Einfach leben (5) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

Schon nach wenigen Tagen Krankenhausaufenthalt fühle ich mich psychisch besser. Scheinbar aus heiterem Himmel tauchen Glücksgefühle auf. Allerdings hat das nichts mit den Tabletten zu tun, die mir verordnet wurden und die ich jeden Abend unter Aufsicht einnehme. Eine Schwester hat mir erklärt, dass die Wirkung frühestens nach drei Wochen einsetzen kann.

Und ich hatte schon überlegt, wie der Mann wohl meine neu gewonnene Lebendigkeit aushalten wird. Nun muss er vielleicht gar nicht. Was lässt mich so glücklich sein? Der Placebo-Effekt? Oder die Tatsache, dass unser Büro gefühlte hundert Lichtjahre entfernt ist? Großmutter würde jetzt wohl sagen: Siehste, mein Kind, Einbildung ist auch eine Bildung.

Damit es mir nicht weiterhin so gut geht, haben sie mich zu einem Elektromyogramm geschickt. Eine schmerzhafte Untersuchung, bei der mir ein Arzt Nadeln in die am Bein entlanglaufenden Nervenbahnen steckte. Ich bin auf der Stelle in Tränen ausgebrochen. Dabei bin ich doch eine, die Schmerzen ohne Gejammer ertragen kann.

Auch ein MRT wurde gemacht. Dazu musste ich vierzig Minuten in einer engen, geschlossenen Röhre liegen, nur die Füße schauten heraus. Nichts für Klaustrophobiker. Aber die bekommen eine Beruhigungsspritze, wenn sie es wünschen und der Arzt es für notwendig erachtet.

Ich habe mich mithilfe autogenen Trainings entspannt, später meditierte ich sogar. Dazu hätte Großmutter wahrscheinlich gesagt: In der Not frisst der Teufel Fliegen. Weil ich sonst nur noch selten meditiere, aus purem Trotz nicht. Ich möchte nicht zu denen gehören, die sich auf die Brust klopfen, weil sie so spirituell sind. Die haben mir das Meditieren verdorben.

Aber manchmal erinnere ich mich daran, dass es mir gutgetan hat und ganz bestimmt nicht geschadet. Dann konzentriere ich mich auf den Atem – ich atme ein, ich atme aus –, beobachte meine Gedanken und versuche, mich nicht mit ihnen zu identifizieren. Manchmal benutze ich auch das Mantra, das sie mir 1997 bei der Einweihung in die Transzendentale Meditation gegeben haben. Ich könnte wahrscheinlich auch die ganze Zeit „Abrakadabra“ vor mich hin murmeln, der Effekt wäre derselbe, aber nun habe ich das Mantra, nun benutze ich es auch. Am liebsten atme ich und spüre dabei in den Körper hinein. Man muss das nicht einmal Meditation nennen.

Angenehm war die Untersuchung trotzdem nicht. Klopfende Geräusche im Kopf, klopfende Geräusche über den ganzen Körper verteilt – die dicken Kopfhörer puffern nur wenig ab –, Wärme wandert über die zu erforschenden Körperpartien. Eine Erfahrung, die ich nicht wiederholen muss.

Vielleicht finden sie nichts. Der Gedanke gefällt mir nicht. Es muss doch Ursachen für die Schmerzen geben. Ich will nicht hören, dass alles in Ordnung ist. Denn eigentlich ist gar nichts in Ordnung. Oft wache ich mit Kopfschmerzen auf. Dann lasse ich mir von der Morgenschwester vierzig Tropfen geben. Ich muss mich nie lange erklären, der erlösende Mix wird freundlich gereicht. Auch ein Placebo?

Danach mache ich die Übungen, die mir die neue Physiotherapeutin gezeigt hat und die gut für den Birnenmuskel sind, dessen korrekten Namen ich schon wieder vergessen habe, der aber irgendwo quer über meinem Hintern verläuft. Als Erstes legt man sich dicht an den Bettrand und dort auf die rechte Seite, dann lässt man das linke über das rechte Bein nach unten über die Kante hängen, während der rechte Arm nach oben zeigt. Das tut weh, aber wenn es nun mal gesund ist. Dasselbe mit der linken Seite. Als Nächstes setzt man sich aufrecht in die Mitte des Bettes, schlägt abwechselnd die Beine übereinander und zieht jeweils das oben liegende Knie an die Brust. Am Ende steht man dann vor der Frage, wie der Knoten gelöst wird.

Wassergymnastik ist nach dem zügigen Traben auf dem Laufband mein Lieblingssport. Nur wird es manchmal ziemlich eng in dem kleinen Becken, und leicht ist es auch nicht, sich in dem schweren Wasser zu bewegen.

„Nehmen Sie den Ball in die Hand, drücken Sie ihn mit ausgestrecktem Arm unter Wasser, dann heben Sie abwechselnd die Beine und schieben den Ball durch. Nein, höher das Bein, der Arm bleibt ausgestreckt. Stellen Sie sich vor, Sie malen eine Acht unter Wasser. Ja, das sieht doch schon sehr schön aus.“

Ich freue mich über das Lob. Es sind oft die kleinen Dinge, die mich zumindest für einen Augenblick glücklich machen.

Am Sonntag darf ich für ein paar Stunden die Klinik verlassen. Als ich zurückkomme, ist nur der junge Pfleger da, der auf der Station seinen Zivildienst leistet. Er ist genauso neugierig wie die Schwestern. Wie es im „Becks“ war, will er wissen. Die Frage erstaunt mich. Woher weiß er, wo ich den Nachmittag verbracht habe? Außerdem hatte das Restaurant einen anderen Namen.

Aber ich habe ihn falsch verstanden. Er meint, ich wäre im Belastungs-Ausgang gewesen, dafür ist die Abkürzung BEGS. Meine großen Augen bewegen ihn zu der Erklärung: Ich wäre schließlich auf einer psychosomatischen Station, es wären auch Patienten mit Ängsten da, mit verschiedenen Neurosen, Depressionen – hat er meine ganze Akte gelesen? –, deswegen sei der Ausgang eine Art Test, wie wir uns draußen zurechtfinden nach der Zeit im Krankenhaus.

Weil er so ernst aussieht bei diesen Worten, würde ich ihm am liebsten gestehen, dass ich zwei Gläser Wein getrunken habe, um ihn ein wenig aus der Fassung zu bringen. Der Mann könnte mein Sohn sein, und ich möchte ihm Vertrauliches mitteilen. Wahrscheinlich bin ich betrunken.

Die Bettnachbarin liegt frisch gekleidet auf ihrem Bett, sie hört Radio und liest eine bunte Zeitung mit vielen Bildern. Als ich hereinkomme, schaut sie nur kurz auf. „War nüscht los.“

Dann will ich froh sein, ich habe nichts verpasst. Wahrscheinlich ahnt sie, dass ich ihr in diesem Moment schutzlos ausgeliefert bin. „Wat haste denn Schönet erlebt?“

Ich erzähle ihr, dass ich mich mit einer alten Freundin zum Essen getroffen habe, ich beschreibe das Restaurant, die gefüllten Champignons, das Wetter – mir fallen so viele Dinge ein. Plötzlich bin ich so glücklich, spüre sogar Zuneigung für diese Frau. Das überrascht mich.

In diesem Moment holt sie einen Kopfhörer aus ihrem Nachtschrank, setzt ihn sich auf den Kopf und drückt einen Knopf an ihrem Radio. Es ist still. Vielleicht hört sie Meeresrauschen.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von AM RAND EIN ZUHAUSE

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen