WILLY BRANDT ANS FENSTER. Ich muss Frau Duck Duck bemühen. Und würde gern sagen, dass ich mich erinnere. Aber das ist nicht der Fall.
Dass Willy Brandt eine neue Ära in den Ost-West-Beziehungen einleitete, das weiß ich. Aber an die genauen Umstände des ersten Treffens erinnere ich mich nicht. Danke, Frau Duck Duck.
Brandt war seit einem Jahr Bundeskanzler, als er 1970 mit einem Sonderzug zu seinem Tteffen mit Willi Stoph fuhr. Berlin war als Tagungsort ausgeschieden, die DDR Führung konnte nicht zulassen, dass Brandt über West-Berlin anreisen würde. Also Erfurt. Wo es vom Hauptbahnhof nur ein paar Schritte bis zum Hotel Erfurter Hof sind. So würde man unliebsame Zaungäste – DDR Bürger – vermeiden. Hat nicht geklappt.
Ich lese von mehreren Tausend Schaulustigen, die auch Absperrgitter nicht aufhalten konnten. Sie skandierten Willy-Willy, dann konkreter Willy Brandt ans Fenster. Brandt wollte die Gespräche nicht gefährden und schickte seinen Sprecher vor. Den will die Menge nicht. Also tritt er für einen Moment ans Fenster. Lächelnd und mit kleiner Geste. Danach wird der Bahnhofsplatz geräumt.
Ich lese dies, während ich im Zug im Speisewagen sitze. Hinten in der Ecke sind sie beim vierten, fünften Hellen. Sie sind laut, lachen, versuchen sich gegenseitig an Schlagfertigkeit zu überbieten. Leute vom Theater.
Und ich lese von einem Ereignis, das 56 Jahre zurückliegt und schäme mich nicht der paar Tränen, die mir dabei in die Augen steigen.
„Friedrich, Friedrich…!“ skandiert niemand. Wirklich zum Heulen.
Das Pech der späten Geburt…