Gestern sah ich eine Hundertjährige im Fernsehen. Ilse Pohl, die älteste noch aktive Schriftstellerin Europas, eine moderne und offene Frau, die zum Schreiben immer noch eine Schreibmaschine benutzt. Mit neunzig hat sie ihre dreibändige Biografie veröffentlicht. Sie ist so klug, so heiter auch. Sie geht zu Jugendlichen und sagt: „Na? So einen Menschen wie mich, so alt, den habt ihr wohl noch nicht getroffen.“
Mut macht das. Nicht nur für das Schreiben, auch zum Leben. Wenn nichts mehr geht, wenn ich gedanklich und körperlich gerade blockiert bin. Wenn ich glaube, das Leben ginge an mir vorbei und nur die anderen wären glücklich. Wenn ich mich selbst nicht mag, weil ich so denke und fühle. Manchmal bin ich unverhofft glücklich, manchmal verschwinden mir sämtliche Gewissheiten.
Mir ist schlecht. Ich habe Angst vor einem neuen Migräneanfall. Dieser Schmerz reduziert alle anderen Schmerzen in meinem Körper. Ich fühle mich wie eine Ameise, die um ihr Überleben kämpft. Die nur ein Ziel hat. Der Schmerz soll verschwinden, ich will wieder ein Mensch sein.
In diesen Augenblicken existiert nichts anderes. Keine Kunst, keine Literatur, der eigene Ausdruck ist bedeutungslos, Kreativität unerheblich. Nichts zählt, nur der Schmerz, der den ganzen Körper in Besitz nimmt und bestimmt, was von mir übrigbleibt. Und nach dem Anfall, nach den Stunden, in denen ich an meinem Menschsein verzweifele, dieses Hochgefühl. Es ist vorbei. Wo sind die Bäume, die ich ausreißen kann? Dieses Glück.
Es wird früher dunkler. Sie haben uns die Stunde zurückgegeben, die sie uns im März genommen haben. Auch Wolken sind am Himmel.
Der Mann ist mit der Praktikantin im Theater. Und wenn sich etwas anspinnt zwischen den beiden? Dann kann ich es nicht ändern. Dann ist er mich los. Aber so sollte ich nicht denken. Will ich ihn loswerden? Ich bin doch froh, dass er da ist. Aber wenn er nun Lust auf Sex mit der jungen Frau bekommt? Dann kann ich es nicht ändern.
Mir könnte auch ein Mann über den Weg laufen. Auf der Straße. In der U-Bahn. Im Park. Könnte mich ansprechen, mich zu einem Kaffee einladen, sich für mich interessieren. Könnte. Ich sehe allerdings bei meinen Single-Freundinnen, wie das nicht passiert. Da läuft keiner. Kein Mann kommt und will ein Date. Früher war das anders. Als wir jung waren. Jung und knackig. Da hätten wir jede Woche einen anderen haben können. Jetzt interessiert sich vielleicht alle zehn Jahre mal einer für uns. Vielleicht auch nur alle zwanzig Jahre.
Ich muss mich selbst lieben. Während ich dies denke, stemme ich die Füße in den Boden und hebe den Po, das Gewicht liegt auf den Schultern. Bauch und Po einziehen. Ein Bein ausstrecken, den Fuß Richtung Bauch gerichtet. Wenn ich diese Übung mache, sind die Schmerzen auszuhalten.
Ich muss mich selbst lieben. Vielleicht würde mir das leichter fallen, wenn ich keine Schmerzen hätte. Tränen laufen mir aus den Augenwinkeln, sie nehmen einen anderen Weg als sonst. Kein Wunder in dieser Position.
Was faselst du da? Natürlich musst du dich selbst lieben. Tu doch nicht so, als wäre das eine neue Erkenntnis. Man kann keinen anderen Menschen lieben, wenn man sich selber nicht liebt.
Die Tränen laufen weiter. Klugscheißerin. Das hast du irgendwo gelesen. Gehört. Aber du weißt es nicht. Du glaubst es nur. Ich dagegen weiß, dass ich mich lieben muss.
Pfff. Deswegen hast du wohl auch immer so verzweifelt nach einem Mann gesucht. Ich lasse den Po auf den Boden sinken. Halt die Klappe. Zumindest ist der Tränenfluss gestoppt.
Diese nervende innere Stimme, die mal nach meiner Mutter, mal nach einer großen Schwester klingt, die ich nicht habe, nach all den Schlaumeiern, die ich in meinem Leben getroffen habe – sie schafft es immer, mich aufzuregen. Warum glaube ich, dass ich mich selbst lieben muss?
Weil ich leide, wenn ich von einem Mann verlassen werde. Weil es mir nicht gut geht, selbst wenn ich diejenige war, die sich getrennt hat. Weil ich mich nach ein paar Monaten, einem Jahr – manchmal hat es auch zwei Jahre gedauert – nach einem neuen Mann sehne und weil ich dann auch meist einen gefunden habe.
Vielleicht war das der falsche Weg. Vielleicht hätte ich stattdessen anfangen sollen, mich selbst zu lieben. Mit meinen Schmerzen. Ich muss mich schließlich so akzeptieren, wie ich bin. Und ich will, dass mir das ein Mann abnimmt. Liebe mich und alles wird gut.
Wenn der Mann also nicht erkennen kann, wie klug und liebenswert ich bin, wenn er sich eine andere sucht, ist er selber schuld. Ich bin ich. So wie ich bin. Wir haben keinen Sex. Oder nur selten, das zählt nicht. Wann war eigentlich das letzte Mal? Ich kann mich nicht erinnern. Das wäre also ein Grund. Er könnte zu mir sagen: „Hör mal, so gefällt mir das nicht länger. Ich brauche mehr, als ich hier von dir bekomme.“
Ich könnte auch etwas sagen. „Hör mal, ich möchte es mal wieder lange und heftig, und bitte verzichten wir auf Blümchen.“ Möchte ich?
Es geht nicht um den Sex an sich, obwohl ich mir da einiges vorstellen kann. Aber es würde mir genügen, wenn er mich ab und zu als Frau wahrnähme. Wenn er sagen würde: „Mein Gott, du bist schön.“ Das hat er noch nie gesagt. Vielleicht, weil er mich noch nie schön fand. Ein nicht ganz unattraktives rothaariges Hippiemädchen hat er in mir gesehen, als wir uns kennenlernten. Und jetzt ist aus diesem rothaarigen Mädchen eine dicke graue Maus geworden. Soll er etwa lügen und diese Graumaus trotzdem schön finden?
Sex ist nicht das Wichtigste in einer Beziehung. Menschen ohne Partner stellen sich das vielleicht anders vor, als es ist. Romantischer. So, wie es uns Filme und Bücher suggerieren. Woher haben wir denn unsere Vorstellungen darüber, wie viel Sex der Mensch haben sollte und wie der Sex auszusehen hat?
Eine Freundin hat mich einmal im Ernst gefragt, ob wir immer noch übereinander herfallen. Ich hätte sagen sollen: „Ja, im Dunkeln stolpern wir gelegentlich über den anderen, wenn wir unsere Brillen nicht auf der Nase haben.“ Stattdessen habe ich mal wieder gelogen und gesagt: „Ja, ab und zu passiert das.“
Warum kann ich, die doch sonst über alles reden kann, gerade darüber nicht reden? Was ist verdammt noch mal so schwierig am Thema Sex? Warum schäme ich mich selbst meinen besten Freundinnen gegenüber zuzugeben, dass wir keinen haben? Weil sie uns dann nicht länger für eines dieser guten Paare halten? Warum ist mir das so wichtig? Ich möchte wetten, wir sind nicht das einzige Paar, das so selten Sex hat.
Dafür haben wir dieselben Interessen. Unsere Gespräche sind nie langweilig. Wir gehen liebevoll miteinander um. Sind zärtlich zum anderen. Berühren uns, streicheln uns, streichen uns über den Kopf, drücken uns, kuscheln uns aneinander.
Aber das führt nicht zu sexuellen Aktivitäten. Und wenn ich es mir genau überlege, war das nur in den ersten Monaten anders. Nicht viel anders allerdings. Wir hatten uns in unsere Worte verliebt. Oder in unsere Seelen.
Hatten wochenlang Mails geschrieben, jeden Abend, jede Nacht drei Stunden miteinander telefoniert. Als wir uns das erste Mal sahen, war da nicht die gierige Leidenschaft, vor allem war es die Freude, uns endlich festhalten zu können. Zwei Menschen, die davon überzeugt waren, im falschen Leben zu stecken. Die zwar die Künstlerseele in sich spürten, in der Welt als Künstler jedoch nicht in Erscheinung traten. Die sich als Schreibende zueinander hingezogen fühlen.
Was spielt es da für eine Rolle, wenn der Sex nicht so spannend ist? Hatte ich nicht genug Sex gehabt? Kann man damit nicht irgendwann einfach einmal aufhören?
Klar kann man irgendwann mit dem Sex aufhören (spreche aus Erfahrung), aber wie schon eine uralte Tradition der Oinkmenbanen auf den Weißen Sumatrifen vorschreibt, sollte der letzte Sex auf einer Rangfolge von eins bis zehn mindestens ein achter gewesen sein. Keinesfalls darf man mit einem einser aufhören. Sonst muss man ein Körperteil des Teufels berühren.
Von dieser Tradition habe ich gehört. Wenn man nur vorher wüsste, wann aufgehört wird. Knifflige Angelegenheit.