Einfach leben (4)

Als ich mich das erste Mal zur Wehr setzte, war ich elf. Ich erinnere mich genau. In meiner Klasse gab es einen Jungen, der ohne Grund rempelte und andere boxte. Als er mir wieder einmal in Angriffshaltung bedrohlich nahe kam, holte ich aus und verpasste ihm eine Ohrfeige. Er fiel um, war verdutzt und sprachlos. Von da an ließ er mich in Ruhe, und ich hielt mich für mutig.

Ich denke selten an meine Kindheit. Warum sollte ich auch? Damals gingen die Uhren langsamer, die Sommer waren heißer, die Winter kälter, und winzige Lauben taten so, als wären sie richtige Häuser. Alles war anders, aber keinesfalls besser. Vielleicht war ich in den ersten fünf oder sechs Jahren meines Lebens glücklich, das will ich nicht ausschließen. Wenn es so war, kann ich mich nicht daran erinnern.

Ich wusste schon als Kind, dass dies nicht meine schönste Zeit ist, dass bessere Zeiten kommen würden. Sogar kommen mussten, weil es so, wie es war, nicht bleiben konnte. Kein Mensch – von meinen Großeltern und ein paar anderen Exoten einmal abgesehen – lebte freiwillig in einer Laube, die aus einem winzigen Zimmer, einer noch winzigeren Küche und einer Veranda bestand, die man nur im Sommer nutzen konnte. Alles zusammen keine zwanzig Quadratmeter. Kein fließendes Wasser, nur ein Plumpsklo im Garten und eine Pumpe vor der Tür, die im Winter mit heißem Wasser aufgetaut werden musste. Drei Eimer Wasser für drei Personen – das musste zwei Tage reichen. Abwaschen, kochen, Körperpflege.

Vielleicht ist es kein Wunder, dass ich viele Jahre lang wütend auf meine Mutter war. Immerhin verdankte ich ihr den Umstand, dass ich noch als Säugling bei meinen Großeltern in der Laube gelandet war. Im Mittelalter sozusagen, das man selbst in der DDR längst abgeschafft glaubte. Sie war eine lebenshungrige junge Frau, widerspenstig und eigensinnig, ihre Ehe ein immerwährender Kampf mit meinem Vater oder gegen ihn.

Ich weiß nicht, ob es in den fünfziger Jahren üblich war, dass Paare sich betrogen, auseinander gingen, sich wieder vertrugen, um dann wieder von vorn anzufangen. Bei meinen Eltern war es so. Sie konnten nicht zusammen sein, und ohne einander hielten sie es auch nicht aus.

Meine Zeugung war ein Unfall. So nannte man das damals. Da meine Mutter sich nach der Geburt nicht um mich kümmern konnte – sie war zu krank, hieß es –, blieb ich neun Monate lang in einem Heim. Die Angaben variieren und mussten aufgrund meines hartnäckigen Nachfragens in den letzten Jahren nach oben korrigiert werden. Darüber wurde in meiner Familie nicht gesprochen, so wie auch über andere unangenehme Dinge nicht gesprochen wurde. Mein Vater hat es mir allerdings erzählt. Angeblich war er derjenige, der darauf bestanden hatte, dass ich dort herausgeholt wurde.

Früher habe ich mir manchmal vorzustellen versucht, wie sich ein Säugling wohl fühlt, der allein in seinem Bett liegt, der nur gelegentlich von einer Schwester oder Pflegerin auf den Arm genommen wird. Eine unangenehme Vorstellung, die ich schnell wieder ausgeblendet habe.

Als ich ein Jahr alt war, brachte mich meine Mutter zu ihren Eltern. Da sind sich alle Zeugen einig. Ich nehme an, dass sie dies letztlich in guter Absicht tat. Sie konnte oder wollte sich nicht um ein Kind kümmern. Ich nehme weiterhin an, dass diese ersten Monate im Heim in Verbindung mit dem späteren Wechsel zu meinen Großeltern dafür verantwortlich sind, dass ich Angst davor habe, verlassen zu werden. Dass mich Trennungen und der damit einhergehende Liebeskummer fast umbringen.

Meine Großmutter war fünfundsechzig, als sie mich bekam, der Großvater zehn Jahre älter. Ursprünglich war die Laube, in der die beiden lebten, nur für den Sommer gedacht. Es war Ende der zwanziger Jahre durchaus üblich, sich einen Kleingarten zuzulegen, Gemüse und Obst anzubauen. Dafür hatte man neben den Rieselfeldern der Stadt Parzellen abgeteilt. Müde Städter fuhren nach Buchholz in die Sommerfrische und beackerten ihre kleine Scholle.

Erst durch den Krieg änderte sich die Situation. Die Wohnung der Großeltern in der Stadt wurde durch Bomben zerstört, und so blieben sie in der Laube und machten aus der Not eine Tugend. Das einfache Leben gefiel ihnen. Sie gingen mit den Hühnern ins Bett und standen mit ihnen wieder auf. Ein idealer Platz für ein Kind, könnte man denken.

Ich dagegen träumte mich nicht nur in andere Leben hinein, sondern auch in eine Zukunft, in der alles besser werden würde. Spätestens an meinem achtzehnten Geburtstag wäre es so weit. Dann wäre ich per Gesetz erwachsen und könnte selbst darüber entscheiden, wo ich leben wollte, wie und mit wem. Vielleicht hätte sich bis dahin sogar meine wahre Familie gemeldet, die mich zu sich holen würde.

Erst Jahre später fand ich heraus, dass ich kein Einzelfall war. Auch heute wird es Kinder geben, die davon überzeugt sind, dass man sie als Säugling vertauscht hat. Anders können sie sich die Diskrepanz nicht erklären. Sie fühlen sich nicht geliebt, nicht gewollt, passen nicht in diese Familie, sind vielleicht das schwarze Schaf oder der Kluge inmitten von Dummköpfen, die Sensible unter rauen Menschen oder die Träumerin unter Realisten. Von schlimmeren Dingen, die man einem Kind antun kann, einmal abgesehen.

Spätestens mit dem Eintritt in die Pubertät kommt die Erkenntnis, dass solche Verwechslungen nur im Film passieren und wir folglich nicht gerettet werden können. Oder dass uns nichts anderes übrigbleibt, als uns selbst zu retten. Frauen kommen manchmal auf die Idee, ein anderer Mensch könne diese Rettung sein. Ein Mann zum Beispiel. Einer, der in ihnen das Gute und das Wahre sieht und sich in ihre wunderbaren inneren Werte verliebt. Ich jedenfalls habe Jahre von einem solchen Helden geträumt.

Als Vierzehnjährige stellte ich mir vor, wie dieser Held mit nacktem Oberkörper in weißen, kühlen Kissen lehnt und ich meinen Kopf auf seine Brust bette. So hatte ich es in den Groschenheften gelesen, die in der DDR eigentlich verboten waren, die meine Sommerfreundin und Gartennachbarin jedoch ihrem Vater entwendete, der diese Dinger trotz der Verbote besaß. Ob er wusste, dass ich seine Jerry-Cotton-Hefte las? Die Wildwest- und Arztromane? Manchmal waren es auch pornografische Texte. Ich las alles, was mir in die Finger kam, auch sämtliche Bücher für Kinder und Erwachsene aus der öffentlichen Bibliothek. In Büchern entdeckte ich Welten, die mit meiner eigenen nichts zu tun hatten – und damit die Hoffnung auf ein anderes, ein besseres Leben.

Die Szene mit den weißen, kühlen Kissen gab es später sogar einige Male, nur wusste ich da bereits, dass ich nicht dem Retter begegnet war, sondern im besten Fall einem ebensolchen Träumer wie mir. Meine Tagebücher sind voll von Geschichten über das Verliebtsein, über misslungene Beziehungen und Liebeskummer. Lange Zeit wusste ich nicht, dass es dieses Schreiben war, das mich rettete, wo ich doch so auf einen Mann gehofft hatte.

Und diese Hoffnung hast du nie aufgegeben, meine liebe Prinzessin. Sonst hättest du vor fünf Jahren nicht im Internet nach einem Mann gesucht.

Na und? Immerhin habe ich ihn gefunden.

Obwohl ich selbst kaum noch daran glaubte, dass es einen geben könnte, der in dieser besonderen Weise zu mir passt. Ein Denker und Schreiber. Einer, der Humor hat. Ein Innenleben. Der wie ich gern in Cafés sitzt und Leute beobachtet, dem Kunst und Kultur wichtig sind. Bücher nicht zu vergessen. Mit dem ich reden und schweigen und spontan an die Ostsee fahren kann. Der mit mir zum Schreiben ins Casentino fährt und mit dem ich Freunde bewirten kann. Auch er im Osten sozialisiert – uns verbinden ähnliche Erfahrungen.

Und nenn mich gefälligst nicht Prinzessin.

Natürlich weiß ich, worauf da angespielt wird. Es ist ja meine innere Stimme, die da spricht, nicht irgendeine dahergelaufene. Als Kind liebte ich Märchen. Zuerst kamen die Brüder Grimm in unsere kleine Laube, dann die Märchen aus Tausendundeiner Nacht, danach Hauff – und damit alles, wonach ich in der Märchenwelt gesucht hatte, damit sie mir die reale Welt erträglicher machte: Spannung. Abenteuer. Aufregung.

Natürlich hatte ich auch Hans Christian Andersen gelesen, aber etwas störte mich an seinen Geschichten. Und dass ich eines Tages wie seine blöde Prinzessin auf der Erbse werden könnte, davon habe ich bestimmt nicht geträumt. Nur eine echte Prinzessin ist so empfindlich, dass sie eine Erbse unter mehreren Schichten von Matratzen spüren kann. Ich will nicht behaupten, dass ich diese Fähigkeit besitze. Aber mein Körper scheint eine Art Seismograf zu sein, der Dinge wahrnimmt, die mein anderes Selbst nicht mitbekommt. Böse Zungen würden jetzt vielleicht sagen: nicht mitbekommen will. Aber was scheren mich diese Zungen.

Ein Gedanke zu „Einfach leben (4)“

  1. Du erzählst deine Geschichte sehr anschaulich und ich bin gespannt auf die anderen Kapitel. Das Gefühl, in der falschen Familie zu leben und die Hoffnung, dass alles gut wird, wenn ich nur endlich den Mann treffe, der mich liebt und versteht, kenne ich sehr gut. Ebenso die Verlustängste, selbst heute noch. Gleichzeitig ist deine Geschichte und die Umgebung, in der du groß geworden bist, so ganz anders als meine. Spannend!
    Ich werde bestimmt noch öfter auf deinem Blog stöbern.
    Gruß aus Lüneburg.

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