Morgens ist der Garten am schönsten. Vielleicht ist er auch am Sonntagmorgen am schönsten. Wenn die Luft weich ist und es nach feuchtem Gras und Jasmin riecht. Wenn außer mir kein anderer Mensch zu sehen und schon gar nicht zu hören ist. Wenn nur Vögel und Insekten ihrer Beschäftigung nachgehen und die Mitbewohner noch schlafen.
Die Tasse mit einem Rest Cappuccino kann zurück auf den Tisch. Ich ziehe mir mit den Füßen den Hocker für die Beine heran. Wildbienen nehmen Kontakt auf, eine Amsel pickt auf der Wiese nach Nahrung, und im Haselnussbaum turnt ein Eichhörnchen. In diesem Moment bin ich mit allem einverstanden. Es spielt keine Rolle, dass ich keinen Partner habe, vielleicht nie wieder einen haben werde, dass es niemanden gibt, dem ich mich auf besondere Weise nah fühle. Auch dass ich nach offizieller Lesart arm bin, krank noch dazu, ist ohne Bedeutung.
Momente wie diese möchte ich festhalten. Als Reserve für schlechte Zeiten, die auch wieder kommen werden. Denn so viel weiß ich inzwischen von meinem Leben, vom Leben überhaupt: Es verläuft in Kurven. Mal werde ich in blaue Höhen geschossen, nur um später in undurchdringliche Tiefen zu versinken.
Ich bin eine Sommerfrau, hatte ich Wotan damals geschrieben. Nicht, weil ich im August geboren bin oder weil ich Temperaturen um dreißig Grad mag. Im Gegenteil. Aber in den letzten zwanzig Jahren passierten die Katastrophen – wie auch die angenehmen Überraschungen – oft in dieser Jahreszeit. Im Sommer habe ich mich verliebt, im Sommer wurde ich verlassen. Ich hatte meine kreativsten Zeiten im Sommer – und ebenfalls im Sommer die heftigsten Depressionen.
Das eigene Leben mit seinen Verwicklungen und Irrtümern ist mir früher wie ein riesiges Puzzle vorgekommen. Ich selbst war lediglich ein winziges Teil in diesem Ganzen. Irgendwann einmal, so dachte ich, würde ich alle Teile beisammenhaben. Sie ergäben dann ein vollständiges Bild meines Lebens. Alle Menschen, alle Orte, alle Umstände – besonders jene, die ich nicht deuten oder begreifen konnte – würden sich eines Tages zu einem großen, und wie ich hoffte, wunderbaren Bild zusammenfügen. Dann würde ich mein Leben endlich verstehen und wissen, wer ich bin. Vielleicht würde ich mich dann sogar lieben können.
Es ist noch keine zehn Jahre her, dass ich diesen Text schrieb. Er stammt aus meinem ersten Roman, der immer noch auf meiner Festplatte ruht. Eigentlich hatte meine Protagonistin Anna Schwarz diese Überlegungen angestellt. Es ist mir damals nicht aufgefallen – oder ich habe es vorgezogen, es nicht zu erkennen –, dass diese Zeilen sehr gut auf mein eigenes Leben anwendbar sind.
Das eigene Leben als komplettes Bild? An die erste Zeit kann man sich nicht erinnern, an die letzte wird man keine Gelegenheit haben sich zu erinnern.
Ja. Und vielleicht ist genau das die Kränkung: dass wir das Ganze nie überblicken werden. Früher wollte ich es aber unbedingt verstehen. Heute genügt es mir manchmal schon, wenn ich ein paar Teile freundlicher anschaue.