Margarete dachte an ihr warmes Bett. Endlich nach Hause. Plötzlich hatte sie es eilig. Eben war ihr klar geworden, dass sie wieder anfangen würde zu malen. Viel zu lange hatte sie nur davon geträumt. Vor lauter Rührung über sich selbst musste sie weinen. Schnee und Tränen liefen ihr über das Gesicht. Diese Frauengruppe heute Abend hatte etwas in ihrem Inneren in Bewegung gebracht. Natürlich hatten die Frauen recht: Wir sind das starke Geschlecht. Kein Mann sollte uns vorschreiben, was wir zu tun haben.
Sie hätte sich schon früher der Selbsthilfegruppe anschließen sollen, aber sie hatte nie den Mut gehabt. Und wie sollte sie das Rolfe erklären? Der würde ihr das doch sofort verbieten, wenn er es herausbekäme. Er hätte nur ein hämisches Lachen für Frauen, die versuchten, sich gegenseitig zu helfen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken – bei dem einen oder anderen Glas Rotwein.
Vor der Haustür suchte Margarete nervös nach ihrem Schlüssel. Kaum war sie drin, stolperte sie über etwas, das grunzte. Verdammt, war Rolfe auf dem Weg ins Bett wieder liegengeblieben? Wie sehr sie seine Sauftouren und Eskapaden hasste. Sie hatte es so satt. Voller Ekel dachte sie an seine fordernden Hände auf ihrem Körper, an all die Obszönitäten, die er ihr ins Ohr stöhnte, wenn er getrunken hatte. Widerlich war der Geruch von Alkohol, Schweiß und Zigaretten. Und von anderen Frauen. Wie hatte sie das all die Jahre ausgehalten?
Ein krächzendes Lachen kam irgendwo aus ihrem Körper. Ihm gehörte alles: Haus, Eigentumswohnung auf Sylt, der Benz, die Bilder. Genau genommen gehörten ihr nicht einmal die Kleider, die sie trug. Von ihrem Halbtagsjob hätte sie sich höchstens den Armani-Schal leisten können. Eine Ganztagsstelle hatte Rolfe ihr verboten. Er wollte, dass sie mittags mit dem Essen auf ihn wartete. Auch wenn er schon lange nicht mehr zum Essen kam, änderte das nichts an seiner Einstellung. Und das Malen hatte er ihr gründlich verleidet – mit seiner ewigen Kritik, seinem Nörgeln an Stil, Farben, Motiven.
In ihrem Kopf blitzte ein Gedanke auf: Warum nicht ein für alle Mal Schluss machen mit diesem Elend? Ihr fielen all die Kriminalromane ein, die sie in einsamen Nächten gelesen hatte. Sie hatten ihre Verzweiflung betäubt und das Warten auf Rolfe verkürzt. Wo waren nur ihre Handschuhe?
Sie zerrte den schweren Körper durch die Hintertür in die Garage. Er schnarchte laut und stank wie ein Schnapsfass. Er hatte es nicht anders verdient. Sie platzierte den Kopf direkt neben dem Auspuff. Während sie in seiner Hosentasche nach den Wagenschlüsseln suchte, versuchte Rolfe mehrere Male vergeblich die Augen zu öffnen. Ihre Befürchtung, er könne wieder zu sich kommen, war Gott sei Dank unbegründet. Dann startete sie den Wagen. Hoffentlich hatte sie nichts vergessen. Sie verfluchte ihr schlechtes Gedächtnis für Details. Denn die waren es doch, auf die es ankam bei einem Mord, der wie ein Selbstmord aussehen sollte. Auf alle Fälle brauchte sie ein Alibi. Und ganz dringend brauchte sie noch etwas zu trinken. Am besten einen doppelten Cognac.
Also rannte sie – ohne Schal, ohne Mütze, halb offenem Mantel – zum französischen Restaurant. In dieser noblen Gegend gab es keine richtige Kneipe, also musste die kleine Bar dort reichen. Leicht schwankend von der Erschöpfung und zwei Gläsern Rotwein bestellte sie ihren doppelten Cognac. Sie bildete sich ein, der Barkeeper mustere sie abfällig, aber er wagte nicht, sie abzuweisen. Er hatte sie oft an Rolfes Seite gesehen. Sein Blick sagte ihr jedoch, was er von betrunkenen Frauen reicher Geldsäcke hielt. Gut so. Sollte er ruhig glauben, sie sei betrunken.
Betont mühsam erklomm sie einen Barhocker, holte Lippenstift und Spiegel hervor und malte ihre Lippen knallrot nach. Das tat sie sonst nie öffentlich, aber heute war es wichtig, dass man sich an sie erinnerte. Also klagte sie laut über unpünktliche Ehemänner, die garantiert irgendwo ein Flittchen vögelten. „Da braucht so eine vernachlässigte Ehefrau eben mal ein kleines Cognäckchen! Nicht wahr, Meister? Und deswegen dürfen Sie mir noch so ein klitzekleines…“ Sie tunkte den Finger tief ins Glas.
Der Auftritt gelang ihr gut. Hatte sie wirklich „vögeln“ gesagt? Kurz überlegte sie, ob sie nicht lieber Theater spielen sollte. Vielleicht sogar beides – schließlich standen einer reichen Witwe viele Möglichkeiten offen.
Der Maitre bat sie um etwas mehr Zurückhaltung. Gnädige Frau würde doch bestimmt verstehen? Da sie nicht aus dem Restaurant gewiesen werden wollte, schimpfte sie leise weiter. Innerlich kochte sie. Am liebsten hätte sie dem Kerl eine runtergehauen. Sie merkte, wie lang zurück gehaltener Zorn in ihr aufwallte. Vielleicht fiel ihr ja ein, wie sie diesen Typen auch noch beseitigen könnte. Die Cognacs taten ihre Wirkung. Margarete schwelgte in Mordfantasien. Sie könnte diesem Pinkel nachts mit einem gestohlenen Auto auflauern und überfahren. Platt wie eine Flunder sollte er sein. Ihren Chef konnte sie auch nicht leiden. Der behandelte sie immer so von oben herab. Sie könnte ihm kleingehäckselte Haare in den Kaffee mischen. Und der Fahrlehrer, der sie einmal „dusslige Kuh“ genannt hatte – der käme ebenfalls auf die Liste. Jawohl, sie würde eine Liste anfertigen und dann….. Die würden schon alle sehen.
Margarete merkte, dass sie kurz davor war, vom Barhocker zu fallen. Das war gar nicht gut. Es war wichtig, einen halbwegs klaren Kopf zu behalten. Schließlich würde sie irgendwann die Polizei oder die Feuerwehr rufen müssen. Sie bestellte einen doppelten Espresso. Zwei Stunden waren vergangen, es war weit nach Mitternacht. Zeit, aufzubrechen. Nicht mehr ganz so euphorisch machte sie sich auf den Heimweg. Plötzlich musste sie dringend pinkeln. Warum hatte sie das nicht im Restaurant erledigt? Verstohlen blickte sie um sich. Kein Mensch war zu sehen. Verdammt, sie hatte doch tatsächlich das Gleichgewicht verloren. Bestimmt gab sie ein wunderbares Bild ab, wie sie mit heruntergelassenem Höschen und um die Knie schlackernden Strumpfhosen in der Schneewehe steckte.
„Gnädige Frau, kann ich Ihnen helfen?“ Großer Gott, diese Stimme kannte sie doch. „Pfui Harald, komm sofort hier her.“ Eine Zunge schleckte ihr Knie ab. Margarete war kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Dieser geile alte Bock von Nachbar hatte ihr jetzt gerade noch gefehlt. Nicht nur, dass er sie oft hinter den Jalousien seines Schlafzimmers belauerte, jetzt musste er sie auch noch in dieser peinlichen Stellung sehen. Und Harald, diese dumme Töle, würde es beim Knie abschlecken auch nicht belassen. Der war auch immer geil. Sie musste sich unbedingt aufrappeln. „Wenn Sie mir vielleicht ihre Hand reichen könnten, das wäre sehr freundlich“, säuselte Margarete mit mühsam unterdrücktem Zorn. „Ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte“.
Wernicke kam auf Platz 1 der Liste. Sie würde ihn eigenhändig in seinem Swimmingpool ertränken. Mühsam kam sie auf die Füße. Noch mühsamer war es, möglichst unauffällig Höschen und Strumpfhose hochzuziehen. Da nützte es auch nichts, dass sich Wernicke dezent abgewandt hatte und Harald am Halsband festhielt. „Vielleicht kann ich der gnädigen Frau für den Rest des Weges ja meinen Arm anbieten. Es ist noch nicht gestreut. Sicherlich hatte der Schneedienst so viel zu tun.“
Margarete zog den Mantel eng um sich herum. War das nun eine gute Idee oder nicht? Sie verfluchte die doppelten Cognacs. Statt mit dem Hintern hätte sie mit dem Kopf in der Schneewehe landen sollen. Andererseits: Es würde nicht schaden, wenn Wernicke bei ihr war. Wenn er sie sogar ins Haus begleiten würde. Das könnte ihre Geschichte glaubhafter machen. Verdammt, sie hatte gar keine Geschichte.
Sie griff nach dem dargebotenen Arm. „Danke. Mit einem starken Mann an meiner Seite fühle ich mich gleich viel besser. Es tut mir wirklich leid, dass Sie mich in dieser…..ähm, Situation überrascht haben.“ Sie stotterte ein wenig. Wernicke ließ sie nicht zu Ende reden. „Ich weiß gar nicht, wovon Sie reden, gnädige Frau. Ich bin Ihnen gerade auf dem Heimweg begegnet. Es gab keine ähm… Situation.“ Widerwillig hauchte sie ein danke. Den Rest des Weges gingen sie schweigend. Harald lief kläffend voraus. Vor ihrem Haus wollte Wernicke sich verabschieden. Harald sprang freudig an ihr hoch. Den Köter würde sie auch vergiften.
„Darf ich Sie vielleicht noch zu einem Tee einladen?“ Margarete fiel ein, wie spät es war. Wernicke sollte nicht denken, dass sie ihm Avancen machte. „Mein Mann kommt immer erst in der Frühe nach Hause. Und ich fürchte mich in letzter Zeit oft. Man hört ja so viel von Einbrechern hier in der Gegend. Und..“ Sie hatte den Text hastig herunter gerattert. Wernickes Augen hatten zu leuchten begonnen. „Ich bitte Sie, Gnädige Frau, Sie müssen sich doch nicht entschuldigen. Natürlich nehmen wir Ihr Angebot mit Vergnügen an.“
Margarete konnte sich nicht erinnern, Harald auch eingeladen zu haben. Sie hasste Hunde im allgemeinen, Harald im Besonderen, und ein nach Feuchtigkeit stinkender Hund war eigentlich mehr, als sie jetzt verkraften konnte. Aber was blieb ihr übrig?
„Kommen Sie bitte herein.“ Sie bat Wernicke ins Wohnzimmer. Sollte der Köter nur ein einziges Mal an ihr hochspringen, würde sie ihn mit der Kamingabel erstechen. Auf der Stelle. Aber Harald hatte andere Absichten. Er war zur Hintertür gelaufen und sprang dort laut bellend hin und her. Die Rufe seines Herrchens ignorierte er. „Irgendetwas ist da nicht in Ordnung.“ Wernicke wurde ganz aufgeregt. „Harald hört sonst aufs erste Wort.“ Das war Margarete neu. Sie war fast dabei, sich vor lauter Angst in die Hose zu machen. Jetzt kam der große Augenblick.
Wernicke steuerte entschlossen die Hintertür an. Riss sie mit einem Ruck auf. Margarete konnte das leise Motorengeräusch hören. Dann war Stille. Wernicke musste den Zündschlüssel umgedreht haben. Sie höre Harald wie aus weiter Ferne kläffen. Ihr Herz pochte dagegen so laut, dass sie dachte, Wernicke in der Garage müsste es hören. Und dann stand Wernicke wieder vor ihr. Etwas bleicher. Er hustete. „Ihr Mann muss aus Versehen den Motor angelassen haben.“ Ja, ja, schon gut. Warum sagte er nichts über Rolfe?
„Was ist das für ein Lärm mitten in der Nacht? Kann ich denn nirgendwo meine Ruhe haben? Was machen Sie blöder Wichser bei meiner Frau? Ihnen muss wohl mal jemand die Fresse polieren.“
Margarete traute ihren Ohren nicht. Das war eindeutig Rolfes Stimme. Er lebte. Zaghaft drehte sie sich um. Sie sah, wie er gerade dabei war, schwankend die Treppe herunterzukommen. Harald raste ihm wütend kläffend entgegen. Dann sah sie nur noch, wie Rolfe mit dem Kopf voran die Treppe heruntergerutscht kam. Vor ihr blieb er liegen. Bewegungslos und seltsam verrenkt. Keinen Ton gab er von sich.
Während sie auf den Notarzt warteten, hatte Margarete Mühe, Wernicke zu beruhigen. Der hielt Harald umklammert und beteuerte immer wieder mit kläglicher Stimme, dass der arme Hund gar nichts getan hätte. Das hätte der Harald nie und nimmer gewollt. Bestimmt hatte er geglaubt, er müsse sein Herrchen beschützen. So wie der Herr Wagner geschrien habe. Und schließlich hätte Harald ja nur gebellt. Das würden Hunde nun mal so machen. Wenn man ihm den Harald wegnimmt, dann bringt er sich um. Wernicke heulte und Harald guckte blöde.
Margarete versprach, für Harald zu sprechen. Sie könne bezeugen, dass der Hund unschuldig sei. Schließlich habe ihr Mann Drohungen ausgestoßen. Und betrunken sei er auch gewesen. Sie sage es nicht gern, aber sie hatte er auch schon bedroht. Geschlagen sogar. Über so etwas rede man natürlich nicht mit den Nachbarn. Der Harald sei so ein liebes Tier. Das wüsste schließlich jeder.
Rolfe hatte sich bei dem Sturz das Genick gebrochen. Er muss sofort tot gewesen sein. Es gab die üblichen Untersuchungen, dann wurde die Leiche zur Bestattung frei gegeben. Kurze Zeit später wurde Margarete auch Rolfes Lebensversicherung ausgezahlt. Wernicke durfte sie weiterhin heimlich beobachten. Ab und an ließ sie ihn sogar ein Stück von ihrem nackten Busen sehen. Nicht zu viel. Und Harald bekam jede Woche ein großes Stück besten Roastbeefs. Heimlich natürlich.