Dass ich im Gegenteil ihre Ruhe und Beschaulichkeit zu schätzen gelernt habe. Ha! In Bad Reichenhall sitzen sie dicht gedrängt um den Solespringbrunnen herum, laufen im halben Dutzend schnatternd auf sonnigen und beschatteten Wegen, fläzen sich auf harten Holzliegestühlen und schreien in ihr Handy. Ich übertreibe, aber nur ein bisschen.
Als ich das Gradierhaus gefunden hatte, klingelte es leise in mir. War ich hier nicht schon einmal? Aber wann soll das gewesen sein? Ich weiß es nicht. Im Traum vielleicht. Oder in einem anderen Leben.
Ein Gradierwerk ist im Grunde ein großes Holzgerüst, in dem Reisigbündel aus Schwarzdorn stecken. Früher diente es dazu, Sole zu konzentrieren: Salzhaltiges Wasser wurde hinaufgepumpt, dann rieselte es langsam über das Reisig. Wind und Sonne ließen das Wasser verdunsten, der Salzgehalt stieg. Diesen Vorgang nennt man „gradieren“.
Heute soll das, was in der Luft liegt, den Atemwegen guttun. Feine salzhaltige Aerosole, die man einatmet, während man am Gradierhaus entlangspaziert. So jedenfalls die Idee. Das Reichenhaller Gradierwerk ist 160 Meter lang und 13 Meter hoch, ein dunkles hölzernes Gerüst, aus dessen Zweigen unablässig Sole rinnt. Man soll auf der windabgewandten Seite gehen, weil die Luft dort besonders wirksam ist. Sagt man.
Dort ging nur niemand. Die meisten saßen oder liefen auf der anderen Seite, da, wo das Wasser rieselte und die Sonne hinschien. Vielleicht habe ich die Erklärung im Netz falsch verstanden. Vielleicht war es auch allen einfach egal.
Ich bin jedenfalls dort gewesen. Ich habe geatmet. Und hätte ich den berühmten Zauberstab, dann wären die anderen verschwunden. Aber hätte hätte.