Als ich das Gartentor aufschließe, sehe ich den Amselmann.

Er sitzt auf dem Zaun und stimmt eine Strophe an. Über ihm im Baum Frau Amsel. Aha. Ein Lied für die Angebetete. Herr Amsel würde ihr gern näherkommen, allerdings gelingt es ihm trotz mehrerer Versuche nicht, auf einer der Efeuranken zu landen, die den Baum umhüllen. Frau Amsel fliegt in den Garten auf der anderen Straßenseite. Herr Amsel folgt.

Hallo? Ich bin wieder da! Das Fräulein hebt gerade mal den Kopf. Da habe ich schon andere Begrüßungen erlebt. Schon an das Personal gewöhnt, ja? Sie ist ein ungewöhnliches Fräulein. Lässt vom Futter etwas übrig. Ist nicht aufdringlich. Bewahrt auch in schwierigen Situationen – sie ankläffende, an ihr hochspringende kleine Hunde – die Contenance. Aber sie bräuchte eine Freundin, einen Freund. Am besten ein Rudel. Sollte ich doch eines Tages Lotto spielen und einen großen Gewinn machen, würde ich mir eins zulegen. Vier Hunde. Und das passende Haus dazu natürlich.

Vorgestern bin ich Gott sei Dank mit nur einem nicht angeleinten Hund einem Herrn in hübscher blauer Ordnungsamt-Uniform in die Arme gelaufen, der zusammen mit einem Forstarbeiter auf dem Waldweg aus einem Auto gestiegen war. Da wäre jetzt eine Anzeige fällig.

Ja, ich habe gesehen, dass Ihr Hund dicht neben Ihnen läuft. Nein. Sie habe ich hier noch nie ermahnen müssen, aber ich erinnere mich nicht an alle Menschen. Auch wenn Sie kein entsprechendes Schild gesehen haben wollen, müssen Sie den Hund an die Leine nehmen. Das ist ein Park, ja, auch in einem leeren Park muss der Hund an die Leine. Erst vor Kurzem wurde jemand gebissen, die Hundehalterin ist weggelaufen. Ich glaube Ihnen, dass Ihr Hund nicht beißt. Aber die Regeln gelten für alle. Sie haben keinen Ausweis dabei? Dann Name und Adresse. Geburtsdatum?  

Das Fräulein hatte es sich zwischen dem Mann in Blau und mir bequem gemacht. Interessiert blickte sie zwischen uns hin und her. Ab und zu streichelte der Forstarbeiter sie. Ich glaube, der hätte uns gehen lassen. Meine Laune unterirdisch. Aber ich bin friedlich geblieben. Ob das so bleibt, wenn ich tatsächlich 120 Euro bezahlen muss, weiß ich allerdings nicht.

2 Gedanken zu „Als ich das Gartentor aufschließe, sehe ich den Amselmann.“

  1. Und natürlich gefällt es mir nicht, wenn du 120 Euro Strafe zahlen musst. Obwohl mich Hunde immer ein bisschen nervös machen und ich es hasste, mit dem Hund einer Bekannten Gassi zu gehen, weil uns unfehlbar nicht angeleinte Hunde begegneten. Die Begebenheit ist aber sehr nett erzählt.

    1. Wahrscheinlich gibt es etliche Menschen, die Hunde nervös machen. Erst recht, wenn sie angerannt kommen. Wenn ich dann „der will nur spielen“ höre, finde ich das auch ärgerlich. Schade, dass dir das Gassi gehen keinen Spaß gemacht hat. Ich wollte immer einen eigenen Hund, habe mich aber aus verschiedenen Gründen dagegen entschieden.

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