Ich habe mir oft gewünscht, es gäbe eine höhere Instanz, die ich um Hilfe bitten könnte. Nicht einmal Gott ist mir als Trost geblieben. Dabei habe ich als kleines Mädchen voller Inbrunst und Hoffnung gemeinsam mit Großmutter zu ihm gebetet. Sie hatte mir erzählt, dass der liebe Gott einen nie verlässt. Menschen verlassen andere Menschen, aber Gott liebt uns immer und bleibt da.
Großmutter hatte wohl gehofft, der Glaube könnte das Fundament meines Lebens sein. Sie hat sich geirrt. Bereits in der Schule begann mein Glaube zu bröckeln. Er bekam Risse. Eines Tages hatte er sich ganz aufgelöst. Das lag nicht nur am Sozialismus, in dem es keinen Gott geben durfte. Lenin hatte es bereits verkündet. Recht hatte er. Religion ist Opium fürs Volk. Gott ist etwas für dumme Menschen. Ich aber war ein aufgeklärter Mensch. Ich glaubte und glaube das, was sich auch wissenschaftlich beweisen lässt. Niemand hat Gott gesehen, kein Physiker kann seine Existenz beweisen.
Seit ich unter den Panikzuständen leide, wünsche ich mir allerdings wieder einen Gott, zu dem ich beten kann. Einen gütigen, weisen, der mir in diesen dunklen Stunden versichert, dass ich noch lange nicht sterben muss. Aber es rührt sich nichts. Gott hat mich verlassen. Schlimmer noch, er war nie da.
Ist das die Erklärung? Will ich deswegen nach Israel? Wenn ich schon keinen Gott habe, dann wenigstens einen Vater? Ich verfluche Psychologie und Philosophie. Das habe ich nun von meinen Studien. Ich kann nicht einmal auf Vatersuche gehen, ohne sofort meine Motive zu hinterfragen.
Wenn ich allerdings wirklich nach Israel will, muss ich aufstehen und in ein Reisebüro gehen.
Gegen Mittag ist es so weit. Ich mache einen zweiten Versuch und siehe da: Ich kann sitzen und laufen, ohne dass mir schlecht wird. Ich rufe Peter an und bitte ihn, meinen Spätdienst zu übernehmen. “Wie sieht es bei dir nächste Woche aus? Könntest du täglich arbeiten? Ich brauche dringend Urlaub, ich muss mich einmal richtig ausruhen.” Er überlegt einen Augenblick. “Das kann ich einrichten. Mach dir keine Sorgen. Ich finde sowieso, du solltest eine Pause machen und an etwas anderes denken.”
Einen solchen Mann kann man gernhaben. Nie verlangt er umständliche Erklärungen.
Nach dem Telefonat mische ich mir einen Drink aus zwei Aspirin und Apfelsaft und rufe das Reisebüro bei Karstadt am Hermannplatz an. Ich erkundige mich nach einzelnen Flügen in den nächsten Tagen. Ich habe Pech. Von Berlin geht erst nächste Woche wieder ein Linienflug nach Tel Aviv. Aber wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, fällt es mir schwer, einen Aufschub zu akzeptieren. Ich will keine Woche warten.
Kurzfristig kann man mir nur noch Pauschalreisen anbieten. Ich habe die Wahl zwischen einer einwöchigen Rundreise durch das Heilige Land oder einem ebenfalls einwöchigen Aufenthalt in einem beliebigen Hotel in Jerusalem. Dann könnte ich am Sonnabend von Hamburg aus fliegen. Das ist der früheste Termin, und der ist in zwei Tagen. Es gibt allerdings nur noch einen Platz in der Maschine. Ich muss mich schnell entscheiden. Morgen ist 1. Mai, da hat das Reisebüro zu. Ich bitte die freundliche Dame, die mir so geduldig alle Auskünfte erteilt hat, mir bis sechzehn Uhr den Platz zu reservieren.
Das Gespräch hat mich beflügelt. Langsam kehren meine Lebensgeister zurück. Mit ihnen mein Appetit. Telefonisch bestelle ich mir in der Pizzeria an der Ecke eine Thunfischpizza und eine Cola. Danach rufe ich Herbert in seinem Laden an. Ich habe nämlich noch ein gravierendes Problem. Ich habe kein Geld.
Seit Jahren schon lebe ich von der Hand in den Mund. Der Laden wirft gerade so viel ab, dass ich Peter und meine Miete bezahlen und mir ab und zu ein paar kleinere Annehmlichkeiten leisten kann. Ein Wochenende an der Ostsee, gelegentlich ein Restaurantbesuch oder eine Pizza vom Laden um die Ecke, alle paar Monate ein neues Kleidungsstück. Mehr brauche ich auch nicht. Dies hier ist eine besondere Situation.
Herbert hebt nach dem zweiten Klingeln ab. Ich halte mich nicht lange mit einleitenden Worten auf. “Hast du schon eine Vorstellung davon, wie viel der Verkauf der Wohnungseinrichtung meiner Eltern bringen wird? Und wenn ja, kannst du mir einen Teil der Summe im Voraus geben? Ich brauche unbedingt einen größeren Betrag.” Dann erzähle ich ihm in aller Eile von meinem Plan, nach Israel zu fliegen und meinen Vater zu besuchen.
Eine Weile sagt Herbert gar nichts. Ich kann nur hören, wie er ein paar Mal hm und tja murmelt. Daraus kann ich nicht entnehmen, ob es zustimmend oder eher skeptisch gemeint ist. Dann brummelt er noch irgendetwas, das sich wie “muss überlegen” anhört.
Endlich hat er sich entschieden. “Für das Biedermeierzimmer habe ich schon einen Interessenten. Aber ich lasse ihn noch ein wenig zappeln, den Saftsack. Der will mich im Preis runterhandeln. Dabei sind sieben Mille geschenkt. Wenn ich alles zusammenrechne, die Möbel, Teppiche und Geschirr – wusstest du eigentlich, dass deine Eltern echtes Meißner Porzellan hatten? – also vielleicht kommen Zehntausend Mark zusammen. Es könnte auch mehr sein, aber das weiß ich erst in ein paar Monaten genau. Du kannst also mit mindestens Fünftausend Mark rechnen. Jetzt gleich kann ich dir zweitausendfünfhundert geben. Ist das in Ordnung?”
Er möchte allerdings noch eine Anmerkung zu meiner Reise machen. “Im Übrigen halte ich nichts davon, diesen armen Mann einfach so zu überrumpeln. Aber das ist natürlich deine Sache. Ich weiß ja, wie störrisch du bist, wenn du dir etwas in den Kopf gesetzt hast. Wird wohl wenig Sinn haben, dir das ausreden zu wollen.”
Am liebsten würde ich durch die Leitung hindurch Herbert um den Hals fallen. Er ist wirklich ein Freund. Mit so viel Geld habe ich nicht gerechnet, die zweitausendfünfhundert Mark sind für eine Woche Urlaub mehr als genug. Ich kann mir die Summe in zwei Stunden abholen.
Dieser Tag scheint doch ein Glückstag zu sein, auch wenn er mit einem Kater angefangen hat, und Herbert von meiner Idee nicht begeistert ist. Das wird mich nicht davon abbringen. Im Gegenteil, je länger ich über meine Reise nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, das Richtige zu tun. Und das ist in diesem Fall, den Kontakt zu meinem Vater zu suchen und die Rätsel, die der Brief mir aufgegeben hat, zu lösen.
Ich gebe dem Pizzaboten ein großzügiges Trinkgeld, vertilge die Pizza im Stehen in der Küche. Es kommt mir vor, als hätte ich seit Tagen nichts gegessen, so groß ist plötzlich mein Hunger. Die Cola soll mir beim Verdauen behilflich sein.
Die Reiseplanung hat nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelischen Schmerzen überdeckt. Ich fühle mich in hoffnungsvoller Aufbruchstimmung und bilde mir ein, gegen neue Verletzungen immun zu sein. Beschwingt gehe ich ans Telefon, als es klingelt.
Es ist Hans. Damit hätte ich rechnen müssen. Hans ist kein Mann, der sich ungestraft öffentlich ohrfeigen lässt. Ich kann gerade noch “Hallo” sagen, bevor er los redet.
“Ich möchte dir folgendes sagen: Dein Benehmen gestern war unmöglich. Ich kann es mir nur damit erklären, dass dir deine psychischen Probleme über den Kopf wachsen. Aber du willst ja nicht hören und nimmst keine Ratschläge an. Dabei meinen es die Menschen nur gut mit dir. Und noch etwas. Morgen früh fahre ich mit Marlene für ein langes Wochenende an die Ostsee. Wenn wir von Usedom zurück sind, möchte ich noch einmal mit dir reden. Unsere Beziehung ist noch nicht zu Ende. Jedenfalls nicht für mich. Ich habe immer noch sehr viele Gefühle für dich.” Dann legt er einfach auf.
Dieser Mistkerl. Er kennt mich gut. Er weiß, wie sehr mich diese Mitteilung aufregt und kränkt. Er hat mir keine Möglichkeit gelassen, ihm zu antworten. Ich soll nur wissen, dass er mit Marlene verreist. Wahrscheinlich wird er sogar in unser Lieblingshotel mit ihr fahren. Wieso hätte er sonst Usedom erwähnen sollen? Dort ist das kleine Hotel, in dem wir so manch romantisches Wochenende verbracht haben.
Aber ich mache mir schon wieder selbst etwas vor. So romantisch waren die Wochenenden nämlich gar nicht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er mich einmal dort hat sitzen lassen. Erst war er beleidigt, dann hatte er geschrien, sich in sein Auto gesetzt und war nach Hause gefahren. Es war ihm egal, wie ich nach Hause komme. Ich bin dann am nächsten Tag mit dem Zug gefahren. Vorher musste ich zwei Beruhigungspillen nehmen, sonst hätte ich vor lauter Angst die Fahrt nicht überstanden. Und das alles nur, weil ich mich mit dieser Tänzerin unterhalten hatte, die wir in dem kleinen Café getroffen hatten. Wir waren uns von Anfang an sympathisch gewesen. Ich hatte mich für die Workshops interessiert, die sie in Stralsund anbietet und zu denen meist nur Frauen kommen, weil Männer sich seltener mit ihren Körpern beschäftigen.
Hans hatte sich noch Stunden später über das vermeintlich männerfeindliche Gespräch geärgert und mir Vorwürfe gemacht. Ich hätte mich mit dieser Frau, die für eine Tänzerin viel zu unbeholfen gewirkt hätte, wer weiß, was für eine komische Tänzerin sie überhaupt war, gleich solidarisiert. Gegen ihn. Eigentlich hatte er sich wohl ausgeschlossen gefühlt. Das hätte er allerdings niemals zugegeben. Dafür ist er zu eitel. Fehler? Er?
Das ist alles richtig. Trotzdem gefällt mir die Vorstellung nicht, die mir im Kopf herum spukt. Hans, wie er sich mit Marlene auf dem Bett in dem wunderschönen Zimmer mit Meerblick herumwälzt. Was soll in diesem Fall die Floskel bedeuten, er hätte noch sehr viele Gefühle für mich? Soll ich glauben, dass er mich liebt? Mir kommt es vor, als hätte er mir viel lieber seine Faust in den Magen gerammt.
Schlagartig ist mir schlecht. Die Pizza möchte wieder hinaus. Ich muss mir gut zureden, um den Vorgang aufzuhalten. Das Beste wäre jetzt ein Aufenthalt an der frischen Luft. Als erstes muss ich zu Herbert und mir das Geld abholen. Die Fahrt mit dem Rad wird mir guttun. In diesem Moment fällt mir ein, dass mein Fahrrad bei Marlene im Hof steht. Ich muss also mit Bus und U-Bahn nach Kreuzberg fahren.