Die Bergkämme und -spitzen, die ich vom Küchenplatz sehen kann,

liegen in der Sonne. Wie frischgeputzt. Ich lege meinen Kopf auf den Handrücken, den Unterarm auf den Tisch aufgestützt. Ein plötzliches inneres Erkennen. Jetzt sehe ich aus wie meine Mutter. Wahrscheinlich habe ich auch diesen Blick, mit dem sie oft ein wenig entrückt in die Ferne schaute. Es gibt Fotos von ihr, auf denen sie so dasitzt.

Auch von mir gibt es eines in derselben Haltung. Mai 2015. Der letzte Ausflug mit Anidana in „unsere“ Pension Tatjana in Sellin. Der Raps blühte, alles blühte. Eine Freude für das Auge. Nach einem Tag, den jeder nach seinen Wünschen gestaltet hatte, trafen wir uns abends in der Teestube der Pension zum gemeinsamen Essen. Wahrscheinlich hatte ich Pelmeni, die mochte ich am liebsten. Den Weißwein wird Anidana spendiert haben, er war in dieser Beziehung großzügig. Ein Jahr später, im Mai, starb er. Das ist schon wieder zehn Jahre her. Und ich sitze hier, schaue in die Berge und komme, vom Umweg über meine Mutter, vom Höcksken aufs Stöcksken.

Dabei wollte ich überlegen, ob ich heute einen Ausflug mache. Vielleicht nach Bad Reichenhall, in den Botanischen Garten. Im Kurpark könnte ich meinen oberen Atemwegen im Freiluftinhalatorium am Gradierhaus etwas Gutes tun. Das Gebäude ist 160 Meter lang, und aus einer Höhe von 13 Metern rieseln dort täglich 400000 Liter Alpensole herab. Ein halbstündiger Spaziergang – immer auf und ab – soll Wunder wirken. Sagen sie.

Als junge Frau fand ich Kurparks spießig, seit der Reha in Bad Hersfeld – fast zwanzig Jahre her – kann ich ihnen etwas abgewinnen. Gestaltete Ruhe und Beschaulichkeit. Falls ich dann noch ein bisschen Natur pur haben möchte, könnte ich weiter an den Thumsee fahren und auf Freuds Spuren wandern. Könnte ich. Muss ich aber nicht. Ich habe Zeit. Niemand hetzt mich. Nicht einmal ich mich selbst.

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