dann verschalten sich im Gehirn ein paar Synapsen neu. Neue Verbindungen zwischen Nervenzellen entstehen – Thema Neuroplastizität – auch im Alter. Vielleicht dauert das Lernen ein wenig länger, aber gelernt wird. Das ist mir u. a. aus der Ausbildung, die keine war (Gerald Hüther), in Erinnerung geblieben.
Wenn wir trotz vorheriger Befürchtungen oder gar echten Ängsten etwas trotzdem tun – vielleicht zum ersten Mal – scheint dies zudem einen positiven Einfluss auf die allgemeine Gestimmtheit zu haben. So beobachte ich das jedenfalls bei mir.
Nicht immer müssen es größere Dinge sein, die ich neu lerne oder zum ersten Mal mache, wie etwa der Umgang mit einer Transkriptionssoftware, das Erstellen einer Webseite oder das Erschaffen einer Skulptur aus Metall, Beton oder Holz. Oft sind es Kleinigkeiten, die mich vorher ängstigen, die mich aber in Hochstimmung versetzen, wenn ich es wage. Z. B. auf dem Spielplatz die Seilbahn zu benutzen. Das mag für viele Menschen banal sein, ich habe es vor zwei Jahren das erste Mal gemacht. Welch ein Vergnügen. Das hätte ich doch schon viel früher haben können. Hätte hätte. Hinterher war ich ganz schön aufgekratzt.
Heute bin ich zwei Orte weiter zum Blutabnehmen gefahren und habe das erste Mal das Rad mit in die Bahn genommen. Für die meisten Menschen ist das vermutlich nichts Besonderes. Mich hatte der Höhenunterschied zwischen Bahn und Bahnsteig beunruhigt. So sehr, dass ich schlecht geschlafen habe. Schaffe ich das allein? Oder werde ich das Rad beim Aussteigen vor Verzweiflung einfach hinauswerfen müssen? Vielleicht lasse ich es lieber zu Hause? Ist doch nicht schlimm, zweimal die fünfzehn, die fünfundzwanzig Minuten zu laufen. Was mir meine ängstliche Stimme bevorzugt nachts so einflüstert.
Gut, dass ich nicht auf sie gehört habe. Denn ich habe es geschafft. Allein. Und war ein bisschen stolz auf mich hinterher. Jetzt kann ich meinen Radius noch ein wenig erweitern. Kann Reichenhall, Berchtesgaden mit dem Rad erkunden. Was ich alles könnte…