, warum sie mir nichts von deiner Existenz mitgeteilt hat. Menschen finden immer eine Erklärung für ihr Handeln, egal wie dumm sie ist.”

Ich sehe wohl etwas erschrocken aus. Simon holt eine Schachtel Zigaretten aus seiner Jackentasche. “Ich bin etwas verärgert, du musst mir verzeihen. Aber deine Mutter war eine komische Frau. Ich bin schon damals nicht klug aus ihr geworden. Und wenn ich jetzt darüber nachdenke, dass sie ein Kind von mir bekommen hat, ohne mir etwas davon zu sagen, dann hätte ich große Lust, sie übers Knie zu legen.”

Er zündet sich hastig eine Zigarette an. “Und das kann ich nicht mehr tun, weil sie tot ist. Soll das etwa gerecht sein? Wann hat sie es dir gesagt?” Simon setzt die Brille auf und sieht mich interessiert an.

“Oh, Sie denken, sie hätte es mir gesagt. Da irren Sie sich. Ich weiß es erst seit sechs Tagen. Seit ich in einer alten Kommode den Brief gefunden habe.”

Simon setzt die Brille wieder ab, streicht sich über die Augen. “Wir sind also Leidensgenossen.” Er überlegt einen Moment. “Dann ist es wohl auch kein Zufall, dass du in Israel bist. Du bist zu mir gekommen. Habe ich Recht?”

Ich nicke. Was sollte ich sonst auch tun.

“Du bist ja wirklich ungeduldig, noch ungeduldiger als ich. Das wird Jascha erstaunen. Jascha ist meine Frau, und sie behauptet, niemand könne es in puncto Ungeduld mit mir aufnehmen. Also gut, gib mir den Brief.”

In diesem Augenblick kommt unser Essen, Simon hat noch eine Schonfrist. Das Schnitzel auf seinem Teller ist riesig. Meine Portion ist etwas kleiner, aber ich kann schon nach dem ersten Bissen bestätigen, dass Simons Lob keineswegs übertrieben war. Dieses Geschnetzelte ist ein Traum.

Simon stöhnt. Alle Augenblicke sagte er hm und oh. So geht das eine ganze Weile. Als er merkt, dass ich ihn beobachte, gibt er mir mit einer Handbewegung zu verstehen, ich solle mich auf meinen Teller konzentrieren.

“Hast du das nicht von mir geerbt? Es gibt eigentlich nichts, das mir die Freude am Essen verderben könnte. Wenn ich sehr glücklich bin, dann schmeckt es mir noch besser als sonst, und wenn ich unglücklich bin, dann tröstet mich eine gute Mahlzeit. Ich habe noch nie verstanden, wenn Menschen sagen, ihnen sei etwas auf den Magen geschlagen, sie könnten nichts essen. Verstehst du das?”

Ich muss lachen, weil er so ernsthaft aussieht. Dann schüttle ich den Kopf und widme mich wieder meinem Teller. “Das geht mir ganz genauso. Nur wenn ich mir den Magen verdorben habe, dann bekomme ich nichts runter. Aber das geschieht selten.”

Das wiederum scheint Simon zu gefallen. Er macht eine kurze Pause, um von dem Wein nach zu schenken. “Deine Mutter aß immer sehr wenig. Eigentlich war sie viel zu dünn. Ist sie so dünn geblieben?”

Da ich den Mund voll habe, nicke ich nur.

“Aber damals waren auch andere Zeiten als heute. Da gab es noch nicht alles im Überfluss. Obwohl ich mich daran erinnern kann, dass deine Großmutter eine fantastische Köchin war und die Schüsseln immer voll waren.” Simon legt Messer und Gabel aus der Hand.

“Deine Großeltern waren sehr mutige Menschen. Meine Eltern waren nicht die einzigen, die sie versteckt hatten. Aber das weißt du ja alles selbst.”

Er isst in einem schnellen Tempo weiter, und ich werde langsam ärgerlich. “Ich weiß überhaupt nichts. Ich habe keine Ahnung. Gabriel hat mir erzählt, dass Ihre Eltern von einer Familie Weber versteckt worden sind. Waren das meine Großeltern? Mit mir hat doch niemand geredet. Ich muss immer alles allein herausfinden. Das geht mir auf die Nerven.”

Simon hat den letzten Bissen heruntergeschluckt und wischt sich mit der Serviette den Mund ab. Danach legt er sie langsam neben seinen Teller.

“Dann sollte ich den Brief wohl besser lesen, bevor du richtig zornig auf mich wirst.”

Er streckt mir seine Hand entgegen, in die ich den Brief lege. Bevor ich meine Hand zurückziehen kann, umschließt er sie mit beiden Händen.

“Hör mal Anna, ich hatte wirklich keine Ahnung, dass es dich gibt. Bitte glaube mir das. Erst als ich dich vorhin sah, habe ich alles verstanden.” Er macht eine kurze Pause. „Wie wäre es, wenn du Simon und du zu mir sagen würdest?“

Langsam ziehe ich meine Hand aus seinen Händen, damit ich mir die Nase putzen und die Augen trocknen kann. Aus Versehen habe ich die Serviette genommen, die nun einen schwarzen Fleck hat.

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