Annas Angst – Epilog (2)

Seit einiger Zeit arbeite ich nur noch an drei Nachmittagen in der Woche im Laden. Ich habe Peter kurzerhand zum Geschäftsführer erklärt und überlasse ihm den Einkauf und die Buchführung. Wenn es trotzdem mal nicht so gut läuft, muss ich mir auch keine Sorgen machen. Es ist immer etwas Geld da, mit dem wir solche Phasen überbrücken können.

Letzte Woche hat Peter mich gefragt, ob ich nicht die Patin seiner Tochter Marie werden möchte. Ich könnte die Großmutter sein, aber Patin gefällt mir besser, ich habe ja gesagt.

Zusammen mit meinem Halbbruder Ido habe ich fast so etwas wie eine richtige Familie, wenn man den Begriff Familie großzügig interpretiert und damit die Menschen meint, denen man sich nahe fühlt. Außerdem habe ich in Eva eine gute Freundin gefunden, und dieser Genuss wird auch dadurch nicht geschmälert, dass sie die einzige ist.

Für das Buch über Charlotte und die Angst habe ich einen Verlag gefunden. Eva hatte ihn mir empfohlen, nachdem sie das Manuskript gelesen hatte. Vor zwei Jahren ist es erschienen. An Viktor Hagemann wollte ich mich kein zweites Mal wenden. Ich hatte ihm nach der überstürzten Israel-Reise doch noch fünfzig Seiten jenes unseligen ersten Romans geschickt, die er sogar gelesen hatte. Bereits nach zwei Wochen kam ein kurzer Brief. „Liebe Frau Schwarz, leider passt Ihr Buch nicht in unser Verlagsprogramm.“

Vielleicht hatte er Rücksicht auf Hans nehmen wollen. Eva hatte er die Wahrheit gesagt. Ein schreckliches Geschreibsel hätte er da zu Gesicht bekommen. Eva musste ihm recht geben, nachdem sie das Buch selbst gelesen hatte. Sie ist leider oder Gott sei Dank notorisch ehrlich. „Wem willst du Konkurrenz machen? Hedwig Courts Mahler?“

Das zweite Buch dagegen gefiel ihr gut. Ich hatte es ohne den Pathos des ersten geschrieben, die lyrischen Ergüsse weggelassen. Im Verlauf der Geschichte hatte ich nicht nur meine Heldin Charlotte von ihrem Mann, sondern auch von der Angst erlöst. Seitdem haben mir viele Menschen geschrieben und um Hilfe gebeten. Wer sich selbst von seiner Angst kuriert, und das hatte der Verlag im Klappentext erwähnt, dem sollte das auch bei anderen gelingen. Aber ich bin keine Therapeutin, möchte es auch gar nicht sein. Es war das Schreiben über diese Dinge, das mir so viel Spaß gemacht hat.

Meine Beziehung zu Hans ist unauffällig gestorben. Es gab keine weiteren Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter, keine unverständlichen Briefe. Ich war erleichtert.

Marlene hat mich noch einmal im Laden aufgesucht. Es war ein kurzes Gespräch. Und das lag nicht nur an einem neugierigen Kunden. Wir hatten uns nichts zu sagen. Nachdem mein Buch erschienen war, hatte Hans eine kurze Karte geschickt. „Herzlichen Glückwunsch, es macht sich eben doch bezahlt, über Dinge zu schreiben, mit denen man sich auskennt.“

Einmal sah ich ihn mit Marlene in einem Café in Kreuzberg, ein anderes Mal im Treptower Park. Ich saß mit Gabriel auf einer Bank, wir sagten hallo und guten Tag, musterten uns unauffällig, dann waren sie schon weiter gegangen.

Gabriel. Er hatte mit einer Rose in der Hand am Flughafen auf mich gewartet. Ich hatte ihn gleich am Morgen nach jenem ersten Essen mit Simon angerufen und mich für mein dummes Verhalten entschuldigt. Seit der Zeit waren wir zusammen. Ich dachte, ich hätte eine große Liebe gefunden. Es war einfach und unkompliziert. Obwohl wir uns keine gemeinsame Wohnung suchten, gab es kaum einen Tag, an dem wir uns nicht sahen. Wir wohnten abwechselnd bei ihm oder bei mir. Orlando fand Gefallen am Auto fahren. Mit hoch aufgerichtetem Schwanz stieg er vor meinem Haus ins Auto und ließ sich später ohne Probleme auf den Arm nehmen und in die dritte Etage zu Gabriels Wohnung tragen.

Das Glück hielt bis letztes Jahr im Mai. Da verliebte sich Gabriel in seine Praktikantin. Sie ist fünfundzwanzig. Eine jener banalen Geschichten, von denen man glaubt, sie würden immer den anderen passieren. Gabriel war selbst überrascht von der Heftigkeit seiner Gefühle. Er weinte, als er es mir erzählte. Es täte ihn so leid. Und hätte überhaupt nichts mit mir zu tun. Ich konnte ihn nicht trösten. Nicht einmal weinen konnte ich. Das klappte erst, nachdem er gegangen war.

Dann heulte ich drei Tage. Als ich schon dachte, ich könnte gar nicht wieder aufhören, hatte ich eine Idee. Ich setzte mich an den Computer und begann zu schreiben. Nach dem Roman über Charlotte und die Angst hatte ich nichts neues angefangen. Es gab ein paar Skizzen, ein Reisetagebuch über meine Eindrücke in Israel, jedoch nichts, das wie ein Roman aussah. Und nun auf einmal, mit diesem schrecklichen Liebeskummer in mir, war ein neue Geschichte da. Wie in einem Film sah ich sie vor mir. Eine alte Frau in einem Krankenhaus. Kurz vor ihrem Tod legt sie Rechenschaft über ihr Leben ab. Dazu gehört auch, dass sie der Tochter beichtet, wer ihr wirklicher Vater ist. Es ist kein Buch über meine Mutter, auch wenn die Parallelen zu meiner eigenen Geschichte gering sind. Ich schreibe über eine Frau, wie ich sie mir als Mutter gewünscht hätte. Wer weiß denn, ob meine Mutter dieser Frau nicht ähnlich war. Irgendwann hätte sie vielleicht den Mut gehabt, mit mir über die Geheimnisse in ihrem Leben zu sprechen. Mir von Simon zu erzählen, von ihren Träumen und Wünschen.

Das Schreiben ist eine Art Medizin geworden. Ich nehme sie regelmäßig. Drei Stunden am Computer, und ich bin ein anderer Mensch. Eva gefällt, was ich ihr bis jetzt zum Lesen gegeben habe. Noch ein halbes Jahr, dann ist das Buch fertig. Bis dahin wird mir hoffentlich ein Titel eingefallen sein. Vielleicht nenne ich es „Mutters Geheimnis“.

Mit Gabriel habe ich heute früh das letzte Mal telefoniert. Er wollte gestern derjenige sein, der mir die Botschaft von Simons Tod überbringt. Er war noch in Jerusalem, als Simon vor vier Tagen plötzlich ins Krankenhaus musste. Alle hatten geglaubt, es würde ihm besser gehen. Und dann diese rapide Verschlechterung. Niemand konnte ahnen, dass es so schnell geht. Dies war der erste Flug, den ich bekommen konnte. Und nun bin ich zu spät.

Gabriel hatte noch etwas anderes gesagt. „Anna, du musst dir keine Gedanken machen, wenn du herkommst. Ich bin allein hier. Ich weiß nicht, ob es dich interessiert, aber ich bin nicht mehr mit Dani zusammen. Wir haben uns getrennt. Aber darüber können wir ein anderes Mal reden. Ich wollte es dir nur sagen, bevor du kommst.“

Ich wusste es schon von Herbert. Das war keine Neuigkeit. Ebenfalls von Herbert weiß ich, dass Gabriel seine Torheit bedauert und sich mit mir versöhnen möchte. Nach einem Jahr. Jetzt, wo ich über ihn hinweg bin. Was sollte ich von einem Toren wollen?

Meine Nachbarin klammert sich schon wieder an meinen Arm. Sie hat die Augen geschlossen und stöhnt leise. Ich versuche, mich möglichst unauffällig zu befreien.

„Haben Sie das eben gehört? Was war das für ein Geräusch? Hörte sich das nicht so an, als sei etwas explodiert?“ Ihre Stimme ist unangenehm hoch und tut in den Ohren weh.

Vorsichtig nehme ich die schmale Hand meiner Nachbarin in meine.  „Wir befinden uns im Landeanflug. Das war das Fahrwerk, das ausgefahren wird. Wir kommen heil herunter, ich verspreche es Ihnen.“

 

 

 

 

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