Ich habe in meinem Reiseführer von einem Weg gelesen, der über die Dächer der Altstadt führen muss. Nachdem ich Shlomo versprochen habe, ihn unbedingt in den nächsten Tagen im Café zu besuchen, zeigt er mir die Richtung. So fremd sind sich Juden und Araber gar nicht. Zumindest deuten meine ersten Begegnungen in diese Richtung. Sie erzählen dir eine Menge.
Ich bin froh, dass ich nicht wieder durch den Basar gehen muss. Das jüdische und das armenische Viertel sind ruhiger als das moslemische. Auch wenn mich die enorme Fülle an neuen Eindrücken, die unterschiedlichen Gerüche und das pausenlose Stimmengewirr davon abgelenkt haben, ständig an meine Begegnung mit Simon zu denken, haben sie mich doch sehr verwirrt. Ich war lange nicht in einem fremden Land unterwegs. Offensichtlich bin ich das Reisen nicht mehr gewohnt. Ein diffuses Unwohlsein, wie ich es vor dem Einsetzen eines Panikanfalls kenne, beginnt sich in mir auszubreiten.
Ich beeile mich, die Treppe am Jaffator hinaufzukommen. Sie führt auf die Mauer, von der die Altstadt begrenzt wird. Man kann das ganze Stück bis zum Damaskus-Tor dort oben laufen und dabei einen Blick über das christliche Viertel mit seinen alten Häusern werfen. Ich sehe Kirchtürme und in der Ferne die Kuppeln von Moscheen, den Felsendom, Terrassen, Balkone. Hier oben in der zweiten Reihe haben einige Menschen richtige Gärten angelegt. Sie sind voller Blumen. Sogar Palmen hat man auf die Dächer gepflanzt.
Zur anderen Seite ist die Aussicht weniger bunt und malerisch, da ist das neue Jerusalem. Zumindest von oben wirkt die Altstadt auf mich anziehender und attraktiver. Aber die innere Unruhe treibt mich weiter und lässt mir keine Zeit für längere Betrachtungen. Mir wird schwindlig. Ich habe das Gefühl, als liefe ich mal wieder durch dünne Nebelschwaden. Der Boden unter mir scheint nachzugeben. Ich lehne mich gegen die Mauer und schließe die Augen. Das macht die Sache nur schlimmer. Der linke Arm tut weh, mein Darm macht sich bemerkbar. Wenn ich hier stehen bleibe, werde ich mir bald in die Hosen machen.
Die Menschen, die an mir vorübergehen, sehen mich eigenartig an. Zumindest bilde ich mir das ein. Ich muss schnell zurück ins Hotel. Die letzten Meter zum Damaskus-Tor renne ich. Die wunderschöne Aussicht interessiert mich nicht länger. Als ich das Tor endlich hinter mir habe, kann ich ein wenig aufatmen. Ich habe wieder sicheren Boden unter den Füßen. Meinem Darm ist das allerdings egal. Er kneift und knurrt weiter. Ich setze zu einem Dauerlauf an.
Als ich zehn Minuten später in meinem Zimmer angekommen bin, stehe ich kurz vor einem Herzstillstand. Aber es erscheint mir immer noch besser, wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft japsend auf dem Klo zu sitzen, als mit meinen neurotischen Ängsten ringen zu müssen. Das schnelle Laufen hat mich anscheinend vor einer Panikattacke bewahrt. Ich könnte Charlotte, die Heldin meines neuen Romans, für den Marathon trainieren lassen. Erfolglos natürlich.
Bis zum Abendessen mit Simon habe ich noch anderthalb Stunden Zeit. Ich ziehe die Vorhänge zu, lege mich ins Bett, die Hände auf den Bauch. Tagsüber schlafe ich selten, aber ich könnte versuchen, meinen Darm auf diese Weise zu beruhigen.
Der Mob ist schon den ganzen Tag in der Stadt unterwegs. Überall klopfen sie an die Türen und fragen nach den Männern. Sie haben uns schwere Strafen angedroht, wenn wir die Gesuchten verstecken. Ich erschrecke heftig, als es an der Hintertür klopft. Mein Herz pocht, ich traue mich kaum, die Tür zu öffnen. Aber dann mache ich sie doch einen Spalt weit auf. Draußen steht einer von den Männern, die sie suchen. Ich erkenne ihn sofort. Er sieht hungrig und erschöpft aus. Seine langen braunen Haare sind zerzaust, seine Tunika zerrissen. Er hat keine Schuhe an den Füßen. Er fleht mich an, ihn in das Haus zu lassen. Ich soll ihn vor den Schergen verstecken. Ihm etwas zu essen geben. Aber ich habe doch selber so viel Angst. Und ich habe auch nichts zu essen. Nur noch ein wenig trockenes Brot. Ich hole ihm ein Stück, lasse ihn aber nicht herein. Dann mache ich ihm die Tür vor der Nase zu. Später wird er zusammen mit den anderen Männern vor den Stadttoren hingerichtet. Ich weiß nicht, ob man sie aufgehängt oder gekreuzigt hat. Sie haben alle eingefangen.
Dann fährt ein Moped mit kaputtem Auspuff die Straße unter meinem Fenster entlang, ich wache auf. Die Bauchschmerzen sind weg, ich habe einen trockenen Mund und mir ist schlecht vor Hunger. Außerdem fühle ich mich benommen. Es hat mir noch nie gutgetan, am Tage ins Bett zu gehen. Ich habe noch vierzig Minuten Zeit, um unter die Dusche zu gehen und mich umzuziehen.
Als ich in der Badewanne stehe, denke ich über den eigenartigen Traum nach, in dem ich aus lauter Feigheit einem Mann meine Hilfe verweigert habe. Die Stadt war die Altstadt von Jerusalem, durch die ich noch vor wenigen Stunden gelaufen bin. Ich erschrecke, als ich an den Mann denke und drehe den falschen Hahn zu. Jetzt ist das Wasser so heiß, dass ich mich fast verbrühe. Der Mann hatte wie Hans ausgesehen. Wie der junge Hans. Zwar habe ich keine Ahnung, ob Hans jemals lange Haare hatte, aber wenn, dann muss er dem Mann aus dem Traum sehr ähnlich gewesen sein. Es waren seine Augen, die ich als letztes gesehen habe. Bevor ich ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen habe. In ihnen hatte ich Hilflosigkeit und Verzweiflung gesehen. So einen Blick kenne ich von Hans nicht.
Am meisten stört mich an diesem Traum, dass er sich gar nicht wie einer angefühlt hat. Selbst unter der Dusche habe ich noch das Gefühl, diese Geschichte tatsächlich erlebt zu haben. Er war so echt. Ich könnte ihn für eine wirkliche Erinnerung halten.
Was will mir dieser Traum sagen? Dass ich Hans in einem früheren Leben verraten habe und er sich jetzt gerächt hat? Es fällt mir schwer, an die Theorie der Wiedergeburt zu glauben. Für mein Gefühl behaupten zu viele Menschen, sie wären Könige oder Herrscherinnen in Atlantis gewesen. Andererseits macht ein einziges Leben, in dem man sich abrackern muss, oder wenn man Pech hat, bereits mit zwei Jahren stirbt, auch keinen Sinn. Warum ist dann aber jede Erinnerung an frühere Inkarnationen gelöscht?
Weil es keine früheren Inkarnationen gibt, liebe Anna, deswegen. Du hast vielleicht von Hans geträumt, weil du ein schlechtes Gewissen hast. Obwohl ich beim besten Willen nicht weiß, wieso. Dazu hast du überhaupt keinen Grund. Diesmal hörte sich meine innere Stimme wie Lena an.
Als ich aus der Wanne steige, habe ich eine Gänsehaut. Trotz heißer Dusche. Ich mache mir fast schon wieder in die Hose und klappere mit den Zähnen. Ob ich vielleicht krank werde? Es hilft alles nichts, da muss ich jetzt durch. Ich kann Simon unmöglich warten lassen oder gar absagen.
Zu der Leinenhose passt das weiße Shirt mit den langen Armen. Es betont meine dunklen Haare und die Augen. Meine Hände zittern, als ich versuche, den Reißverschluss der Hose zu schließen. Vor dem komplizierten Verschluss meiner dicken indischen Kette kapituliere ich nach einigen Anläufen. Dann muss es eben auch ohne Kette gehen. Weil ich so schrecklich friere, ziehe ich über das Shirt die schwarze Strickjacke, darüber die Jeansjacke. Ein Blick in den Spiegel bestätigt mir, dass ich trotz der ganzen Aufregung und auch ohne Kette recht gut aussehe. Das beruhigt mich ein wenig. Vielleicht gehört Simon zu der Sorte Mann, dem sowieso nicht auffällt, wie eine Frau aussieht.
Ich habe ähnliche Gesichtszüge wie meine Mutter. Nur war sie im Gegensatz zu mir blond und blauäugig. Sie hatte oft darüber gescherzt, dass sich in puncto Haar- und Augenfarbe Walter durchgesetzt hätte. Falls Simon sich noch an sie erinnern kann, müsste ihm die Verwandtschaft trotzdem auffallen.
Ich ziehe mir mit einem kräftigen Rot die Lippen nach, hole mehrmals tief Luft und mache mich auf den Weg. Sogar meine Brille habe ich aufgesetzt. Ich möchte sicher sein, dass ich Simon rechtzeitig sehe.