Es gibt kaum Gemeinsamkeiten zwischen mir und den Frauen in der Brigitte Woman, die ich mir gestern gekauft habe und die jetzt anklagend neben mir auf dem Nachttisch liegt. Eine Zeitschrift für die ältere oder reifere Frau, zu denen man spätestens gehört, wenn man die vierzig überschritten hat – und da liege ich ja schon seit einiger Zeit deutlich drüber. Ich ärgere mich zwar regelmäßig nach der Lektüre, schaffe es aber nicht, eine neue Ausgabe zu ignorieren. Ein typisches Suchtverhalten.
Glaube ich diesem Magazin, haben Frauen meines Alters nicht nur endlich ihren Kleidungsstil gefunden, nein, sie wissen auch sonst sehr genau, was sie wollen. Die Kinder sind in der Pubertät und lassen sich den Bauchnabel piercen, oder sie sind bereits aus dem Haus. Eventuell gibt es alte Eltern, über deren Pflege man sich Gedanken machen muss – eine Aufgabe, die man jedoch delegieren kann, falls man sich nicht selbst in aufopferungsvoller Weise kümmern möchte.
All diese Frauen sehen zehn Jahre jünger aus, eher wie die Freundinnen ihrer erwachsenen Söhne. Sie benutzen die richtige Pflegeserie, machen Yoga, wissen, wie man mit Alkohol umgeht. Sie haben eine gewisse Summe fürs Alter angespart und üben einen Beruf aus, der ihnen Spaß macht. Falls sie jemals Depressionen hatten, dann haben sie diese Zeit erfolgreich hinter sich gelassen. Sind keine Kinder und keine alten Eltern vorhanden, gründen sie mit Mitte fünfzig vielleicht eine Firma, die nach kurzer Zeit sehr erfolgreich ist, und geben sich in ihrer Freizeit Extremsportarten hin. Sie besteigen Berge, durchqueren Ozeane und Wüsten. All diese Frauen sind mutig und unerschrocken. Ich dagegen bin nichts weiter als eine Träumerin.
Manchmal überfällt mich die Erkenntnis, dass mein Leben sinnlos ist und dass am Ende auch nicht alles gut wird. Mein Leben ist keine von den Operetten, die ich als Kind so liebte. Heimlich natürlich. Denn da gab es schon die Beatles und die Stones – auch im Osten haben wir die gehört –, und es wäre nicht klug gewesen, sich als Schnulzenfreundin zu offenbaren. Johannes Heesters habe ich verehrt, Gott sei Dank wusste er davon nichts, auch Rudolf Schock gefiel mir. Ich bekam eine Gänsehaut, wenn er sang: Dein ist mein ganzes Herz. Wo du nicht bist, will ich nicht sein. Der Vetter aus Dingsda war meine Lieblingsoperette. Ich bin nur ein armer Wandergesell, gute Nacht, liebes Mädchen, gute Nacht … Gar dünn ist mein Wams und gar dick ist mein Fell …
Schöne Geschichten eigentlich. Und immer gab es ein Happy End.
Selbstverständlich war ich auch nie offiziell wegen der Schmerzen krank. Ich kann eine Menge aushalten, wenn es sein muss. Weder nehme ich Medikamente, noch glaube ich, dass Gott mich strafen will. Ich glaube nämlich nicht an Gott. Aber das habe ich ebenfalls für mich behalten. Glauben ist nichts für mich. Meine sozialistische Erziehung wahrscheinlich. Ich brauche Beweise. Gott hat sich mir noch nicht vorgestellt. Es gab keine Zeichen, keine wie auch immer geartete Kontaktaufnahme. Das bedaure ich.
Mir scheint, dass Menschen, die an irgendetwas glauben, besser für das Leben gerüstet sind. Und sollte sich Gott die Sache mit mir und ihm doch noch überlegen, dann müsste er sich auf einigen Ärger gefasst machen. Nie war er da, wenn ich ihn gebraucht hätte. Von den Ermordeten und Gefolterten dieser Erde ganz zu schweigen.
Beim Thema Sexualität habe ich gelogen. Ja, ich bin mit meinem Sexualleben zufrieden. Was hätte ich auch sagen sollen? Ich habe keins? Und gleichzeitig behaupte ich, ich hätte eine wunderbare Beziehung? Dass da etwas nicht stimmt, ist selbst mir aufgefallen. Aber ich habe wirklich andere Sorgen. Außerdem glaube ich, dass das Thema Sexualität überbewertet wird.
„Können Sie auch mal so richtig lustig und ausgelassen sein?“
Ja, kann ich. Muss ich das jetzt hier auf der Stelle beweisen? Ein kleines Tänzchen vielleicht?
„Was würden Sie tun, wenn Sie keine Schmerzen hätten?“
Dasselbe wie immer vermutlich. Von Montag bis Freitag ins Büro gehen, an den Wochenenden und im Urlaub schreiben. Und während ich noch so sprach, ärgerte ich mich schon über mich. Das war doch eine Fangfrage. Bestimmt wollten jetzt alle von mir hören, dass ich irgendetwas anders machen würde.
Am Ende der Konferenz hatte man mich gefragt, ob ich zwei Wochen zur Diagnostik in die Klinik kommen wolle. Dort könne man abklären, ob es organische Ursachen für die diversen Probleme gibt und welchen Einfluss die Depression hat. Denn ich habe ja nicht nur Schmerzen, ich habe auch eine mittelschwere Depression. Eine, die mich offensichtlich schon mein Leben lang begleitet, denn diese Phasen, in denen ich keinerlei Freude spüre, in denen alles schwer ist, andere Menschen mich anstrengen – die kenne ich nur zu gut.
Wäre ich nicht so ein Schisshase (ein Wort, das meine Großmutter gern benutzte), hätte ich längst Schluss gemacht. Allerdings fürchte ich mindestens genauso sehr wie den Tod die Möglichkeit, dass sich irgendjemand – der liebe Gott zum Beispiel, auch wenn ich nicht glaube, das heißt ja nicht, dass da nichts ist –, das Universum oder meine Seele, plötzlich zu Wort meldet, und dann heißt es:
„Pech gehabt, verehrte Frau.“
Vielleicht würden sie mich auch duzen, weil wir eine persönliche Beziehung haben, und dann hieße es: „Diesen Durchlauf hast du leider vermasselt. Nicht bestanden. Du musst noch einmal zurück. Du bekommst eine weitere Chance. Noch ein Leben. Diesmal gibst du dir aber etwas mehr Mühe, ja?“
Eine unangenehme Vorstellung. Das alles noch einmal von vorn.
Jetzt bin ich also hier. Station 124. Wo neben Patienten mit Essstörungen auch solche mit Magen-, Darm- oder Hautproblemen behandelt werden. Depressionen und Ängste gibt es ebenfalls – oder wie in meinem Fall die Kombination aus beidem. Ein Mann kann sich nicht ohne Rollstuhl fortbewegen. Und das soll alles psychosomatisch sein? Alles nur im Kopf? Anscheinend gibt es nichts, was es nicht gibt. Der menschliche Geist ist erfinderisch.
Vielleicht werden die Psychosomaten den ganzen Tag beschäftigt, damit der Geist vor lauter Aktivitäten nicht zum Nachdenken kommt. Bewegungstherapie morgens um sieben. Oft turnen wir mit einem Gymnastikball. Ich stöhne und ächze, ein paar andere auch. Mitmachen müssen wir trotzdem. Nur wenn es gar nicht geht, dürfen wir uns an den Rand setzen und zusehen.
Außerdem gibt es autogenes Training, Atemtherapie, progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Tanz- und Kunsttherapie, Kraftsport, Wassergymnastik, Krankengymnastik, Hydrojet und andere physikalische Anwendungen. Die Teilnahme ist selbstverständlich Pflicht. Und da wir in Deutschland sind, gibt es für jeden Patienten einen Laufzettel, auf dem der jeweilige Therapeut mit seiner Unterschrift unsere Anwesenheit bestätigt.
Zwischendurch haben wir Termine bei den Ärzten der einzelnen Abteilungen. Physikalische Therapie. Neurologie. Orthopädie. Für mich ist ein MRT angesetzt. Vielleicht ist das Kreuzbein blockiert oder die Hüften sind abgenutzt. Mir ist egal, was sie herausfinden – Hauptsache, sie finden überhaupt etwas.
Meine psychische Verfassung steht der körperlichen in nichts nach. Ich könnte unentwegt weinen. Man muss mich nur eindringlich anschauen und fragen, wie es mir geht. Eine Art pawlowscher Reflex, nicht ungewöhnlich für eine Depression. Man fixiert sich auf das Schwere, auf das, was nicht funktioniert. Und da gibt es bei mir einiges.
Die für mich zuständige Psychologin hat in unserem ersten Gespräch gefragt, was ich mir wünschen würde, wenn ich mir etwas wünschen dürfte.
„Ich möchte ein Leben“, war es aus mir herausgeplatzt. „Ein richtiges. Eins, in dem ich einen Sinn erkennen kann. Und kommen Sie mir bloß nicht mit der Geschichte, es wäre doch Sinn genug, dass ich da bin. Das genügt mir nicht.“
Die Psychologin war beeindruckt. Ich war es ebenfalls. Warum erscheint mir das plötzlich so wichtig? Aber es stimmt: Ich hätte gern einen Grund für meine Anwesenheit auf dieser Erde. Und mir fällt trotz ausgiebigen Nachdenkens keiner ein.