Ich habe mir angewöhnt, um sechs Uhr das Bett zu verlassen. Geschlafen wird, wenn ich ohne Licht nicht mehr lesen kann – meist gegen zehn. Gleich nach dem Aufstehen öffne ich die Haustür und die Tür zum Wintergarten, damit die kühle Luft etwas Frische ins Haus bringt.
In der Küche liegt auf dem Boden kreisförmig ein rotes Band ausgebreitet. Dieser Bereich darf nicht betreten werden. Dort hat der Freund gestern nach der japanischen Kintsugi-Methode gearbeitet. Feine Sprünge in den Fliesen oder fehlender Fugenmörtel werden dabei mit farbigem Epoxidharz repariert. Beschädigungen werden nicht verdeckt, sondern sichtbar gemacht. Sie gehören zur Geschichte des Objekts.
In Japan werden auf diese Weise zerbrochene Vasen oder Tassen repariert, meist mit Gold oder Silber. Der Freund hatte zunächst ein helles Blau benutzt, es später jedoch mit Weinrot überdeckt, was meiner Meinung nach besser zu den beige-braunen Fliesen passt.
Der Freund begeistert sich fürs Reparieren – mal dieses, mal jenes, mal so, mal so –, während ich immer noch oder schon wieder in den Büchern von Uwe Timm verschwinde.
Angefangen hat es vor zwei Wochen mit dem Roman Vogelweide. Ich schrieb an dieser Stelle schon darüber. Dann entdeckte ich beim Freund den schmalen Band Vogel, friss die Feige nicht. Darin erzählt Uwe Timm von den zwei Jahren, die er in den Achtzigern mit seiner Familie in Rom lebte.
Das interessiert mich auch deshalb, weil es ein sehr persönliches Buch ist. Ich erfahre darin etwas über den jungen, politisch aktiven Studenten und späteren Doktoranden, der sich für eine bessere Gesellschaft einsetzt. Ganz nebenbei animiert mich die Lektüre dazu, nach Caravaggio, Keats, Gramsci zu recherchieren. Bei letzterem bin ich bis heute geblieben.
Je mehr ich über Antonio Gramsci lese, desto tragischer erscheint mir sein Leben. Zehn Jahre Gefängnis, Krankheit, die Trennung von seiner Familie, politische Isolation. Seine Freiheit gewann er erst wenige Tage vor seinem Tod zurück.
Doch es sind nicht die Jahre im Gefängnis und die Tragik seines Lebens, die mich festhalten. Es sind seine Gedanken. Seine Frage, warum Menschen bestehende Verhältnisse oft selbst stabilisieren, obwohl sie unter ihnen leiden. Beim Lesen habe ich immer wieder das Gefühl, dass er nicht über das Italien der 1920er Jahre schreibt, sondern über unsere Gegenwart.
Danke an Uwe Timm. Wie gern würde ich jetzt noch einmal seine beiden Romane Rot und Halbschatten lesen. Wären die nicht aus der Bibliothek des Freundes verschwunden. Alle beide. Mäuse???