Auch in meinem Zimmer riecht es nach Holunder.

Ich habe ein paar Blüten vom Strauch geschnitten und in eine kleine Vase gestellt. Alles wächst, gedeiht. Die Kugeldistel ist so in die Höhe geschossen – auch in die Breite –, dass ich die Vogeltränke dahinter nicht mehr sehen kann, wenn ich im Wintergarten sitze. Auch die Sonnenblumen wachsen sichtbar. Die zarten Stängel mit grünen Blättchen haben die Bohnenkerne hervorgebracht, die ich vor ein paar Tagen gesetzt habe. Schön, dass ihr schon da seid!

Gestern ging es mir gar nicht gut. Schwindel und Übelkeit haben dafür gesorgt, dass ich bis mittags im Bette blieb. Später bin ich in die Hollywoodschaukel gewechselt. Dort war es schattig und angenehm kühl. Lesen konnte ich, und so habe ich das Buch vom Trödel ausgelesen. Uwe Timm. Vogelweide.

Ein mittelalter Mann, der seit einer Weile auf einer Insel in der Nordsee als Vogelwart arbeitet, erwartet den Besuch von einer vergangenen Liebe. Während wir mit ihm warten, erinnert er sich an Menschen und Geschichten. Vor allem an die eine Geschichte von den zwei Paaren – er ist Teil des einen –, die eigentlich sehr glücklich miteinander sind. Sie lernen sich kennen, und dann bringt ein großes Begehren das ganze Gefüge durcheinander.

Manche Lektüre versetzt mich in eine eigenartige Stimmung. Gerade dann, wenn sie mit Naturschilderungen einhergeht. Ein einfaches Leben in einer Hütte – ein diesem Fall einem Container – auf einer Insel. Vögel beobachten, zählen. Strandgut sammeln und in ein Verzeichnis eintragen. Nur ab und zu auf andere Menschen treffen, die mit einem Pferdefuhrwerk gebracht werden. Könnte ich mir auch für eine Weile vorstellen.

Nach der letzten Seite fühlte ich mich nicht nur körperlich besser, ich war von einer angenehmen Sanftheit durchdrungen. Irgendwie weicher, offener als sonst. In diesem Zustand sah ich den Freund in seiner Holzwerkstatt. Die Abendsonne hatte das Innere der kleinen Hütte in goldenes Licht getaucht. Aus dem Lautsprecher das Saxophon von Double, Captain of Her Heart

Das sind so Momente.

2 Gedanken zu „Auch in meinem Zimmer riecht es nach Holunder.“

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