Wenn ich das Klinikgelände verlasse, dann vor allem, um meinen Platz unter den alten Bäumen aufzusuchen. Die Linden blühen. Dicke Bienen torkeln um die Blüten herum, die Körper schwer vom gesammelten Nektar. Ihr Summen beruhigt meinen Geist, der sonst ständig beschäftigt ist. Mit der Vergangenheit. Der Zukunft. Selten mit dem, was gerade ist.
Eine Krankheit, der manche Menschen mit Medikamenten, andere mit Meditation und wieder andere mit Gebeten beikommen wollen. Mein Gebet ist das Schreiben. Aber selbst dafür bin ich gerade zu erschöpft. Deswegen liege ich nur da und lausche dem Summen der Bienen.
Vielleicht wäre mein Leben leichter, wenn ich wie Mira an Gott glauben könnte. An einen, der mir wohlgesonnen ist und meine Last trägt. Denn das tut er, wie sie mir bei einem Spaziergang versichert. Wir sind beide in der Schmerzgruppe, manchmal laufen wir zusammen durch die Felder. Sie erzählt mir von ihrer Begegnung mit IHM. Eines Tages – sie war mit ihren Kräften am Ende – wollte sie Gott ihr ganzes Elend vor die Füße werfen. Sie lag auf der Erde und rief ihm zu, sie würde so lange liegen bleiben, bis er ihr half. Da packte sie etwas am Ellbogen, eine Stimme befahl ihr zu tanzen und zu lachen. Sie zog ihren Anorak an, ging auf eine Wiese, wo sie barfuß tanzte und lachte. Seitdem ist ER mit ihr. Oder sie mit IHM. Auch mein Leben würde sich ändern, wenn ich mich IHM anvertraue. Ich soll ihn mir als liebenden Vater vorstellen, der nur Gutes für mich will. Wahrscheinlich ist es das Reizwort „liebender Vater“, denn plötzlich fühle ich mich ergriffen, obwohl ich doch eine Ungläubige bin. Aber vor so viel Fürsorge kann ich nur kapitulieren. Vor Miras und seiner. Im Tal schießt jemand Salut. Das muss ein Zeichen sein. Ich soll mich ergeben. Mira betet für mich, ich bete für mich. „Vater, ich gehöre dir. Dein Wille geschehe.“
Fehlt nur noch der Zusatz, ich will auch immer lieb sein, den kann ich mir gerade noch verkneifen.
Leider finde ich die ganze Zeremonie nicht mal eine Stunde später schon wieder komisch, und die schöne Ergriffenheit, die mich gepackt hatte, ist verschwunden. Wie kann man so naiv sein und an eine höhere Kraft glauben? An eine, die alles regelt, die über einen wacht? Die sich mir nicht vorstellt und im Geheimen agiert? Das ist doch völliger Nonsens. Schließlich gibt es jede Menge Beispiele dafür, dass der Alte mit dem weißen Bart geschlafen hat oder mit seinen Gedanken nicht bei der Sache war.
Da haben wir allerdings einiges gemeinsam. Denn ich bin ebenfalls mit meinen Gedanken nicht bei der Sache. Nicht bei dem, was im Augenblick passiert. Wenn ich mir keine Sorgen mache, bin ich damit beschäftigt, dem Leben meine Vorstellungen aufzuzwingen. Mein Problem ist, dass ich es immer anders haben will, als es ist. Warum bin ich hier und nicht dort? Warum muss ich dorthin, wo ich doch viel lieber liegen bleiben möchte? Wie soll jemand wie ich aus ehrlichem Herzen sagen: Dein Wille geschehe?
Die Therapeutin hält sich manchmal die Ohren zu, wenn ich ihr von meinen inneren oder äußeren Aktivitäten berichte. Angeblich erschöpft sie schon das Zuhören. Aber gerade im Moment sind wichtige Dinge zu erledigen. Meine Mutter muss angerufen werden, sie weiß bestimmt den Namen des Friedhofs in Pankow, auf dem die Asche vom Vater liegen soll. Beim Telefonat mit dem Friedhofsamt heißt es, auf einer Wiese wäre noch ein Platz frei. Ich kann es mir überlegen. Natürlich würde ich mir gern selbst ein Bild machen, aber dafür müsste ich nach Berlin fahren. Wieder einmal bin ich froh, dass es den Mann gibt. Er setzt sich ins Auto, beschreibt mir dann vor Ort den Friedhof, die Wiese. „Nein, es gibt keine Bank, auf die man sich setzen kann, aber es wird dir trotzdem gefallen.“
Wenn er das sagt, glaube ich ihm.
Für die Beerdigung muss ein neuer Termin festgelegt werden. Außerdem muss ich dringend mit Anidana sprechen, er ist der einzige Grabredner, den ich mir vorstellen kann. An dem geplanten Tag hat er tatsächlich noch etwas frei, so ist auch dieser Punkt erledigt. Ernie muss über die neue Entwicklung informiert werden, ebenso Vaters junge Freunde.
Angeblich bilden mein Geist und mein Körper keine Einheit. Das sollten sie aber. Dass sie es nicht tun, hält die Therapeutin für eine der Ursachen meines Leidens. Sie freut sich jedoch, wenn ich ihr erzähle, wie erschöpft ich mich manchmal fühle. Ihrer Meinung nach verbiete ich mir unangenehme Gefühle nämlich. Wenn ich jetzt meine Erschöpfung spüre, ist das für sie ein Fortschritt. Vielleicht hat sie recht. Vielleicht will ich bestimmte Gefühle nicht spüren. Darüber bin ich traurig, aber ich will nicht traurig sein. Ich möchte wissen, ob es überhaupt gut ist, wenn man weint. Bestärke ich damit nicht dieses Gefühl der Traurigkeit? Oder weine ich sowieso nur, weil es eine Art Pawlowscher Reflex ist?
Schon hält sie sich wieder die Ohren zu. Ist das nicht ein bisschen merkwürdig für eine Therapeutin? Sie ist der Ansicht, dieses Denken, mein Denken also, mag zum Schreiben taugen. Sonst nütze es mir aber nichts. Ich soll endlich raus aus dem Kopf und rein in den Bauch, und vor allem soll ich nicht alles hinterfragen. Eigentlich heißt das doch im Klartext, ich soll ein anderer Mensch werden. Das stellen sie sich hier wahrscheinlich leicht vor. Mach doch mal eben aus einer Giraffe eine Gazelle. Oder umgekehrt.
In den letzten Tagen dreht sich in der Klinik alles um das Thema Abschied. Wenn es am schönsten ist, soll man gehen, sagt man. Schön ist, dass ich mich am Ende mit zwei netten Frauen angefreundet habe. Wir tauschen Adressen aus, ermuntern uns gegenseitig, Neues auszuprobieren, vor allem in unseren Jobs. Es wundert mich nicht, dass gerade die Schmerzpatienten unter ihrer Arbeit leiden. Weil wir ständig denken, wir müssten das irgendwie aushalten, müssten immer weitermachen, weil wir in unserem Alter – ich bin in dieser Dreierkonstellation die Älteste – keine neue Arbeit mehr finden. In Berlin mag das noch anders sein, bei den beiden Frauen, die auf dem Land leben, ist es schwierig. Sogar einen Verehrer habe ich gefunden. Wenn ich den Hinweis auf sein Single-Dasein und seine dezenten Fragen richtig interpretiere. Und das Wühlen in den grauen Haaren. Warum so spät, Herr Früh?
Ich besuche noch einmal meine Lieblingsplätze. Die Linden. Den Kurpark. Das Bootshaus an der Fulda. Langsam wird es kühl. Feuchtigkeit kriecht über die Wiese herauf zu meinem sicheren Hafen. Noch ein Glas von dem leckeren Wein bitte! Und dann halte ich fest, was mir in den vergangenen sechs Wochen aufgefallen ist und was ich mit nach Berlin nehme:
- Ich brauche regelmäßige Pausen. Das viele Tun und Durchhalten erschöpft mich. Allerdings müssen es richtige Pausen sein. Also das, was man früher Muße nannte und was aus der Mode gekommen ist. Das Wort wird demnächst aussterben. Daliegen und in den Himmel schauen. Wirklich nichts tun. Und das nicht erst, wenn der Körper schon im Reservemodus ist.
- Ich muss eine Arbeit finden, die ich als sinnvoll empfinde und die mir genug Zeit lässt, andere Dinge zu tun.
- Traurigkeit signalisiert, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich muss nicht versuchen, heiter zu werden, fürs Erste würde es genügen, das Gefühl zuzulassen.
- Der Schmerz verschwindet offensichtlich nicht. Ich kann ihn nur für eine Weile vergessen. Weder wissen die Ärzte, warum wir Schmerzen haben, noch wie wir sie loswerden. Das geben sie allerdings nicht zu, das muss man sich selbst zusammenreimen. Daraus ergibt sich der letzte und damit wichtigste Punkt.
- Ich muss mir selber helfen. Ich muss meinen eigenen Weg finden, mit dieser Krankheit umzugehen. Wahrscheinlich wird es darauf hinauslaufen, dass ich sie akzeptiere.
Jedenfalls denke ich mir das so. Zu etwas muss es ja gut sein, wenn man ständig denkt. Vielleicht muss ich dieselben Mittel anwenden, mit denen ich mich von meinen Panikattacken kuriert habe. Hört her, ihr Lieben. Ihr könnt mich nicht länger beunruhigen. Wenn ihr schmerzen wollt, nur zu. Ich werde nichts weiter tun, als das ganze Geschehen zu beobachten, werde nicht versuchen, etwas ändern zu wollen, sondern nur auf das schauen, was ist. Ohne Bewertung. Ohne passende Geschichte dazu. Das vor allem gilt es zu beobachten und bei dieser Gelegenheit vielleicht sogar einzustellen: das ewige Gequatsche in meinem Kopf.