Annas Angst – Sonntag (6)

Simon hat sich etwas erholt. Er wirkt ein wenig gelöster als noch vor einer halben Stunde. „Stell dir das vor. Ein jüdischer Arzt, der arischen Frauen die Kinder wegmacht. Und das in einer Zeit, als ein reicher Kindersegen als wünschenswert galt. Mit so einem hätte man sich nicht lange aufgehalten. Den hätte man an Ort und Stelle umgebracht.

Dabei war mein Vater nur ein fortschrittlicher und moderner Mann. Er fand, dass jede Frau selbst darüber entscheiden sollte, ob sie ein Kind haben wollte oder nicht. Und deswegen half er, bevor verzweifelte Frauen mit Stricknadeln selbst in sich herumstocherten.“

Ich bin verwirrt. Es sage niemand, er würde einen anderen Menschen kennen. Meine Großmutter hatte nicht nur mehrere Abtreibungen, sie half auch anderen Frauen durch ihre Kontakte. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich all die vielen Informationen verarbeitet habe. Jetzt bleibt eigentlich nur noch eins. Obwohl ich müde bin, und auch Simon aussieht, als könnte er sein Bett vertragen, muss ich die Frage noch stellen. „Und wie war das mit meiner Mutter? Wie ist das passiert?“

Bei dem Gedanken an meine Mutter muss Simon lächeln. „Ich war insgesamt zwei Wochen in Berlin damals. Und ich bin natürlich noch ein weiteres Mal zu deinen Großeltern gegangen, und das nicht nur, weil ich hoffte, noch ein paar Details über meine Eltern zu erfahren. Ich hatte mich in Margot, in deine Mutter, verliebt. Gleich am ersten Tag.“

Jetzt liegt ein wehmütiger Zug um seinen Mund.

“Deine Mutter war eine schöne Frau. Das waren andere Frauen auch, aber bei ihr war alles leicht. Sie schien durch das Leben zu schweben. Dabei war sie unkompliziert und heiter. Für jemanden wie mich, der so viel Schweres mit sich herumschleppte, war das faszinierend. Ich weiß nicht, ob du deine Mutter so kennst.“

In seinen letzten Worten hatte eine Frage geklungen, und ich schüttle den Kopf. „Unkompliziert und heiter kann ich mir meine Mutter nur schlecht vorstellen. Sie war immer unauffällig. Still. In sich gekehrt.“

Simon schnippst sein Feuerzeug über den Tisch, ich fange es, und schiebe es ihm wieder zurück. „Dann muss sie sich sehr verändert haben. Sie hat das Leben geliebt. Geradezu hungrig war sie danach. Sie wollte tanzen, sie wollte lachen, und sie mochte es gar nicht, wenn man sich Sorgen machte oder endlos über die Vergangenheit redete. Die war vorbei. In die Zukunft müsse man schauen. Deine Mutter träumte davon, Sprachen zu lernen und in die Welt zu reisen. Es gab Augenblicke, in denen hielt ich sie für oberflächlich. Wenn ich jedoch in ihre großen blauen Augen blickte, schämte ich mich dafür. Weil ich die Fragen, die darin standen, nicht beantworten konnte. Das merkwürdigste war wohl, dass sie die Fragen selbst noch nicht kannte.”

„Wie habt ihr es überhaupt geschafft, euch näher zu kommen? Waren denn meine Großeltern nicht immer dabei?“ Jetzt grinst Simon. „Du glaubst wohl, die Menschen früher kannten keine Tricks und wussten sich nicht zu helfen? Ich habe deiner Mutter auch gefallen. Trotz Walter. Sie hat mich mit zum Tanzen genommen, später ist sie mit mir in ein winziges möbliertes Zimmer gegangen, das Walter bei einer alten schwerhörigen Dame gemietet hatte und von dem sie den Schlüssel hatte.“

Er macht eine kurze Pause, als würde er über etwas nachdenken. “Das blonde deutsche Mädel und der heimatlose Jude.” Seine Stimme klingt, als würde er sich noch immer darüber wundern.

„Ich habe von Anfang an gewusst, dass deine Mutter Walter heiraten wollte. Über den Hochzeitstermin hatten die beiden schon gesprochen. Trotzdem habe ich später, als wir uns etwas besser kennengelernt hatten, natürlich gehofft, sie würde es sich vielleicht anders überlegen. Aber deine Mutter brauchte Sicherheit. Nicht eine ungewisse Zukunft in einem Land, das von Feinden umgeben ist. Und ich, ich konnte nicht in Deutschland bleiben. Weißt du, ich habe deine Mutter sogar verstanden. Walter war auf dem besten Wege, ein erfolgreicher Architekt zu werden. Ehrgeizig genug war er. Ich habe ihn zwar nur dieses eine Mal bei deinen Großeltern gesehen, aber so etwas merkt man ja. Und ich schloss es auch aus dem, was mir deine Mutter erzählte. Ich habe also gar nicht erst lange versucht, sie zu überreden, mit mir zu kommen. Deswegen war es auch keine von diesen Liebesgeschichten, die uns im Kino zu Tränen rühren. Wir taten beide das, was wir für richtig hielten.”

An dieser Stelle macht Simon eine kurze Pause, bevor er weiterspricht. “Ich war natürlich traurig. Richtig liebeskrank sogar. Aber dann hatte ich mit anderen Dingen zu tun. Ich musste mich in meiner neuen Heimat zurechtfinden. Das war anfangs auch nicht einfach.”

Mir fällt auf, dass nur noch wenige Gäste im Restaurant sind.

“Bestimmt ist es schon halb eins. Ich habe dich viel zu lange wachgehalten. Wie kommst du denn jetzt nach Hause?”

Simon blickt ein wenig erstaunt auf seine Uhr. Schüttelt den Kopf.

“Darüber mach dir mal keine Sorgen, ich nehme mir ein Taxi, ich wohne oben in der Nähe vom Krankenhaus. Aber wieso weißt du ohne Uhr wie spät es ist? Es ist fünf Minuten nach halb eins. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.”

Simon verspricht, mich am nächsten Tag anzurufen. Ich soll seine Familie kennen lernen. Unser Abschied ist der von guten Bekannten.

 

Als ich im Bett liege, denke ich über einen Satz von Simon nach. Darüber, dass meine Mutter die Fragen nicht kannte, die in ihren Augen standen. Und wenn es nun die gleichen Fragen waren, die ich mir stelle? Was kann man tun, um ein wenig Glück und einen Platz im Leben zu finden? Hatte sie dieses Leben, von dem sie als junges Mädchen geträumt hatte, dann auch tatsächlich gelebt?

Soweit ich weiß, hatte sie keine Sprachen gelernt. Sie ist nach Italien an den Gardasee gefahren. Nach Mallorca. Aber eigentlich habe ich nie mit ihr über diese Dinge gesprochen. Stillschweigend bin ich davon ausgegangen, dass es sich bei ihren Wünschen um solche Dinge wie ein Haus und materiellen Wohlstand handelt. Da habe ich mich wohl geirrt. Mit diesen Gedanken im Kopf schlafe ich ein.

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