Mir war übel. Das passiert ab und zu. Ich drehte und wälzte mich. Das Leben ist Leiden, hatte der Freund vom Mopedfahrer gestern Abend gesagt. Das fiel mir nun ein. Er hatte extra angerufen, um davon zu berichten, dass er von uns bis zu sich nach Hause zweieinhalb Stunden gebraucht hatte, weil die Stadtautobahn gesperrt war. Da spricht der bekennende Buddhist dann von Leid. Aber vielleicht war das auch ironisch gemeint.
Zuvor hatten wir zwei angenehme Stunden im Garten verbracht. Ich hatte Rhabarbercrumble gebacken, Sahne geschlagen, und auch der Nachbar von gegenüber, der spontan vorbeischaute, war eingeladen.
Wir hatten über unsere aktuellen Lektüren geredet – an uns liegt es nicht, wenn der Buchhandel pleite geht, alle vier lesen viel – hatten uns besorgt über politische Entwicklungen ausgetauscht. Aber vom Leben als Leiden war nicht die Rede. Sonst hätte ich mich wohl gleich in Rage geredet. So habe ich nur dem Mopedfahrer eine Gegenrede gehalten. Übrigens gut, dass der Hausmann nicht zu Hause war, wenn der mir noch mit „und Sinn hat das Leben auch nicht“ gekommen wäre.
Morgens um vier war ich wieder offen für Gegenargumente. Wenn mit Leiden der Umstand gemeint ist, dass wir an Dingen/Menschen/Situationen anhaften, dass uns Veränderung missfällt, dass wir also leiden, wenn etwas anders ist, als wir das gerne hätten, dann gäbe ich dem Buddhisten recht. Dann ist Leben wohl oft auch leiden. Zumal mir immer noch etwas übel war.