Einfach leben – (12)

Im Krankenhaus hatten sie mir empfohlen, noch einmal Therapie zu machen. Obwohl ich dachte: Wozu soll das gut sein? Ich habe fünf Jahre Therapie hinter mir, auch wenn das fünfzehn Jahre her ist. Wäre das jetzt nicht ein Eingeständnis von Hilflosigkeit?

Trotz der Scham habe ich mir jemanden gesucht. Aber eigentlich musste ich gar nicht suchen, da mir von den Vollmondfrauen Frau Luzie empfohlen wurde. Diese drei Freundinnen – wir haben zusammen in einer WG gewohnt, heute heulen wir gelegentlich gemeinsam den Mond an – hatten im Abstand von mehreren Jahren bei ihr eine Therapie gemacht. Und deswegen müsste ich, die vierte in unserem Kleeblatt, natürlich auch zu ihr.

Frau Luzie ist eine patente Frau, humorvoll, klug, groß und dünn, fast hager, mit dicken, langen grauen Haaren. Eine Erscheinung, denke ich, als ich sie das erste Mal sehe. Und obwohl man mir erzählt hat, dass sie eine Sufi-Anhängerin ist, fühle ich mich sofort zu ihr hingezogen. Ich bin ihr ebenfalls sympathisch, und wenn sie mich mit ihren Anschauungen in Ruhe lässt, wovon ich ausgehe, will ich gern mit ihr arbeiten.

Ich brauche einen Menschen, der versteht, dass ich mich von diesem Job lösen will. Lösen muss. Jemanden, der mir nicht meine eigenen Einwände vorträgt, sondern mich in meinem Wunsch unterstützt. Verdammt noch mal, ich sollte es auch ohne Hilfe schaffen. Aber mit „sollte“ und „müsste“ komme ich nicht weiter. Im Gegenteil. Wenn ich etwas soll, werde ich erst richtig bockig.

Vielleicht ist es mit diesem Job ähnlich wie mit einer zwanzigjährigen Beziehung. Die gibt man doch auch nicht so schnell auf. Was soll denn aus mir werden? Woher kommt das Geld? Immer geht es um das dumme Geld. Dabei würde ich auch mit weniger auskommen.

Was wäre schlimm daran, nicht in den Urlaub zu fahren? Nicht spontan ans Meer? Keine Bücher zu kaufen, nicht so oft essen zu gehen? Discounter statt Bioladen und Feinkostgeschäft. Das alles brauche ich doch gar nicht. Das einfache Leben, das ist es, was ich als sinnvoll empfinde. Weniger konsumieren. Nicht in jeden Film gehen, damit ich mit Freunden mitreden kann. Bücher kann man leihen. Ins Museum kann man donnerstagnachmittags gehen, da ist der Eintritt frei.

So viele Fragen und Gedanken. Ich hoffe auf Frau Luzie. Sie kann mir beim Sortieren helfen. Die Schwestern haben mir gesagt, sie hätte ein Faible für kreative Menschen. Dann bin ich bei ihr richtig.

Als Erstes empfiehlt sie mir ein Buch über Depressionen. Immer wenn ich es lese, meistens in der S-Bahn, unterwegs zum Vater, muss ich weinen. Ohne eine Aussöhnung der inneren Widersprüche gibt es keine Heilung. Sätze wie dieser machen mich fertig. Ich bin ein hervorragendes Beispiel für einen Menschen, der jahrelang versucht, diese Widersprüche erst gar nicht wahrzunehmen. Allen Therapiestunden zum Trotz wäre ich zum Beispiel gern eine Art Mutter Theresa. Im Großen und Ganzen gut, mit ein paar lässlichen kleinen Mankos. Unpünktlichkeit und Ungeduld kann ich an mir akzeptieren, Neid und Eifersucht dagegen nicht. Das ist kleinlich. Damit kann man kein guter Mensch sein.

Wenn ich zum Beispiel auf den Mann eifersüchtig bin, weil ich glaube, einige unserer Freunde mögen ihn mehr als mich, interessieren sich für seine Schreibprojekte, nicht für meine, für seine Literaturempfehlungen, obwohl ich diejenige bin, die viel mehr liest, dann ist mir das peinlich. Dann will ich das sogar vor mir selbst geheim halten.

Würde es in diesem Fall genügen, wenn ich mir diese Gefühle eingestehe? Sind die Widersprüche damit ausgesöhnt? Oder muss ich meine Gefühle auch anderen beichten?

Vermutlich gibt es kein richtig und falsch. Reden ist möglich, schweigen ebenso. Ich dagegen möchte am liebsten ein Rezept. Tu dies. Lasse das. Und gleichzeitig hasse ich es, wenn man mir sagt, was ich tun soll. Ich bestehe zu neunzig Prozent aus Widersprüchen. Wenn ich das doch nur akzeptieren könnte.

Vielleicht ist es genau das, wobei Frau Luzie mir helfen kann und womit sie bereits angefangen hat. Sie gestattet mir nämlich, ein widersprüchlicher Mensch zu sein. Findet das nicht einmal komisch im Sinne von eigenartig. Angeblich sind wir Menschen alle so. Und natürlich werde ich es schaffen, diesen Job loszuwerden. Denn das ist das Ziel und die Perspektive. Keine Frage.

 

Dreieinhalb Monate sind seit meinem Aufenthalt im Krankenhaus vergangen, als ich endlich nach Bad Hersfeld zur Reha fahre. „Kur“ sagt man in diesem Fall nicht, weil der Aufenthalt der Rehabilitation dient. Ich vermute, dass sie mich dort für die Rückkehr in meinen Job fit machen sollen.

Einen Tag vor meiner Abreise aus Berlin habe ich den letzten Termin bei Frau Luzie. Ich weiß nicht, wie ich es in den nächsten sechs Wochen ohne sie aushalten soll. Vielleicht gibt es in Bad Hersfeld keine vergleichbare Therapeutin. Keine, die so sehr auf meiner Seite steht, die mich unterstützt, mich fordert, die mich mit ihrem Humor und ihrer schrulligen Seite aufheitert. Gerade habe ich mich an sie gewöhnt, und schon soll ich eine Neue akzeptieren.

Frau Luzie hat noch ein paar Hinweise für mich. Da sie weiß, dass ich vor schlechtem Gewissen fast platze, erinnert sie mich daran, dass ich in den nächsten Wochen keine Entscheidung treffen muss. Weder muss ich meinen Job kündigen, noch muss ich wissen, wie es nach der Reha weitergeht. Immer einen Schritt nach dem anderen.

Und noch etwas. Sie sagt, die meisten Menschen würden schon im Kindesalter anfangen, ihr Leben abzusichern. Sie lernen für eine gute Ausbildung. Die gute Ausbildung ist Voraussetzung für einen guten Beruf. Ein guter Beruf sichert ein gutes Leben. Aber ist das tatsächlich Leben? Ist das nicht eher Sicherheitsdenken?

Als wir in Berlin aufbrechen, zeigt das Thermometer vierunddreißig Grad. Die Fahrt ist kein Vergnügen, seit letztem Jahr funktioniert die Klimaanlage im Auto nicht. Aber für solche Nebensächlichkeiten hatten wir bisher kein Geld. Vielleicht wird das anders, jetzt, wo der Mann ein regelmäßiges Einkommen hat. Damit sollten die Zeiten der finanziellen Dürre vorbei sein.

Wobei bei uns von Dürre eigentlich nichts zu merken ist. Schließlich habe ich einen großzügigen Überziehungskredit. Fast achttausend Euro. Und eine Kreditkarte habe ich auch. Die zehntausend Euro, über die ich verfügen könnte, sind noch nicht ausgeschöpft. Wenn immer mehr Monat als Geld da ist, dann spricht das zwar für unser beider Unfähigkeit, mit Euros umzugehen, aber davon müssen wir niemandem etwas erzählen.

Wir haben eine schöne Wohnung, groß, Altbau, hohe Räume, Parkett, wenn auch insgesamt ein wenig heruntergekommen. Aber diesen Charme mögen wir. Wir lieben gutes Essen, Kunst, spontane Ausflüge, Reisen nach Italien. Dafür gebe ich mein ganzes Geld und noch mehr aus. Soll ich das etwa alles allein genießen? Wo ich doch froh bin, dass er da ist. Der gute Mann. Der sechshundert Kilometer fährt, um mich in der Klinik abzuliefern.

Im Kofferraum unseres Autos befinden sich all die Dinge, von denen ich glaube, dass ich in den nächsten sechs Wochen nicht darauf verzichten kann: Tagebücher, Laptop, viele Bücher, eine einzige Tasche für Garderobe.

A Kind of Magic. Freddie Mercury wird beim Singen nicht an die thüringische Landschaft gedacht haben, durch die wir fahren. Langsam erwache ich wieder zum Leben.

Die letzten Tage waren heftig. Wenn das Thermometer über dreißig Grad steigt, geht es mit mir bergab. Meine Kräfte verflüchtigen sich proportional zum Anschwellen meiner Knöchel. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als eine Hängematte und einen Menschen, der mir Luft zufächelt. Wenn es sich wieder abkühlt, werde ich für kurze Zeit euphorisch.

Mir gefällt der Gedanke, dass ich in den nächsten Tagen und Wochen nichts tun muss. Dass ich auf niemanden Rücksicht nehmen, niemanden besuchen muss. Nicht die Freundinnen, die auf regelmäßige Treffen Wert legen und das soziale Leben preisen, nicht den störrischen Vater, der sich weigert, an die Möglichkeit des eigenen Todes auch nur zu denken – man will ihn in den nächsten Tagen nach Hause entlassen, dann wird Ernie aus München kommen und sich um ihn kümmern.

Und zufällige Treffen mit Kollegen, denen ich meinen Zustand erklären müsste, kann ich ebenfalls ausschließen. Und plötzlich, mitten im Nirgendwo, erscheint mir alles möglich. Ich werde es nicht länger aufschieben, das wahre, das wirkliche Leben.

Aus dem Buch über Depressionen – ich habe es als eine Art Notfallapotheke dabei – fällt mir Ernies Brief entgegen. Wie kommt der Brief in das Buch?

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