Einfach leben (31) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008 – 2012

Du bist zwar lustig und machst Scherze, aber deine Augen sind traurig. Du bist jar nich so cool.

Ach Kurt. Mit dieser Beobachtung hattest du wohl recht. Du hast überhaupt eine Menge von meinem Wesen verstanden. Vielleicht habe ich mich deswegen damals auf dein Werben eingelassen. Nachdem wir zehn Jahre als Kollegen herumgefrotzelt und uns übereinander lustig gemacht hatten.

Du warst schon eine Weile ohne Freundin und wusstest, dass ich ebenfalls keinen Partner hatte. Du hattest es schon zwei Jahre lang erfolglos bei mir versucht, hast dich von meinen ewigen Absagen nicht abschrecken lassen. Irgendwann hat es mir gereicht.

„Nenn mir einen Grund, warum ich mich auf dich einlassen sollte.“

Du tänzeltest von einem Bein auf das andere, auch das kannte ich von dir. Dann wedeltest du mit dem rechten Arm durch das Büro. „Weil ich eine Frau glücklich machen kann.“

Ich hatte gelacht. „Na und? Das können alle Männer.“

Aufgeregtes Wedeln mit dem anderen Arm. „Ja. Aber ick kann det janz besonders jut.“

Vielleicht war es reine Neugier, die mich dann dazu brachte, mit dir spazieren, tanzen, nach einer Weile sogar ins Bett zu gehen. Ein Mann, dem meine traurigen Augen auffallen, der nicht nur eine große Klappe hat und als erstes in die Suppe haut, um zu sehen, wie weit sie spritzt, sondern der sich von dem, was in der Natur passiert, berühren lässt, von Worten, Gedanken – so einer ist es durchaus wert, dass ich mich ihm zuwende.

Ich war sein Sechser im Lotto. Als er mich das erste Mal in Unterwäsche sah, ist er fast auf die Knie gefallen. „Mein Gott, bist du schön.“

Hatte das jemals zuvor ein Mann mit dieser Begeisterung in der Stimme zu mir gesagt? Ich kann mich nicht erinnern. Ich kann mich nicht einmal erinnern, dass meine Schönheit überhaupt schon einmal jemandem in dieser besonderen Form aufgefallen wäre.

Attraktiv. Das gab es natürlich. Oder wie mein bester Freund es vor fünfunddreißig Jahren formuliert hatte: „Jette, du bist nicht schön, du bist interessant.“

Danke. Das ist genau das, was eine Frau hören möchte.

Leider waren meine Gefühle für Kurt nicht so stark wie seine. Deswegen hat es mit uns beiden doch nicht geklappt. Ich wurde eine von denen, die dazu beigetragen haben, dass ihm am Ende das Herz gebrochen ist. Auch wenn Nicht-Esoteriker keinen Zusammenhang zwischen mehreren Herzinfarkten, seinem Tod und unglücklichen Liebesgeschichten sehen würden. Ich sehe ihn. Und diese Einsicht ist heute noch genauso unangenehm, wie sie damals war.

Habe ich nach dieser Zeit noch einmal einen Mann auf gleiche Weise begeistert? Ich kann mich nicht erinnern. Wenn ich mir anschaue, welch geringes Interesse mir der Mann an meiner Seite entgegenbringt, dann könnte ich eigentlich auch auswandern.

Nie sagt er, dass er mich schön findet, dass ich ihm gefalle. Meinen Geist, den mag er, das ist schon klar, aber als Frau nimmt mich dieser Kerl schon lange nicht mehr wahr, falls das nicht von Anfang an schon so war.

Ach, ich sollte in diese Richtung gar nicht weiter graben. Womöglich bekomme ich sonst schlechte Laune.

Mein Entschluss steht fest: Ich werde die Tabletten, die mir der empathische Neurologe verschrieben hat, nicht nehmen. Obwohl ich Schmerzen habe. In den Füßen, den Knien. Im unteren Rücken. Beim Sitzen und Liegen.

Der Beipackzettel hat es in sich. Natürlich habe ich ihn gelesen. Und ich kenne mich. Ich bin durchaus in der Lage, mir die beschriebenen Nebenwirkungen zuzulegen. Einfach so. Mir ist auch ohne diese Medikamente übel. Vielleicht eine Art Reizmagen. Reizdarm. Ich bin gereizt.

Wenn ich in einer solchen Stimmung bin und einen Blick auf mein Leben werfe, möchte ich mich am liebsten verabschieden. Steht nicht an meinem Grab und weint, ich bin hier nicht. Seit ich diese Zeilen in dem berührenden Buch „Mut und Gnade“ von Ken Wilber gelesen habe, begleiten sie mich.

Ich könnte sie umschreiben. Schaut nicht auf diesen Körper, ich bin hier nicht. Ich weiß nicht, wo ich bin.

Obwohl ich mein Leben gelegentlich für sinnlos halte, mache ich weiter. Weil es auch die anderen Momente gibt. Die, in denen ich unverhofft froh bin. Manchmal glücklich sogar. In denen mich etwas packt, schüttelt, und dann möchte ich fremde Menschen umarmen, möchte Luftsprünge machen oder wenigstens vom Rad hüpfen.

Kurze Momente, in denen ich nicht weiß, wie mir, nur dass mir etwas geschieht. Etwas Besonderes, Seltenes, Kostbares. Ich habe keinen Namen für diese über mich kommenden Gefühle, und ich kann sie auch nicht mit Absicht herbeirufen. Meist verschwinden sie genauso schnell, wie sie gekommen sind.

Seit ich offiziell Urlaub habe, geht es mir besser. Es haben sich fast acht Wochen angesammelt, ich kann mein Glück kaum fassen, und danach tritt die Kündigung in Kraft.

Ich treffe Freunde, ich turne und absolviere meine Übungen. Nicht mit allzu großem Elan. Aber ich mache es, weil ich mir einrede, dass es mir gut tut. Ich habe mir selber den Auftrag gegeben.

Zu Frau Luzie dagegen gehe ich, weil ich mich auf unsere Begegnungen freue. Immer ist da ein wenig Hoffnung. Vielleicht finden wir etwas über mich heraus, das ich noch nicht weiß. Selbst wenn das nicht der Fall ist, unsere Gespräche bedeuten mir viel.

Immer wieder erzählt sie mir von den Künstlern, die zu ihr kommen. Die meisten leben von Hartz IV, aber das nehmen sie in Kauf, weil sie so wenigstens das machen können, wozu sie sich berufen fühlen.

„Und Sie müssen schreiben. Das ist Ihnen doch wohl klar, oder?“

Wenn ich nach einer solchen Stunde nach Hause gehe, bin ich glücklich. Dann glaube ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin und dass sich alles finden wird. Weil ich meinen Weg finden werde.

Einmal in der Woche treffe ich mich inzwischen auch mit anderen Menschen, die eine Reha hinter sich haben. Das Programm nennt sich IRENA (Intensivierte Reha-Nachsorge). Es soll uns helfen, unseren Gesundheitszustand und die Reha-Ergebnisse zu festigen.

Für mehr als die Hälfte der Frauen – im Moment sind nur Frauen in der Gruppe – hat sich allerdings nach der Reha nichts geändert. Sie können ein wenig besser über ihre Befindlichkeiten reden als früher, aber sie fühlen sich nicht besser. Sie sind immer noch krank.

Vor ein paar Monaten wäre ich über einen Platz in diesem Programm noch froh gewesen, jetzt empfinde ich die Gruppentreffen eher als lästigen Termin. Das auch noch. Wir sitzen und reden über unsere Leiden. Über die Depressionen, den Burnout, die Essstörungen oder Schmerzen.

Was mich bei einigen ärgert, ist diese Opfermentalität. Sie sind nicht nur die Opfer ihrer Krankheit, das allein wäre ja unangenehm genug, nein, sie sind noch dazu Opfer der Bürokratie, der Kollegen, der Nachbarn und Partner. Es gibt nichts, das sie tun können. Sie können nur leiden.

Dabei hat doch jeder von uns Begabungen, Qualitäten, jeder hat etwas, das er trotz Krankheit noch geben kann. Vielleicht nicht gerade, wenn man eine Chemotherapie macht oder ans Bett gefesselt ist, aber das ist bei keinem von uns der Fall, und deswegen denke ich, da würde doch irgendetwas gehen. Nicht nur irgendetwas, sondern etwas, das einem selbst Spaß macht, das man als sinnvoll empfindet.

Für eine Nachbarin kochen. Einer alleinstehenden Mutter helfen. Jemandem einen Strauß wilder Blumen pflücken. Einen Brief schreiben. Kleine Gesten. Kleine Schritte.

Vielleicht hat diese Dokumentation etwas in mir ausgelöst. Es ging um eine Frau, die in der Ukraine Aidsopfer betreut. Um diesen Menschen helfen zu können, organisiert sie Gelder in Deutschland. Die Regierung dort verharmlost das Thema, dabei ist jeder Dritte von dieser Krankheit betroffen. Darunter viele Kinder, die nicht mehr in die Schule gehen, die in Kinderheimen leben und um die sich niemand kümmert.

Der Bericht hat mir fast das Herz zerrissen. Dort die Kinder, das Elend, und hier wir, satt, im Warmen sitzend, und trotzdem jammern wir, jammere ich. Nicht in der Öffentlichkeit, nicht laut, das wäre mir peinlich, aber still für mich.

Natürlich kann ich die Welt nicht retten. Aber anderen Menschen zur Seite stehen, das könnte ich durchaus. Auch wenn ich krank bin.

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