Über der Wiese zwei rote Milane, die um das Revier streiten.

Falls ich nicht Zeugin einer ungewöhnlichen Liebeswerbung bin. Was ich aber nicht annehme. Gerade habe ich mein Rührei gegessen – seit 24 Tagen mein Frühstück, mal mit Frischkäse, mal wie heute mit Leberwurst – und mir dabei von Martina Gedeck (ganz wunderbar) das Kapitel über Zähne aus dem Roman Die späten Tage von Natascha Wodin vorlesen lassen.

Die Autorin ist eine bekennende Angstpatientin, die auch schon früh Probleme mit den Zähnen hatte. Eine Schwester im Zahne also. Bei ihr lassen sich diese Probleme auf Mangelernährung zurückführen. Auf eine Art Lutschschokolade, von der sie sich als Kind überwiegend ernährte. Der musikalische Vater – er sang in einem Kosakenchor – bekam sie von amerikanischen Soldaten, wenn es dort Auftritte gab. Natascha Wodin, geboren 1945, lebte die ersten Jahre mit ihren Eltern – ehemaligen russischen Zwangsarbeitern – in einem Lager für Displaced Persons. Später in einer Art Ghetto, von den braven bayrischen Kindern als Untermensch und Russensau beschimpft.

Mein Herz schmerzt, wenn ich diese Passagen höre. Oder jene über ihre junge Mutter, die sich das Leben nahm, als die Autorin zehn war. Die Mutter ist nie darüber hinweggekommen, dass ihre Mutter und ihre Schwester in einem Gulag in Sibirien gestorben waren. Jahre später erfuhr die Autorin bei der Recherche für ihr Buch Sie kam aus Mariopul, dass sowohl Mutter als auch Schwester überlebt hatten. Welch eine Gemeinheit des Schicksals.

Der Roman gefällt mir von gehörter Minute zu Minute besser. Ich überlege, ob ich ihn mir noch als gebundenes Buch kaufe. Immer möchte ich Sätze, Absätze markieren. Politische Betrachtungen. Betrachtungen über das Alter – rabiat ehrlich und abschreckend –, daneben Erinnerungen aus den verschiedensten Lebensabschnitten, Begegnungen, Freundschaften, Naturbeobachtungen, die letzte Liebe, die alles andere als rosig ist, aber eben doch Liebe. Ich sauge alles auf. Und fürchte mich gleichzeitig vor dem Ende. Vor den letzten Sätzen, die unweigerlich kommen werden und die mich in eine vorübergehende Buch-Ende-Depression entlassen werden. Aber egal. Großen Dank an die Autorin.

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