Einfach leben (3)

Seitdem ich abends unter Aufsicht eine Tablette nehme, geht es mir ein wenig besser. Vor allem schlafe ich wieder. Einige Male war ich sogar schon grundlos glücklich – ein Zustand, den ich sonst manchmal beim Schreiben erfahre. Gleich tauchte die Angst auf, mein Wesen könnte sich verändern. Wenn man mir nun mit dieser Tablette einen Teil von mir nimmt? Meine Kreativität zum Beispiel? Vielleicht kann ich nur schreiben, wenn ich Depressionen habe.

Wen interessiert deine Kreativität? Bisher offenbar niemand.
Ach, halt die Klappe.

Psyche und Soma. Wenn ich mir einen inneren Konflikt geschaffen habe, in dem ich Anteile von mir nicht sehen kann oder will, wenn es Momente gibt, die mir zuwider sind, die ich aber ertrage, dann habe ich dadurch das Symptom kreiert. So erklärte uns der eitle Oberarzt im kleinen Hörsaal unsere Beschwerden. Vorlesungen zu diesem Thema sind für die Patienten ebenfalls Pflicht.

Am Ende hatte er noch einen Rat für uns: „Gehen Sie in die Buchhandlung und fragen Sie dort nach einem klugen Buch für Ihre Probleme.“

Ein interessanter Hinweis. Sie sind zwar hier in einer der modernsten Kliniken, aber da wir auch nicht alles wissen – oder keine Lust haben, unser Wissen mit Ihnen zu teilen –, kaufen Sie sich doch Bücher und lassen sich von denen erklären, was mit Ihnen los ist und wie Sie sich selbst helfen können.

Meine Bettnachbarin ist aufgewacht und reibt sich erstaunt die Augen. Vielleicht hat das Klappern meiner Tastatur sie geweckt, oder sie reagiert auf die Lichtsignale, die uns die Stadt am Werbebanner vorbei in die dreizehnte Etage sendet. Nachdem sie auf der Toilette war, setzt sie sich mit dem Rücken zu mir aufs Bett und rutscht hin und her. Sie hat keine Lust, weiterzuschlafen, das sehe ich in ihrem sich in der Fensterscheibe spiegelnden Gesicht. Sie langweilt sich. Ihre Mine drückt den Kampf aus, den sie mit sich selbst führt.

Meine Botschaft ist eindeutig: Laptop vor mir, Stöpsel im Ohr – der Mann hat mir einen MP3-Player besorgt, mit Musik und Meeresrauschen – heißt: Ich will meine Ruhe. Dann reagiere ich am Tage nicht, nachts schon gar nicht. Selbst wenn ich etwas hören sollte, stelle ich mich taub. Das ist nicht nett, aber ich betrachte es als einen Akt der Notwehr. Jedes noch so kleine Zeichen von mir würde endloses Geschwätz zur Folge haben. Ich fühle mich nicht gesund genug, so etwas zu ertragen.

Wenn ihr niemand zuhört, redet die Nachbarin mit sich selbst. Sogar im Schlaf macht sie das. „Nich da. Jeh weg. Wat soll denn det? Wie kommste denn da druff. Det will ick nich.“

Eine einfache Frau, die einfache Gespräche mit sich führt. Die an allem etwas zu meckern hat und sogar für das Personal eine Herausforderung darstellt. Eine Nörglerin, wie ich keine zweite kenne, und die leider zu krank ist, um das Bett zu verlassen. Jedenfalls behauptet sie das. Und man glaubt ihr. Vielleicht will man mich prüfen. Wenn ich es noch eine weitere Woche mit ihr aushalte, muss man mir wenigstens geistige Gesundheit bescheinigen. Denn ich bin natürlich keine eingebildete Kranke. Alle anderen vielleicht.

Beim Abendessen saß ich einem Neuzugang gegenüber – ein Mann mittleren Alters –, den ich dummerweise angesprochen hatte. Ich dachte, er würde sich vielleicht freuen, wenn ihm jemand über die ersten Stunden hilft. Allerdings hatte er meine gute Absicht sofort ausgenutzt und mir und den Patienten, die es noch hören konnten, mit aufgebrachter Stimme erzählt, dass er hier falsch sei.

Ich hatte geantwortet, das würden am ersten Tag fast alle denken. Ich habe ihm nicht gesagt, dass ich selbst zu denen gehöre, die an ihrem Hiersein Zweifel haben. Vielleicht werden unsere Gespräche aufgezeichnet, und ehe man sich versieht, sitzt man in der geschlossenen Abteilung. Sein Gesichtsausdruck war grimmig geblieben. Das könnte sein, aber er sei tatsächlich falsch, das würde sich schon noch herausstellen, wenn erst einmal der Professor da gewesen wäre.

Ich verkniff mir das Lachen. Noch einer, der glaubt, er wäre die Ausnahme. Er allein hätte ein ernsthaftes Leiden und sei damit auf der falschen Station gelandet. Der Professor werde das erkennen. Andererseits – woher weiß ich denn, dass wirklich nur meine Psyche für meinen Zustand verantwortlich ist und nicht eine geheimnisvolle Krankheit, die sie bisher nur noch nicht entdeckt haben?

Genau. Woher weißt du das? Vielleicht bist du in einem halben Jahr schon tot.

Na und? Damit kannst du mich nicht schockieren. Dann bin ich eben tot. Dann ist es wenigstens vorbei. Wer zwanzig Jahre lang Panikattacken hatte, wer also zwanzig Jahre lang Todesängste ausgestanden hat (und sich von diesen Ängsten am Ende selbst geheilt hat – und das habe ich, du Dummnuss), den kannst du mit dem Tod nicht erschrecken.

Mein Körper soll verbrannt und die Asche ins Meer gestreut werden. Anschließend gibt es eine kleine Trauerfeier. Ein Sonnenuntergang über dem Meer wäre die ideale Kulisse dafür. Alle wichtigen Menschen aus meinem Leben müssten sich auf meiner Lieblingsinsel Hiddensee treffen. Ich sehe es genau vor mir, wie sie irgendwo zwischen Kloster und Vitte am Strand an langen Holztischen sitzen. Es ist Sommer – im Winter zu sterben lehne ich ab –, alle sind bunt gekleidet, darum wurde in der Einladung ausdrücklich gebeten. Von einem CD-Player kommt die Musik, die ich zu meinen Lebzeiten gern gehört habe. Es wird gelacht, gut gegessen und getrunken, gemeinsam gesungen. Am Schluss spielen sie Easy in der Version von Faith No More. I’m easy like Sunday morning.

Wenn ich nur daran denke, könnte ich schon wieder heulen. Nicht, weil ich tot bin, nein, weil ich das Gegenteil von „easy“ bin. Immer gebe ich mir Mühe. Kämpfe. Trotze. Versuche, meine Anwesenheit auf Erden dadurch zu rechtfertigen, dass ich gut bin. Besser. Ein interessanter Mensch, den andere mögen.

Und dabei mache ich mir Sorgen und lasse mir von den Umständen Angst einjagen. Andererseits haben sich die meisten meiner Ängste im Laufe der Zeit als unbegründet erwiesen. Und das gilt nicht nur für die Panikattacken.

Als Kind fürchtete ich mich davor, im Dunkeln aufs Klo zu gehen, das sich in einem Schuppen außerhalb unserer Laube befand. Ich war überzeugt, dass dort draußen jemand auf der Lauer lag, der mir Böses wollte. Erst wenn ich es mir nicht länger verkneifen konnte, rannte ich die paar Schritte und hielt dabei die Luft an. Sollte ich die Gartentür verriegeln – was ich für völlig überflüssig hielt, da jeder normal große Mensch ganz einfach darüber klettern konnte –, rannte ich ebenfalls.

Auch große Hunde und große Jungs machten mir Angst, weil ich nie wusste, was sie im Schilde führten. Ich wechselte die Straßenseite, wenn ich sie sah. Mädchen waren allerdings nicht weniger gefährlich. In unserer Nachbarkolonie gab es ein Zwillingspaar in meinem Alter, das seine Freude daran hatte, mich zu erschrecken. Wenn diese Biester mich erwischten, auf dem Weg zum Konsum zum Beispiel oder wenn ich Brause und Bier in der kleinen Kneipe holen musste – Kneipe ist natürlich übertrieben, ein winziger Verschlag war das –, dann zogen sie an meinen Zöpfen, kniffen oder zwickten mich. Mein Widerstand war gewaltfrei und daher zwecklos.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von AM RAND EIN ZUHAUSE

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen