Nachts sind alle Katzen grau, morgens um drei schmerzt das Herz, der Magen, genau genommen der ganze Körper. Dann ist da noch die Stimme in meinem Kopf. Schön bequem hat sie es sich dort gemacht. Sie erzählt mir lauter Sachen, die ich längst weiß und in dieser Detailtreue nicht hören will:
Schau dir dein Leben doch an. Siehst du nicht, wie sinnlos es ist? Dein Körper benimmt sich, als wäre er zweiundachtzig und nicht zweiundfünfzig, dein Job raubt dir die letzten Energien, und obwohl er gut bezahlt ist, ist dein Konto seit Jahren im Minus. Dein Sohn findet seinen Platz im Leben nicht, auch als Mutter hast du versagt, als Tochter sowieso, aber das ist ein anderes Thema. Dann wären da noch diverse Projekte, an die du dich wahrscheinlich nicht erinnern willst. Nein, willst du nicht. Also bitte – lassen wir den Mantel des gnädigen Schweigens darüber fallen. Eine Menge Mist auf einem Haufen für eine Frau, die ihre besten Jahre hinter sich hat.
Wie ein Huhn am Grill drehe ich mich um mich selbst. Und noch eine Runde. Kommen Sie. Fahren Sie mit. Dann doch lieber aufstehen. Im Bad ein Glas Wasser trinken. Zurück in das warme Bett, ein zweites Kissen in den Rücken. Die Nachbarin schnarcht jetzt eine Oktave höher. Wenigstens schläft sie. Bei mir dauert es noch eine Weile.
Am nächsten Morgen sehe ich klarer. So karg hatte ich mir das hier nicht vorgestellt: zwei Betten, zwei Nachtschränke, ein kleiner Tisch, zwei Stühle. Lange Flure mit Essens- und Getränkewagen, Kandinsky-Reproduktionen an den Wänden. Die typische Krankenhausatmosphäre, die durch die riesige Werbeplane vor der Fassade noch verstärkt wird und unser Zimmer tagsüber verdunkelt. Nachts wird der überdimensionale Ford auf dem Plakat von Scheinwerfern angestrahlt – bis Mitternacht haben wir es hell.
Aber ich will mich nicht beschweren. Schließlich erhoffe ich mir einiges von meinem Aufenthalt hier: eine Erklärung für die Schmerzen im Rücken, in den Knien, in den Schultern. Warum ich zweimal in der Woche Migräne habe, wüsste ich ebenfalls gern. Und ob ein Wirbel im Lendenbereich vielleicht den Platz gewechselt hat. Die rechte Hüfte ist eine neue Baustelle, wie meine nette Physiotherapeutin sagen würde, die gern von den verschiedenen Baustellen spricht, die es bei mir zu betreuen gilt. Sie arbeitet seit einem Jahr mit oder an mir, sie weiß, wovon sie redet.
In den letzten fünfzehn Jahren war ich vor allem damit beschäftigt, das Problem – mein Gott, viele Menschen haben Rückenschmerzen – zu ignorieren. Ich schaffte einen zweiten Futon an, ein paar Jahre später ein neues Bett mit einer guten Matratze. Ich probierte Yoga und Feldenkrais, Osteopathie, Reiki und Rebalancing, besuchte attraktive Orthopäden und kaufte mir teure Unterwäsche, damit ich vor ihnen halbnackt einen besseren Eindruck mache. Geholfen hat nichts.
Dann dauerte es noch ein paar Jahre, bis ich mir endlich eingestehen musste, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Dass tief in meinem Inneren eine Kraft existiert, die gegen mich arbeitet. Ein Folterknecht, der sauber arbeitet und keine Spuren hinterlässt. Das Opfer soll nicht sterben, es soll leiden. Oder verdammt noch mal sein Leben ändern.
Denn darum geht es doch in den Geschichten über ungewöhnliche Heilungen: Der Mensch erkrankt, der Schock ist groß, aber notwendig – sonst würde ja alles beim Alten bleiben. Und dann, nachdem der Kranke sein Leben auf den Kopf gestellt, sich seine Träume erfüllt, den ungeliebten Partner oder Job verlassen hat, ist er wieder gesund. Seine Heilung ist die Belohnung.
Darauf, dass sich mein Leben ändert, habe ich lange genug gewartet. Es passiert einfach nicht. Und ja, ich weiß, dass ich etwas verändern müsste. Wäre da nur nicht diese Müdigkeit, die mich bei diesem Thema überfällt. Immer soll ich etwas tun. Warum kann nicht einmal ein anderer? Aber nun bin ich ja hier. Eine letzte Chance, sozusagen.
Von der Schmerzambulanz hatte mir mein Hausarzt erzählt. Eine Einrichtung der Charité, die sich speziell um Menschen wie mich zu kümmern verspricht. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
In den ersten Wochen wurde ich Ärzten der verschiedensten Fachgebiete vorgestellt. Ich traf Psychologen, Neurologen, Orthopäden, Schmerzspezialisten. Jedem musste ich die Geschichte meiner Schmerzen erzählen. Dazu bekam ich Fragebögen mit ein paar hundert Fragen, die ich so wahrheitsgemäß wie möglich beantworten sollte. Ich probierte verschiedene Schmerzmittel aus, die keine Besserung brachten. Als letzte Möglichkeit wurden mir Opioide in Aussicht gestellt. Opioide gefallen mir nicht. Es muss auch anders gehen.
Der Höhepunkt der insgesamt vier Monate währenden Betreuung war die Einladung zur Schmerzkonferenz. Den Namen fand ich lustig. Ich stellte mir vor, wie meine Schmerzen in einer großen Runde sitzen, um darüber zu entscheiden, ob sie bei mir bleiben oder nicht.
„Sie hat sich an uns gewöhnt“, sagt einer.
„Sie jammert zwar, aber ernst nimmt sie uns nicht.“
Man hatte mir vorher gesagt, ich müsse in einer Art Interview einer Runde mir unbekannter Ärzte Rede und Antwort stehen. Aber das sei gar nicht schlimm. Ich solle diese Menschen als mein Kompetenzteam betrachten, das nur ein Ziel hat: Sie wollen mich kraft ihres geballten Wissens von meinen Schmerzen befreien. Dafür müssten sie sich natürlich erst einmal ein Bild von mir machen.
In den Tagen vor diesem wichtigen Termin fühlte ich mich, als hätte ich eine Prüfung vor mir. Als müsste ich allen beweisen, dass ich aus gutem Grund in ihrem Programm gelandet war. Dass ich keine Simulantin bin, nicht hysterisch, nicht paranoid.
Mein Team – es handelte sich um fünfzehn, sechzehn Personen – sah harmlos aus. Eine Ärztin trug noch ihren weißen Kittel, alle anderen waren in Alltagskleidung erschienen. Falls ich bei meinem Auftritt ohne Brille nicht den oder die eine in Weiß übersehen hatte.
Manche Fragen waren mir peinlich, andere unangenehm, einige schwierig, andere hatte ich schon unzählige Male beantwortet.
„Wie lange haben Sie Schmerzen?“
„Wo?“
„Wie intensiv auf einer Skala von eins bis zehn?“
„Verändert sich der Schmerz im Laufe der Zeit?“
„Klopft, hämmert oder pocht es?“
„Gibt es auch Zeiten, in denen Sie schmerzfrei sind?“
„Wenn Sie schreiben, tut Ihnen also nichts weh?“
Es kam mir vor, als würden alle gespannt auf meine Antwort warten. Unzählige Augenpaare, die ich nur verschwommen sah, waren auf mich gerichtet. Da hatte ich mir wohl selbst eine Falle gestellt.
Wenn ich schreibe, vergesse ich den Schmerz – das hatte ich tatsächlich zugegeben. Ich vergesse nicht nur den Schmerz. Nach ein paar Stunden konzentrierten Arbeitens bin ich manchmal ein anderer Mensch. Glücklicher. Zufriedener. Als würde jemand einen Knopf drücken, und dann wird eine Droge freigesetzt. Eine, die natürlich nur eine gewisse Zeit wirkt. Irgendwann brauche ich einen neuen Schuss.
Die Tatsache, dass ich bisher noch nichts veröffentlicht habe, ist nicht befriedigend. Aber der Akt des Schreibens an sich – der ist es schon. In dieser Zeit schweigt der Körper. Verstummt das ewige Geplapper in meinem Kopf. Heißt das, ich bilde mir in der restlichen Zeit nur ein, Schmerzen zu haben?
„Fühlen Sie sich in Ihrer Partnerschaft unterstützt?“
„Was macht Ihr Partner, wenn Sie Schmerzen haben?“
„Sind Sie mit Ihrem Sexualleben zufrieden? Sie müssen die Frage nicht beantworten, wenn sie Ihnen unangenehm ist.“
„In welchen Situationen nehmen Sie Medikamente?“
„Was passiert, wenn Sie sie nicht nehmen? Haben Sie es schon versucht? Wie lange sind Sie dann arbeitsunfähig? Haben Sie Alternativen ausprobiert? Welche?“
„Glauben Sie, dass Gott Sie mit den Schmerzen strafen will?“
„Könnte man Sie nach herkömmlichem Verständnis als Partymaus bezeichnen?“
Kann man eine Frau meines Alters noch als Maus bezeichnen? Ist „Maus“ nicht überhaupt eine unpassende Bezeichnung für jede Frau? Aber ich will nicht um Worte feilschen. Wenn schon Maus, dann bin ich eine Kulturmaus. Eine, die Ausstellungen besucht, ins Kino, ins Theater, zu Lesungen geht. Die sich mit Freunden trifft, um über Bücher zu diskutieren. Und die manchmal auch tanzen geht. Aber Partymaus? Auf keinen Fall.
Ja, ich habe eine gute Beziehung, gute Freunde, einen wunderbaren Partner. Wir haben uns vor fünf Jahren über eine Online-Partnervermittlung kennengelernt. Ein Mann, wie ich ihn mir immer gewünscht habe. Klug, belesen, humorvoll – nicht zu vergessen: ein Schreiber wie ich. Und natürlich unterstützt er mich. Psychologisch sowieso, aber da er arbeitslos ist, tut er das auch in seiner Eigenschaft als Hausmann.
Dafür bin ich diejenige, die jeden Tag ins Büro geht und das Geld verdient. Meist mit zusammengebissenen Zähnen, weil ich es eigentlich ungerecht finde, dass ich aufstehen muss, während der Mann sich noch einmal umdrehen kann. Das habe ich allerdings nicht erwähnt. Ich möchte die Doktoren nicht mit meinen kleinlichen Neidgefühlen behelligen.
Das Thema Familie habe ich mit einem Satz abgehandelt. Ja, sie unterstützen mich. Wenn man gelegentliche Fragen nach meiner Gesundheit als Unterstützung auslegen möchte, dann stimmt das sogar. Doch eigentlich bin ich das schwarze Schaf, das sich anders benimmt als die anderen, das immer noch Flausen im Kopf hat. Meine Mutter findet mich komisch, im Sinne von eigenartig. Vielleicht hat sie mit ihrer Einschätzung sogar recht.