Einfach leben – (22)

Vor der Beerdigung rufe ich G. in Australien an. Ich weiß nicht, was ich mir von diesem Gespräch erhoffe, vielleicht eine weitere Stimme zu dem Thema Vaterschaft.

„Wenn du es wirklich hättest wissen wollen, dann wüsstest du es.“

Für ihn ist das einfach. Wenn du wirklich willst, dann. Aber wir vertiefen das Thema nicht. Wo mein Problem ist, will er wissen.

„Ich weiß nicht, wohin ich gehöre.“

Er holt geräuschvoll Luft. „Du gehörst zu uns. Was spielt es für eine Rolle, ob der Andy nun dein Blut hat oder nicht. Du bist eine typische Hojdyssek.“

Eigentlich sind diese Worte allein schon die hundertfünfzig Euro wert, die ich später für das Gespräch bezahlen werde, weil ich vergessen habe, eine von den günstigen Vorwahlnummern zu wählen. Ich habe auch vergessen, dass man mit diesem Mann keine kurzen Gespräche führen kann.

„Die Ernie, die war immer naiv.“

Das hat er schon einmal behauptet. Seine Mutter hätte nichts gegen Kurt einzuwenden gehabt, weil er Halbjude war, sondern aus anderen Gründen. Welche Gründe das waren, erfahre ich nicht, weil ihm einfällt, dass Kurt zwar ein guter Mann war, andere aber auch sehr provozieren konnte. Ihn zum Beispiel. Einmal hatte Kurt ihn gefragt, ob er an Gott glaube. Nein. Glaube er nicht.

„Dann tust du mir wirklich leid.“

Ob ich mir das vorstellen könne? Ihn jedenfalls hatte das so aufgeregt, dass er zu schreien anfing.

„Ich will dir nicht leid tun. Ich verbiete dir, Mitleid mit mir zu haben. Mir geht es gut mit meinem Atheismus.“

Obwohl er keinen Glauben hat, passieren ihm ungewöhnliche Dinge. In ihrer Todesnacht erscheint ihm seine Mutter so plastisch, als stünde sie wirklich vor ihm. Er erklärt das mit chemischen Prozessen, was wiederum mich erstaunt. Da glaubt er, dass er Vorahnungen hat in Bezug auf seine Tochter – er weiß immer, wie es ihr geht, ob sie einen Freund hat oder nicht –, aber das Erscheinen seiner Mutter nach ihrem Tod ist ein chemischer Prozess.

Auch ich habe manchmal Vorahnungen. Keine Ahnungen, eher präkognitive Träume. Ich sehe Situationen, die sich manchmal erst Jahre später ereignen. Spricht das nicht dafür, dass ich zu dieser Familie gehöre?

 

Nachdem die Urne mit Vaters Asche unter der Erde ist, werde ich ein wenig ruhiger. Sehe die Dinge gelassener. Vielleicht ist das so am Ende eines gemeinsamen Weges. Auch wenn man den Weg nur selten zusammen gegangen ist. Irgendwie war der Vater ja trotzdem immer da. Vielleicht hätten wir uns öfter gesehen, wenn er wieder gesund geworden wäre. Vielleicht wäre dieses oder jenes passiert, wenn ich ihn gepflegt hätte.

Vielleicht werde ich eines Tages über den Vater schreiben. Oder über Ernie. Über diese Familie. Menschen und ihre Geschichten, das ist es doch, was mich interessiert. Davon möchte ich erzählen. Die Details sauge ich auf. Wie haben sie ihr Leben gelebt? Auf welche besondere Weise?

Denn davon bin ich überzeugt: Jeder lebt sein Leben auf eine für ihn typische Weise. Wie Ernie, deren frühe Armutserfahrungen sie bescheiden gemacht haben. Andere entscheiden nach solchen Erlebnissen, dass sie nie wieder arm sein wollen und setzen alles daran, immer genug Geld zu haben. Oder wie mein Vater, der sein Leben lieber in vollen Zügen lebte, wenn ihm das möglich war, der auch kein Fettnäpfchen ausließ, der alles ausschöpfte, bis auf seine Talente vielleicht. Der den eigenen Willen zum Trinken nutzte. Was er stattdessen alles hätte tun können.

So wie ich. Ich hätte im Westen andere Fächer als Geschichte und Publizistik studieren können. Sogar Jahre später wäre ein Abschluss noch möglich gewesen. Ich hätte einen interessanten Beruf ergreifen können. Jedes Jahr einen anderen. Aber nein, ich musste zwanzig Jahre bei derselben Firma bleiben. Aber damit ist Schluss. Denn jetzt schreibe ich.

Mein Mantra. Ich muss schreiben. Nicht: ich sollte oder es wäre schön. Nein, ich muss. Wenn ich geistig gesund bleiben oder gesund werden will, muss ich dies tun. Meine Arbeit ist das Schreiben. Schon bei diesen wenigen Worten fällt mir auf, wie anders ich mich fühle, wie sich Ärger und Angst, diese beklemmenden Gefühle im Bauch, langsam auflösen. Wie ich weiter werde. In Momenten wie diesen glaube ich, dass alles gut wird.

Alles wird gut. Das sollte mein Mantra sein. Alles wird gut, wenn es mir wieder im Magen drückt. Wenn die Angst mir im Bauch sitzt. Wenn sie da nicht rauskommen will, sich verkriecht wie ein kleines, bockiges Kind, das sich windet und dreht. Ich weiß nicht, was eher zutrifft. Das Bockigsein oder das Ängstliche. Ich finde das Kind in mir nicht. Ich suche auch nicht danach. Aber ich vermute, dass es da ist.

Alles wird gut? Wenn ich es doch glauben könnte. Wenn ich doch wüsste, dass alles gut wird, dass am Ende die Guten gewinnen und die Bösen in die Flucht geschlagen werden. Ich könnte mich erinnern. An andere Zeiten. Daran, dass immer alles gut geworden ist, egal, wie verzwickt die Lage zu sein schien.

Aber ich kämpfe nicht nur mit Depressionen und Schmerzen, mit der Tatsache, dass ich keinen Vater mehr habe. Als wäre das nicht schon schlimm genug, steht auch noch mein Geburtstag vor der Tür. Dabei will ich gar nicht geboren sein. Einen neuen Tag will ich auch nicht. Ich hatte erst gestern einen, der mir nicht gefallen hat.

Man nennt es Vorgeburtstagsdepression. Die sich Jahr für Jahr zur selben Zeit einstellt. Ende Juni, Anfang Juli, manchmal auch erst Anfang August, geht es los, steigert sich bis zur Mitte hin. Dann möchte ich alle Gäste, die ich eingeladen habe, wieder ausladen. Weil ich mich dem Druck plötzlich nicht mehr gewachsen fühle. Dem Druck, den ich mir selber mache, weil ich mich dafür verantwortlich fühle, dass sich alle gut amüsieren. Dass sie glücklich sind. Dass es nicht nur ausreichend und in feiner Qualität zu essen und trinken gibt, nein, sie sollen sich auch wohl fühlen.

Außerdem habe ich dieses Jahr meine Mutter und den Stiefvater eingeladen. Nun fürchte ich, sie könnten sich unpassend aufführen. Könnten nur von sich reden oder gar nichts sagen – ich weiß nicht, was mir unangenehmer wäre –, weil sie mit dem Austausch von Ansichten über Bücher, Filme oder Theaterstücke und dem ganzen Gerede über Kunst nichts anfangen können.

Wenn meine Mutter mich fragt, wie es mir geht, kann sie meine Antwort oft gar nicht abwarten. Sie ist schon beim nächsten Thema, bei sich, den Verwandten, Nachbarn. Manchmal trinkt sie ein Glas zu viel, dann wird sie zutraulich und redet mehr als sonst, meist ist das sogar witzig, es müsste mir jedenfalls nicht peinlich sein.

Dafür gibt es einiges, was mir in Bezug auf mich selbst peinlich sein könnte. Wenn ich zum Beispiel mit Abstand lese, wie freimütig ich auf meiner Webseite über mich berichte. Seit einem Jahr schreibe ich ein öffentliches Tagebuch. Schreibe über die Bücher, die ich gelesen habe, über Filme, die mich interessieren, über mein Leben, auch die Schmerzen und Depressionen klammere ich nicht aus. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, dabei so ehrlich wie möglich zu sein. Authentisch. Ich teile meine ehrlichen Überlegungen, Gefühle, Gedanken. Und das ist mir hinterher manchmal peinlich.

Nicht, weil ich meine Offenheit plötzlich bedaure, aber was ist, wenn meine Kollegen meinen Blog lesen? Dann wissen sie, was ich denke. Wie ich fühle. Dann können sie sich ausrechnen, dass ich fertig bin mit meinem Job. Dass ich sie im Stich lassen werde. Aber wahrscheinlich sind diese Sorgen überflüssig. Von denen liest keiner Internettagebücher. Also muss mir auch nichts peinlich sein.

Ich lese nicht nur andere Blogs, ich recherchiere auch gern. Google ist zwar nicht mein bester Freund, aber eigentlich finde ich alles, was ich brauche, im Netz. Ferienwohnungen, Hotels, ehemalige Schulkameraden, gebrauchte Möbel, Bücher, Männer nicht zu vergessen, und manchmal passieren auch merkwürdige Dinge.

Gerade stieß ich auf eine Frau, die nach Hinweisen auf einen Mann mit dem Namen Hoidyssek in Kanada sucht. Sie glaubt nämlich, dass dieser Mann ihr Vater ist. Ihre Angaben passen auf meinen Onkel Willi, Ernies ältesten Bruder, der jetzt seit zehn Jahren tot ist. Es gibt nur ein paar Hojdysseks verteilt über die Kontinente.

Es dauert nicht lange, und ich habe diese Frau am Telefon. Sie ist sehr intelligent, womit man mich immer beeindrucken kann, allerdings scheint sie auch ein wenig verrückt zu sein. Sie war mit einem Freimaurer verheiratet und glaubt an Verschwörungstheorien. Doch an ihrer Geschichte könnte etwas dran sein. Ihre Eltern sind 1960 nach Kanada ausgewandert, weil eine Familie Hojdyssek für sie gebürgt hatte. Die Frau Hojdyssek kannte ihre Großmutter aus Köln. Dann ist die Familie kurz vor der Geburt der Tochter wieder zurück nach Deutschland gegangen, und 1994, als sie ihrem kranken Vater Blut spenden will, findet sie heraus, dass der von der Blutgruppe her gar nicht ihr Vater sein kann. Es gab in der Zeit der Empfängnis angeblich nur dieses andere Paar Hojdyssek in Kanada, mit dem die jungen Deutschen Kontakt hatten.

Sie sagt, sie passe nicht in diese Familie, das habe sie von Kindheit an gewusst. Sie ist zierlich – das könnte hinkommen, das sind die Frauen in der Familie alle, ich bin die einzige Ausnahme –, klug, hat blaue Augen, ist kreativ. Sie weiß nicht, wo das alles herkommt. Und sie ist erstaunlicherweise ebenso antisemitisch wie mein Onkel es war. Kann man so etwas vererben?

Ernie sagt, die Frau bilde sich etwas ein. Etwas Ähnliches behauptet G., den ich ebenfalls anrufe. Niemals hätte ihr wunderbarer Bruder Willi etwas mit einer anderen Frau angefangen. Aber das ist nicht ausschlaggebend für die Skepsis der beiden. Ausschlaggebend ist der Antisemitismus, den ich ebenfalls erwähnt habe.

Jetzt ist es an mir, der Frau mitzuteilen, dass meine Familie nicht mit ihr reden möchte. Ich höre nie wieder etwas von ihr.

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