Einfach leben – (8)

Ich hatte mich nach einem Menschen gesehnt, dem ich mich zugehörig fühle. In männerlosen Zeiten bin ich heimatlos. Früher habe ich mich deswegen für neurotisch gehalten. Bis ich eines Tages in einem Buch über Beziehungen las, dass Partnerschaft ja auch Zeugenschaft bedeutet. Mein Partner ist der Einzige, der mein Leben bezeugen kann.

Trotzdem verstehen manche Freundinnen nicht, dass ich immer wieder einen Mann suche. Andere Frauen scheinen anders zu funktionieren. Sie preisen die Freundschaft unter Frauen. Die Verbundenheit. Die Nähe. Die Zugehörigkeit. Sie brauchen angeblich nicht mehr. Sie haben sich mit ihrem Single-Dasein abgefunden und die Suche nach einem Mann – falls sie überhaupt jemals einen gesucht haben – aufgegeben. Männer kommen in ihrem Leben bestenfalls als Handwerker oder Masseure vor.

Ich mag Frauen ebenfalls. Mag meine Freundinnen. Ich weiß um ihren Wert, ihre Bedeutung. Sie sind schließlich diejenigen, oft schon seit vielen Jahren, die mit mir gemeinsam auf dem Weg sind. Wir trösten einander, wenn wir Trost brauchen, und wenn wir Anlass zur Freude haben, teilen wir auch diese Gefühle. Nicht zu vergessen die Tatsache, dass sie mich seit Jahren zum Schreiben anspornen.

„Was heißt hier, du bist keine Schriftstellerin, du schreibst doch, also was soll die Frage?“

Ich weiß nicht, was ich ohne sie tun würde. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass ich mich auf eine bestimmte, schwer zu beschreibende Weise vor allem dem jeweiligen Mann in meinem Leben zugehörig fühle. Aber vielleicht bilde ich mir auch das nur ein. Denn jetzt, in diesem Zustand, fühle ich mich niemandem zugehörig. Nicht einmal dem Mann. Als lebte ich in einem Kokon, in dem mich niemand erreicht. Und dafür möchte ich auch noch einen Zeugen?

Dabei könnte man von außen betrachtet meinen Alltag durchaus normal finden. Ich trainiere und pflege meinen Körper. Das ist dringend notwendig, da sich seit ein paar Tagen auch Magen und Darm dafür entschieden haben, nicht mehr ordnungsgemäß zu funktionieren. Nach dem Essen ist mir übel, ich bin verstopft oder habe Durchfall. Immer häufiger tut der Bauch weh.

Trotzdem treffe ich Freunde, albere manchmal sogar mit ihnen herum, gehe ins Kino. Nachts habe ich Alpträume, in denen ich in der Firma jemandem erklären muss, warum ich krank bin und was ich habe. Immer geht es darum, dass ich eigentlich nichts habe, dass ich eine eingebildete Kranke bin.

Am Wochenende mache ich mit dem Mann kleine Ausflüge ins Umland. Obwohl ich diese Stunden liebe und genieße – ich kann gar nicht so viel ausfliegen, wie ich möchte –, bin ich anschließend noch unausgeglichener und unzufriedener. Ich stelle das Leben in der Stadt infrage und will auf dem Land leben. Dann recherchiere ich stundenlang im Netz, besichtige virtuell Wohnungen. Prignitz, Uckermark, Mecklenburger Seenplatte. Entweder sind sie hässlich oder unerschwinglich.

Der Mann verfolgt mein Treiben mit Argwohn und leichtem Ärger. Diese Frau weiß nicht, was sie will. Heute hü, morgen hott. Aber so bin ich. Wenn er in mich hineinsehen könnte, würde er feststellen, dass ich selbst am meisten unter meinen Schwankungen leide. In meiner Brust wohnen zwei Seelen, die ständig miteinander kämpfen. Die eine zieht mich hierhin, die andere in die entgegengesetzte Richtung. Das war schon immer so. Vielleicht ist das eine Krankheit. Vielleicht kann ich gar nichts dafür.

Soll ich zum Beispiel in den Urlaub fahren, will ich nicht weg aus Berlin. Doch kaum bin ich auf der Autobahn, denke ich über das Thema Auswandern nach. Und natürlich will ich nie aus dem Urlaub zurückkommen. Immer überlege ich, welche Möglichkeiten des Geldverdienens ich auf dem Peloponnes, im Casentino, auf Hiddensee oder im Allgäu hätte.

Wenn jemand schlecht über die DDR redet, dann verteidige ich sie, dann bin ich ganz Ossi. Wenn jemand all das Unrecht, das in der DDR geschehen ist, verharmlosen will, dann kehre ich den Wessi heraus. Ich bin auch in dieser Beziehung ein Mischwesen. Wossi. Nicht dies, nicht das.

Meine Krankenkasse kümmert sich nicht um mich, jedenfalls nicht so, wie ich mir das vorstelle. Eine freundliche Frau ruft mich alle vierzehn Tage an. „Ach, es geht Ihnen immer noch nicht besser? Das ist schade, ja wirklich.“

In die Charité darf ich nicht noch einmal, dafür haben sie mir eine sechswöchige Reha in Bad Hersfeld bewilligt. Den Termin behalten sie vorerst für sich. Man wird mich rechtzeitig informieren. Ich habe keine Ahnung, wo Bad Hersfeld liegt, aber das spielt keine Rolle. Ich fahre überallhin. Hauptsache weg aus Berlin. Weg von den Problemen, die ich gerade nicht lösen kann. Weg von der vielen Zeit, die ich plötzlich habe und die ich nicht genießen kann, weil mir die innere Unruhe, mein schlechtes Gewissen und die Schmerzen im Weg sind.

Dabei sollte ich froh sein. Ich wollte doch nicht länger nur von Wochenende zu Wochenende, von Urlaub zu Urlaub leben. Falls man das überhaupt „leben“ nennen kann. Eigentlich ist es eher ein Zeitverbringen. Verbunden mit Warten. Darauf, dass etwas geschieht, das dem monotonen Treiben ein Ende bereitet. Wenigstens einmal wollte ich das Leben einer Schriftstellerin führen und nur meinem eigenen Rhythmus folgen. Nicht täglich um halb sieben aufstehen, damit ich pünktlich viertel nach acht im Büro bin. Wenn ich Lust habe, spontan am Vormittag spazieren gehen, mich ins Café setzen, am Abend zurück an den Schreibtisch.

Das alles kann ich jetzt tun. Könnte ich. Denn natürlich weiß ich, dass für ein Schriftstellerleben Disziplin erforderlich ist – kein Text schreibt sich von allein –, aber ich weiß seit Langem, dass ich über diese Disziplin verfüge. Sonst hätte ich die Bücher, für die sich kein Mensch interessiert, von ein paar Freunden und gelegentlich einer Agentur einmal abgesehen, nicht schreiben können.

Vielleicht solltest du mit dem Schreiben aufhören. Vielleicht liegt dort das Problem. Wozu soll es überhaupt gut sein? Noch dazu diese ollen Kamellen. Familie. Nazizeit. Krieg. Falsche Väter. Du bist nicht gut genug, passt nicht in Verlagsprogramme, verabschiede dich von diesem Wunsch. Vielleicht hast du deswegen eine Depression, weil du nicht loslassen kannst. Denn darum geht es im Leben. Irgendwann, im reiferen Alter, jetzt also, muss man sich von seinen Träumen verabschieden.

Also los. Verabschiede dich.

Ich denke ja nicht daran. Außerdem lässt K. es auch nicht sein. Sie schreibt seit Jahren, obwohl sie keinen Verlag findet.

Aber sie ist außerdem eine erstklassige Übersetzerin. Verdient damit ihre Brötchen. Womit willst du deine verdienen? Was kannst du denn? Nichts Besonderes, wenn ich es richtig sehe. Du schreibst nette Briefe, das schon. Die schüttelst du aus dem Ärmel. Aber das sind eben Briefe.

Genau. Ich schreibe interessante Briefe. Das haben mir schon viele Menschen gesagt. Deswegen denke ich über einen Text in Briefform nach. Ich habe doch schon als Kind meinem Vater lange Briefe geschrieben. Damit hatte ich angefangen, nachdem ich das Buch Daddy Langbein gelesen hatte.

In diesem Buch geht es um ein Mädchen, das viele Jahre in einem Waisenhaus lebt und schließlich von einem unbekannten Mann aufs College geschickt wird. Sie weiß nicht, wer dieser Mann ist, nur dass er lange Beine hat. Deswegen nennt sie ihn Daddy Langbein. Der Mann möchte, dass sie ihm als Dank regelmäßig Briefe schreibt. Das hat mir damals am besten an der ganzen Geschichte gefallen, die ich sonst recht kitschig fand. Plötzlich war die Idee da, ich könnte mich besser verstehen, wenn ich einem anderen Menschen von mir schreibe. Und auch diese andere Person würde mich auf diesem Weg besser kennenlernen.

Da haben wir es wieder. Ersetze „kennen“ mit „lieben“, und jeder weiß, warum du schreibst. Weil du gesehen und geliebt werden willst.

Na und? Will das nicht jeder? Was meckerst du eigentlich ständig an mir herum? Außerdem habe ich noch einmal nachgedacht. Es stimmt gar nicht, dass ich nichts kann. Ich kann sogar eine Menge. Ich kann gut organisieren, mich selbst und andere. Ich kann andere begeistern, wenn ich selbst von etwas begeistert bin. Und missmutige, cholerische Verkaufsleiter werden lammfromm, wenn sie es mit mir zu tun bekommen. Ist das nichts? Oder kann das jeder?

Außerdem hat der Mann endlich Arbeit, eine gute noch dazu. Eine, von der er vor einem Jahr noch nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Auch wenn die Stelle vorerst auf ein Jahr befristet ist – wer weiß, vielleicht gibt es eine Verlängerung. Dann könnte ich es mir leisten, einen Job zu machen, in dem ich weniger Geld als heute verdiene. Dann könnte der Mann größere Ausgaben übernehmen. So haben wir uns das doch damals, als wir uns kennenlernten, vorgestellt. Eines Tages, wenn er endlich einen Job haben würde – oder Erfolg mit seinen Büchern –, werde ich diejenige sein, die sich eine Auszeit nehmen kann.

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