Einfach leben – (10)

Später hatten wir uns dann häufiger gesehen, ein- oder zweimal im Jahr. Allerdings kamen auf zwei Verabredungen mindestens vier, bei denen er mich versetzte. Das waren die Tage, an denen ich stundenlang am Grenzübergang Bornholmer Straße stand, egal ob Sommer oder Winter, und nicht glauben konnte oder wollte, dass er wieder einmal nicht kommen würde.

Die Ausreden waren immer als solche erkennbar. Meist ging es um Unfälle oder Autos von Freunden, immer musste mein Vater dringend Dinge erledigen, die nicht warten konnten. Nur ich, ich konnte warten.

Trotzdem habe ich ihn viele Jahre lang geliebt und idealisiert. Nicht, weil er im Gegensatz zu mir im Westen wohnte und lesen durfte, was er wollte – obwohl ich ihn darum am meisten beneidete. Nein, er schien mir der Einzige in meiner Familie, der sich mit mir wie mit einem gleichrangigen Menschen unterhielt, der mich nie wie ein Kind behandelte. Der noch dazu ehrlich daran interessiert war, was in meinem Inneren vorging.

Leider erinnerte ich ihn mit fortschreitendem Alter an meine Mutter, an die Frau also, die er so sehr geliebt hatte, die er immer noch liebte, immer lieben würde. Angeblich sah ich aus wie sie, hatte aber als zusätzliches Geschenk seine Intelligenz mitbekommen. Einerseits fühlte ich mich geschmeichelt, andererseits wollte ich ihn nicht an jemanden erinnern, den er so sehr geliebt hatte. Wahrscheinlich fürchtete ich, er könnte diese mir fremde und mich verstörende Leidenschaft auf mich übertragen.

Wie sich zeigte, war diese damals eher unbestimmte Furcht nicht unbegründet.

„Würde es etwas zwischen uns ändern, wenn ich nicht dein Vater wäre?“

Ich weiß noch, wie verblüfft ich über diese Frage war. Als er sie das erste Mal stellte, war ich siebzehn. Er war zu Besuch in Ost-Berlin und natürlich betrunken. Natürlich, weil er immer trank. Allerdings vertrug er Unmengen, sodass sein Betrunkensein nur dadurch auffiel, dass er brillanter diskutierte oder streitsüchtiger war als sonst. Ich verstand nicht, worauf er hinauswollte. Was sollte sich denn dadurch ändern, bitte schön? Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass er wissen wollte, ob ich bei Bejahung seiner Frage seine Geliebte werden würde.

Väter sollten solche Fragen nicht stellen. Sie sollten ihren Töchtern auch nichts von dem wunderbaren Sex erzählen, den sie mit der Mutter hatten. Auch die Geschichte mit der Rose, die ein einfühlsamer Mann nach schönem Beischlaf der Gespielin auf die Brust legt, hätte er besser für sich behalten. Ich habe bis heute vergeblich auf Blumen gewartet.

Unsere Beziehung, ohnehin brüchig, endete zwei Jahre nach meiner Übersiedlung nach West-Berlin. Anlässlich der Einschulung meines Sohnes sollte es eine kleine Feier geben. Ich hatte eine alte Tante eingeladen, die extra aus Ost-Berlin gekommen war, und meinen Vater. Der einzige Opa, der noch erreichbar war. Mit meinem Sohn und mir wären wir zu viert gewesen.

Und dann kam der Vater nicht. Angeblich musste nach einem Unfall dringend ein Auto abgeholt werden. Obwohl es das hundertste Mal war, dass er ein Versprechen nicht hielt und sich mit fadenscheinigen Erklärungen zu entschuldigen versuchte, konnte ich ihm dieses Mal nicht verzeihen.

Zwar haben wir uns danach noch einige Male gesehen, meist, wenn Ernie in Berlin war, aber das waren unpersönliche Begegnungen. Die letzte vor fünf Jahren. Damals ist er mit mir an den Wannsee gefahren. Ich hatte mich bereits nach zehn Minuten geärgert, weil ich mich auf diese Verabredung gar nicht hätte einlassen sollen.

In all den Jahren hatte sich nichts geändert. Kaum saßen wir zusammen, fing er an, mir Vorträge zu halten. Über das Versagen der SPD, das sich schon 1918 angekündigt hatte. Als lägen nicht Jahrzehnte dazwischen, als hätte sich die Gesellschaft seitdem nicht verändert. Nur mein Vater, der verändert sich nicht. Der bleibt derselbe. Ein Mann, der von sich behauptet, politisch links zu stehen und mir Vorträge über Geschichte hält.

Darin gleicht er seinem jüngeren Bruder G., der viele Jahre lang mein Lieblingsonkel war. Mein Lieblingsonkel und ein großer Reisender. Um ihn rankten sich schon in meiner Kindheit Sagen. In seiner Jugend war er einmal fast Berliner Meister im Boxen geworden. Eigentlich wollte er wie der älteste der Brüder – mit meinem Vater waren es drei Jungs, dazu Ernie, das einzige Mädchen – Kunst studieren. Begabt genug war er. Aber dafür hätte er in die FDJ eintreten müssen. Das hatte er abgelehnt. Dann studierte er eben nicht.

Dafür war er Ende der fünfziger Jahre von Ost-Berlin nach Indien getrampt, hatte anschließend die halbe Welt bereist. War mit dem Frachtschiff nach Australien gefahren, wo er seine spätere Frau kennenlernte und sesshaft wurde. Er hatte Hochhäuser gebaut, Teppiche verkauft, nach Öl gebohrt. Und als er schon über fünfzig war, hatte er in Sydney doch noch Kunst studiert. Ich habe mir Arbeiten von ihm im Internet angesehen, sie haben immer einen politischen Bezug.

Als ich G. das erste Mal sah, war ich zwölf. Er war auf einer Rundreise durch Europa, hatte Freunde von früher aufgesucht, auch Ernie und ihren Mann in München, hatte eine Weile bei meinem Vater in West-Berlin gelebt und natürlich war er auch bei seiner Mutter in Ost-Berlin, meiner zweiten Großmutter. Und dann war er eben einmal nach Buchholz gekommen, um mich zu einem Stadtspaziergang abzuholen.

Es gibt ein Foto von ihm und mir von diesem Tag, deswegen weiß ich das genaue Datum unseres Treffens. Auf der Rückseite steht: „My niece and me! Uncle G. East Berlin 1968, New year.“

Ich erinnere mich nicht an alles, was ich damals gesehen habe. Die Museumsinsel. Den Dom. Und zum Schluss waren wir in einer Kirche mit Ober- und Untergang, vielleicht ein Kreuzgang. Vielleicht hatte er mir die St.-Hedwigs-Kathedrale gezeigt. Was ich dagegen sehr gut erinnere, ist die Begeisterung und Freude, die ich an diesem Tag empfand und die auch später immer wieder auftauchte, wenn ich daran zurückdachte.

Es war das erste Mal, dass jemand mit mir so durch die Stadt gelaufen war und mit mir geredet hatte, als wäre es ein Vergnügen, dies zu tun. Nicht einmal mein Vater hatte das gemacht. Bis dahin kannte ich von Berlin nicht viel mehr als Buchholz, die Kleingartenanlage. Ab und zu fuhr ich mit der Straßenbahn und dem Bus nach Wilhelmsruh, verbrachte das Wochenende bei meiner Mutter und ihrem Mann. Mehr hatte ich bis dahin von Berlin nicht gesehen. Und dann kam dieser attraktive, kluge Onkel daher, um mich aus meinem Dornröschenschlaf zu wecken. Er hatte mir eine neue Welt geöffnet.

Ich kannte aus meiner Familie Diskussionen über Politik, darüber, was Menschen plötzlich zustoßen konnte, man erzählte von alltäglichen Erlebnissen. Aber noch nie hatte mit mir jemand über Kunst geredet, hatte mich auf architektonische Besonderheiten aufmerksam gemacht, mich zum anderen Sehen eingeladen. Das war neu und aufregend. Geradezu inspirierend. Von diesem Onkel, von seinem Wesen, seinem Wissen, war ich so begeistert, dass ich mir vornahm, ihn zu heiraten, wenn ich erwachsen wäre. Genau so einen Mann wollte ich. So schrieb ich es jedenfalls in mein erstes Tagebuch.

Obwohl ich dachte, ich hätte diese Überlegungen für mich behalten, muss ich sie jemandem erzählt haben, denn wie mir später berichtet wurde, amüsierte sich der väterliche Teil der Familie sehr über mein Vorhaben.

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