Annas Angst – Donnerstag (1)

Ich wache um fünf Uhr mit heftigen Kopfschmerzen auf. Besonders unangenehm ist die rechte Seite. Am Schädelbein bohrt jemand mit einem Zahnarztbohrer. Das Signal steht auf Liegenbleiben. Als ich trotzdem versuche, mich aufzusetzen, wird mir so schlecht, dass ich Angst habe, mich im Bett übergeben zu müssen. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig ins Bad. Orlando schreit und kratzt an der Tür, die ich ihm direkt vor der Nase zugeschlagen habe. Aber dies ist kein Morgen für Kompromisse. Ein Kater genügt mir vollkommen.

Der Blick in den Spiegel bestätigt meinen Verdacht. Ich sehe genau so schrecklich aus, wie ich mich fühle. Wie Braunbier mit Spucke, würde Großmutter sagen. Augenringe schwarz und groß wie Untertassen. Ich muss zurück ins Bett. Irgendwann wird es mir besser gehen. Vielleicht sollte ich mich ein wenig ablenken. Vor allem sollte ich nicht an den gestrigen Abend denken. Als ob das so leicht wäre. Immer wieder sehe ich Marlenes erschrockenen Gesichtsausdruck. Sehe Hans, wie sein Mund ihr Ohr streift. Ob er noch bei ihr ist? Ob sie sich heute Nacht geliebt haben? Sind sie jetzt glücklich, weil ich endlich Bescheid weiß und die Heimlichkeiten ein Ende haben? Wann hätten sie es mir sagen wollen?

Die Gedanken drehen sich im Kreis. Das Gefühl der Befreiung und die wunderbare Leichtigkeit, die ich gestern Abend noch gespürt habe, alles ist verschwunden. Das ganze Elend ist wieder da. Ich versuche es mit einem Buch. Der Kopf tut zu weh, ich kann mich nicht konzentrieren. An Schlaf ist ebenfalls nicht zu denken, dafür ist mir zu übel.

Ich könnte mich mit meiner Reise beschäftigen. Allerdings bin ich mir längst nicht mehr so sicher, dass es eine gute Idee ist, nach Israel zu fliegen und Simon zu besuchen. Es liegt nicht nur an meinem schlechten körperlichen Zustand. Ich bin mir gar nicht mehr so sicher, dass ich meinen Vater kennenlernen möchte.

Wozu? Ich bin fünfundvierzig Jahre alt. Ich brauche keinen Mann, zu dem ich aufblicken kann, der mein Leben in Ordnung bringt, mir Sternbilder und physikalische Zusammenhänge erklärt oder der mit mir Kleider kaufen geht. Zumindest dachte ich als Kind, als junges Mädchen, dass dies die Dinge wären, die ein Vater tut. Die Wahrheit ist: Ich habe keine Ahnung von Vätern. Woher auch. Ich hatte nie einen.

Bis zum Auffinden jenes Briefes, den meine Mutter an Simon geschrieben hatte, habe ich selten an meine Kindheit gedacht. Wenn ich anderen Menschen etwas von früher erzählen soll, antworte ich meist mit einem Scherz. Sage, dass es nicht viel zu berichten gibt. Dass es bei uns zu Hause so eng war, dass es nicht einmal einen Platz für das Wort Privatsphäre gab. Ich habe viel gelesen.

Meine eigene Welt erschien mir immer klein. Klein und unbedeutend. Wir haben zu dritt in einer winzigen Einzimmerwohnung in Prenzlauer Berg gelebt. Meine Großeltern, ich, und wenn mein Vater auf Dienstreisen war, schlief auch meine Mutter bei uns. Vielleicht war diese Enge zusätzlich zu der Schweigsamkeit meiner Großeltern ein Grund, warum ich mich in die Welt der Bücher geflüchtet habe. Zum Lesen brauchte ich wenig Platz. Unauffällig konnte ich in andere Welten reisen. In Welten, die größer, abenteuerlicher, romantischer waren als die, in der ich lebte.

Mit dem Urwalddoktor reiste ich nach Lambarene, trieb auf einem Floß den Orinoko entlang, ich war eine Tochter der großen Bärin und erreichte als Trotzkopf das Backfischalter. In der Auswahl meiner Lektüre war ich nicht wählerisch. Ich las, was ich finden konnte.

Meinen Großvater kannte ich bis zu seinem Tod nur krank und bettlägerig. Ich war sieben, als er starb. Großmutter saß die meiste Zeit schweigsam an ihrer Nähmaschine. Sie hatte von ihrer Mutter alles gelernt, was es über Handarbeiten zu lernen gab. Sie konnte sticken, stricken und stopfen. Auch elegante Kleider und Kostüme nähte sie, wenn es verlangt wurde. Das kam jedoch selten vor. Meist kürzte oder verlängerte sie Rocksäume, nähte neue Reißverschlüsse ein oder besserte das Futter eines alten Mantels aus. Mit dieser Arbeit verdiente sie sich eine kleine Summe zu ihrer mageren Rente hinzu.

Walter war auf Baustellen unterwegs, und meine Mutter sah ich durch ihre Schichtarbeit genau so selten. Sie war keine Vertraute für mich. Selbst wenn sie da war, hatte ich das Gefühl, sie würde in einer anderen Welt leben. Sie wirkte immer ein wenig geistesabwesend, als würde sie auf etwas warten. Auf ein anderes Leben vielleicht. Auf etwas, das man ihr versprochen hatte und das noch nicht eingelöst war. Aber als Kind habe ich über solche Dinge nicht nachgedacht. Meine Mutter war anders als andere Mütter. Basta. Sie konnte stundenlang Opernarien hören, Madame Butterfly und Nabucco waren ihre Lieblingsopern. Während sie der Musik lauschte, beobachtete ich fasziniert das grüne Auge von unserem Dampfradio.

Zu den schönsten Erinnerungen meiner Kinderzeit gehört ein Sonntagmorgen in der Adventszeit. Walter war auf einer Dienstreise, meine Mutter war am Sonnabend nach der Schicht zu uns zu Besuch gekommen. Sie hatte die Nacht mit mir in dem Bett geschlafen, in dem ich sonst mit Großmutter schlief. Damals war ich fünf oder sechs und besaß noch kein eigenes Bett. Für sich hatte Großmutter in der Küche die Ziehharmonikapritsche aufgestellt. Von dort hörte ich sie morgens klappern. Aus Großvaters Bett drangen dieselben schweren Atemzüge wie sonst auch.

Der Ofen war noch nicht geheizt. Im Zimmer war es eisig kalt. Beim Atmen pustete ich weißen Dampf aus. Am Fenster waren Eisblumen. Ich kuschelte mich an den warmen Körper meiner Mutter und hoffte, dass sie nicht aufwachen würde. Ich wollte sie noch eine Weile ganz für mich allein haben. Sie roch nach Pfefferkuchen und Vanille.

Irgendwann rief Großmutter aus der Küche, es wäre langsam Zeit zum Aufwachen. Gleich darauf kam sie mit einer dampfenden Tasse Kaffee für meine Mutter und einem Kakao für mich zu uns ans Bett. Meine Mutter hatte ihre Augen noch nicht richtig geöffnet, sie wurde immer nur langsam wach. Kraftlos drückte sie meine Hand. “Such einen Sender, der Musik spielt.”

Das Radio stand neben dem Bett auf der alten Kommode. Großmutter half mir, indem sie auf eine der weißen Tasten drückte. Ich drehte an dem runden Knopf, mit dem man die Sender einstellen konnte. Plötzlich hörten wir den Gefangenenchor aus Nabucco. Ich wusste sofort, dass ich nicht weiter zu suchen brauchte. Großmutter setzte sich zu uns aufs Bett und lauschte ebenfalls. Es dauerte gar nicht lange, da weinten beide Frauen. Obwohl ich nicht wusste, warum sie weinten, spürte ich instinktiv, dass alles in Ordnung war. Ich musste mir keine Sorgen machen. Großmutter hielt meine linke Hand, meine rechte lag in den warmen Händen meiner Mutter. Ich kann mich bis heute nicht daran erinnern, irgendwann später noch einmal so glücklich gewesen zu sein.

Erst in den letzten Tagen ist mir wieder eingefallen, wie verlassen ich mich als Kind und als Jugendliche oft gefühlt habe. Vielleicht hätte ich genauso empfunden, wenn meine Eltern im Osten geblieben wären. Vielleicht bin ich von Natur ein einsamer Mensch. Einer, dem es schwerfällt, sich an andere Menschen zu binden, sich ihnen zugehörig zu fühlen.

Ich denke zu viel an den Tod. Es gibt Momente, da werde ich scheinbar aus heiterem Himmel von der Gewissheit durchdrungen, dass ich sterben muss. Ich werde fortgehen. Ohne Reiseleitung und erst recht ohne einen Reisebegleiter. Den letzten Weg in das Unbekannte muss ich allein gehen. Natürlich sind schon viele vor mir gegangen, und ebenso viele werden mir folgen. Aber in dem Moment, in dem ich mich auf den Weg machen muss, gibt es nur mich. Diese Vorstellung fand ich schon früher schrecklich, sie gefällt mir noch immer nicht.

Ich habe doch noch gar nicht richtig gelebt. Weder habe ich ein Buch veröffentlicht noch die eine überwältigende Liebe erlebt. Falls das tatsächlich die Dinge sind, nach denen ich mich sehne. Denn genau weiß ich nicht, worauf ich warte und was noch passieren muss. Ich fühle nur, dass mir etwas Entscheidendes vorenthalten wird. Dass etwas Wichtiges fehlt. Eine Erfahrung vielleicht. Die des Ankommens. Alles ist an seinem richtigen Platz, steht im richtigen Verhältnis zueinander. Stattdessen habe ich das Gefühl, das Leben würde mich nicht beachten. Wie ein Fremder, der an mir vorbei geht und mich nicht sieht. Der in seiner eigenen Welt mit sich selbst beschäftigt ist. Vielleicht blickt er gerade interessiert einem anderen Menschen hinterher. Ich beobachte es voller Neid. Ich kenne diesen Fremden nicht, weiß nichts von seinem Leben. Aber ich fühle mich auf unerklärliche Weise zu ihm hingezogen. Und er sieht mich nicht einmal. Das Leben ist für mich dieser Fremde. Es ist unbekannt und anziehend. Aber es geht an mir vorüber, ohne mich wirklich wahrzunehmen. Dabei würde es eine wunderbare Entdeckung machen, wenn es mich sehen könnte.

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