Madame, Sie müssen sich anschnallen. Wir fliegen durch ein Schlechtwettergebiet.“
Die Hand, die meinen Arm schüttelt, passt nicht zu der melodiösen Stimme. Die gehört der Stewardess, die mir das Taschentuch gab. Meine Sitznachbarin ist diejenige, die an mir zerrt. Dabei flüstert sie in einem fort achgottachgott.
Ich habe einige Mühe, zurück in die Gegenwart zu finden.
„Es ist nichts Ernstes. Nur zu Ihrer eigenen Sicherheit.“ Die Stewardess möchte mich beruhigen. Meine Nachbarin möchte sich nützlich machen. „Soll ich Ihnen helfen?“ Ich bin verwirrt und nicke. Während sich die Stewardess entfernt und meine Nachbarin den Gurt über meinem Bauch festmacht, werden wir über Bordmikrofon informiert, dass wir trotz der Turbulenzen planmäßig in dreißig Minuten landen werden.
Es kommt mir vor, als wäre ich in einem anderen Leben gewesen, und all die Dinge wären einer anderen Frau passiert. Ein Mann wie Hans hätte heute keine Chance bei mir. Ich betrachte die Liebe nicht mehr als Entscheidung und was noch viel schöner ist: Ich fürchte mich nicht länger.
Das Flugzeug schaukelt bedenklich und mein Magen macht einen Satz. Meine Nachbarin packt entsetzt meine Hand. Sie zittert. Es wäre mir lieber, sie würde sich beruhigen. „Sie brauchen keine Angst zu haben. Es ist alles in Ordnung. Die Stewardessen verhalten sich völlig normal.“
Sie glaubt mir kein Wort. Selbst wenn sie mir glauben würde, ihre Angst ist irreal, resistent gegenüber logischen Erklärungen. Es ist vollkommen egal, was ich sage. Wenn es egal ist, kann ich ebenso gut Simons Technik anwenden. „Warum fürchten Sie den Tod? Menschen werden geboren und irgendwann sterben sie. Das ist der Lauf der Welt. Widerstand ist zwecklos. Ein unnötiger Kraftakt. Angst ist nichts weiter als Energie. Eine Form der Lebenskraft. Je mehr Sie sich ihr widersetzen, umso heftiger rüttelt sie an ihnen. Man kann sich dieser Kraft nur hingeben. Dann hat sie keine Gewalt mehr über uns. Dann befinden wir uns im Einklang und gehen mit ihr, anstatt uns ihr entgegen zu stemmen. Also atmen Sie tief durch und warten Sie ab, was geschieht. Wehren Sie sich nicht.“
Meine Nachbarin lässt meine Hand los und sieht mich empört an. Wahrscheinlich überlegt sie, ob ich den Verstand verloren habe. Sie hat Angst, und ich erzähle ihr dummes Zeug. Aber es ist nicht dumm. Es ist der Weg aus der Angst. Simon hat ihn mir gezeigt. Auf ihn gestoßen hat er mich. Offensichtlich mit besseren Argumenten, als ich es gerade versucht habe. Das war im November 1998, bei meinem zweiten Besuch in Israel. Simon hatte für seinen dreiundsiebzigsten Geburtstag ein großes Fest geplant. Alle waren eingeladen, nicht nur die Familie und Freunde, sondern auch Nachbarn, Bekannte und viele seiner ehemaligen Schüler, die er zu Gestalttherapeuten ausgebildet hatte. Ich wunderte mich. Es war kein runder Geburtstag, wieso dann all die Leute.
„Ab jetzt wird gefeiert Anna. Wenn man einmal die siebzig überschritten hat, kann jeder Geburtstag der letzte sein. Aber du bist noch ein Teenager, kümmere dich nicht um die Marotten eines alten Mannes. Komm einfach angeflogen und bring gute Laune mit. Das Ticket bezahle ich, keine Widerrede.“
Wir haben nie so getan, als wäre ich die verlorene Tochter. Ich sagte auch nicht plötzlich Vater zu ihm, ich sprach ihn weiter mit seinem Vornamen an. Wir mochten uns. Er war wie ein älterer Freund für mich. Manchmal diskutierten wir bis spät in die Nacht über Psychologie und Philosophie. Er verteidigte die Psychologen, ich die Philosophen. Auch wenn wir selten einer Meinung waren, akzeptierten wir unsere unterschiedlichen Ansichten.
In der Nacht vor dem Fest hatte ich eine Angstattacke. Ich wurde mit den typischen Symptomen wach und lief panisch durch die Wohnung, in der Hoffnung, von niemanden gehört zu werden. Plötzlich stand Simon in der Küche. „Was ist los? Kannst du nicht schlafen?“
„Ich habe Angst.“
„Wovor hast du Angst?“
Die Frage ärgerte mich. „Das habe ich dir doch erzählt. Ich habe Angst, dass ich gleich sterben werde. Ich will aber noch nicht sterben.“
Simon setzte sich. „Gut, du glaubst also, dass du stirbst. Dann verabschiede dich vom Leben. Verabschiede dich von mir. Sag mir auf Wiedersehen.“ Er hielt mir seine Wange hin. „Gib mir einen Kuss. Ein letztes Mal. Hier auf diese Stelle.“
Ich musste ihn wohl entsetzt angesehen haben. War er verrückt? Betrunken? Oder machte er sich über mich lustig? Er sah allerdings aus, als meine er es ernst.
„Anna, jeder Mensch muss eines Tages sterben. Du genauso wie ich. Wie Jascha, Ido, Miri. Niemand lebt ewig. Kommt es wirklich auf den Zeitpunkt an? Auf ein paar Jahre mehr oder weniger? Wieso willst du dich immer weiter quälen? Wenn jetzt der Tag gekommen ist, dann wehre dich nicht länger. Atme tief durch und lass es geschehen. Lass es einfach auf dich zukommen. Sträube dich nicht. Sag ja zum Tod. Sag ihm, hey Bursche, hier bin ich. Nimm mich, wenn du mich haben willst. Wenn es aber noch nicht so weit ist, wenn du nur ein Spiel mit mir treibst, dann troll dich und lass mich in Ruhe. Los Anna, versuch es.“
Ich weiß nicht, ob ich nur perplex war, oder empört, erstaunt oder alles zusammen. Auf alle Fälle versuchte ich zu tun, was Simon mir geraten hatte. Ich entspannte mich und gab auf. Ich wehrte mich nicht länger. Ich begrüßte den Tod. Es war mir egal. Sollte er mich meinetwegen holen. Ich hatte die Nase voll davon, ewig mit der Angst vor ihm zu leben. Bitteschön, dann würde ich eben sterben. Simon hatte recht. Sterben war nichts Besonderes. Jeder tat es irgendwann. Dann hatte ich es wenigstens hinter mir.
Es klappte nicht auf Anhieb. Was kein Wunder war, etwas in mir wollte nicht glauben, dass es so einfach sein sollte. Aber ich benutzte diese Taktik seitdem immer wieder, und irgendwann stellte ich fest, dass ich keine heftigen Panikattacken mehr hatte. Manchmal taucht auch heute noch Angst auf. Ja. Und dann mache ich immer dasselbe. Ich sage: Hey Bursche. Hier bin ich. Wenn du mich willst, ich bin bereit. Nimm mich. Und das meine ich ehrlich. Ich tu nicht nur so als ob. Keine Spielchen. Natürlich bin ich in gefährlichen Situationen nicht wagemutig. Ein Einbrecher nachts in meinem Haus würde mich sehr beunruhigen. Ein Knoten in der Brust ebenfalls. Aber ich gerate nicht mehr völlig unbegründet in Panik und lande in der Notaufnahme. Diese Zeiten sind vorbei.
Einen Tag nach seinem Geburtstag erzählte mir Simon, dass er Lungenkrebs hat. Er wirkte heiter. Entspannt. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. „Sieh mich nicht so erschrocken an. Vielleicht habe ich noch ein paar schöne Jahre. Du erinnerst dich doch bestimmt an das, was ich dir vor kurzem gesagt habe.“ Er sah an mir vorbei aus dem Fenster. „Lieber Freund. Hier bin ich. Wenn du mich willst, ich bin bereit.“
Der Tod konnte Simon keine Angst einjagen. Die Krankheit war nur ein Grund mehr für ihn, sich über das Leben zu freuen, es jeden Tag zu genießen. Und vom Rauchen konnte sie ihn erst recht nicht abhalten.
Ich flog zurück nach Berlin. Es fiel mir schwer, in meinen normalen Alltag zurück zu kehren. Ich grübelte über Simons Krankheit, die in meinen Augen nur eine böse Laune des Schicksals war. Wieso sollte ich ihn schon wieder verlieren, wo ich ihn doch gerade gefunden hatte? Ein altes Rezept meiner Großmutter gegen trübe Gedanken war körperliche Arbeit.
Als es im Haus blitzte, sogar die Bücherstapel entstaubt waren, suchte ich nach einer weiteren Herausforderung. Im Keller wartete seit einem halben Jahr der Karton mit den Papieren meiner Eltern, den Herbert für mich gerettet hatte. Ich hatte noch keinen Blick hineingeworfen. Immer war etwas dazwischengekommen. Es war an der Zeit, den alten Kram zu sortieren. Das meiste davon würde in den Papiermüll kommen.
Meine Eltern waren ordentliche Leute. Sie hatten alles aufgehoben. Ich fand vergilbte Bankunterlagen und Versicherungspolicen, Urkunden über den Kauf und späteren Verkauf des Hauses, Dienst- und Mietverträge. Sogar die alten Sozialversicherungsausweise aus der DDR hatten sie behalten. Das persönlichste waren ihre Geburtsurkunden und Impfausweise. Das Versicherungsbuch meiner Mutter steckte in ihrem Schwangerschaftspass. Als ich es herauszog, kam ein rotes Heft zum Vorschein. Ein Postsparbuch, das auf meinen Namen ausgeschrieben war und auf dem sich 25 000 DM befanden. Meine Mutter hatte von 1972 an jeden Monat für mich eine kleine Summe eingezahlt. Ich werde nie erfahren, ob sie es mit Walters Einverständnis getan oder ob sie sich das Geld heimlich von ihrem Haushaltsgeld abgespart hatte. Für mich war dieser Fund ein nachträglicher Liebesbeweis.
Von einem Teil des Geldes kaufte ich einen gebrauchten roten Polo. Ich liebe es, jedes Jahr ein paar Wochen quer durch Europa zu fahren. Mich faszinieren die kleinen Dörfer abseits der Autobahnen, die es in Kalabrien oder Istrien noch zu entdecken gibt. Zum Schlafen genügt mir ein Zelt.
Einmal im Jahr bin ich nach Israel geflogen. Daran wird sich auch zukünftig nichts ändern. Nur dass ich jetzt Ido oder Jascha besuchen werde. Sie haben mich so herzlich aufgenommen, dass ihre Gastfreundschaft manchmal beschämend für mich ist. Eine quirlige laute Gesellschaft, in der am liebsten alle durcheinander reden. Für jemanden wie mich, der aus einer sehr stillen Familie kommt, ist das geradezu ein Wunder. Am ersten Tag brauche ich zwei Kopfschmerztabletten, am zweiten eine, und am dritten Tag beteilige ich mich am Geschrei. Miri ist stolz auf ihre Tante in Berlin. Nach ihrer Militärzeit will sie nach Deutschland kommen und ein paar Monate bei mir im Laden arbeiten. Sie möchte später Germanistik studieren. Ich habe ihr den Floh ins Ohr gesetzt, am besten könne sie das in Berlin tun.