Einfach leben – (20)

Immer wieder muss ich weinen. Wenn ich die Fotos betrachte zum Beispiel, die jetzt an meiner Wand hängen, so wie sie früher in Vaters Zimmer hingen. Manchmal muss ich auch nur seinen Duft atmen, schon geht es los. Diese Kombination aus Zigarettenrauch und herbem Männerparfüm, die mit den Büchern gekommen ist, die ich aus seiner Wohnung mitgenommen habe.

Auch Bücher erzählen Geschichten. Vielleicht erzählen sie davon, wie der Vater gern gewesen wäre. Er schätzte Markus Wolf. Ein paar Tage vor seinem Tod hat er sich noch das Buch Troika von mir gewünscht. Vielleicht war Vater ein IM? Ein inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit? Vielleicht haben sie im Zuchthaus einen aus ihm gemacht? Die Stasi wusste, wie sie in den verschiedenen Fällen vorgehen musste. Druck. Einschüchterung. Gewalt. Androhung von Gewalt. Vielleicht hat man den Vater deswegen auch nach Stalinstadt ins Arbeitslager verlegt. Eine Vergünstigung. Dort war das Leben einfacher. Der Brief, den er im April 1960 seiner Mutter schrieb, klingt jedenfalls sehr optimistisch.

Liebe Mutter. Habe Deinen lieben Brief erhalten, bin in der Lage, ihn Dir sofort zu beantworten. Bin jetzt nicht mehr in Cottbus, sondern wieder in einem Arbeitslager. Kannst Dir ja denken, wie froh ich darüber bin. Zum Sommer ist das natürlich viel besser, man ist an der Luft und hat mehr Bewegung. Das Lager selbst übertraf einige Erwartungen. Die Behandlung ist ausgesprochen human, wir haben alle 14 Tage Kino, können lesen und auch Sport treiben. Das Essen ist sehr gut, wenig Eintopf, vermisse ich auch nicht, weißt es ja. Jeden Abend Wurst, jeden zweiten Tag noch zusätzlich Fischwaren, Brathering, Ölsardinen usw. Also alles in allem wirklich sehr gut. Es wird natürlich auf einwandfreie Führung, Ordnung und Sauberkeit geachtet, das ist selbstverständlich. Du siehst, Mama, daß ich bei allem immer etwas Glück habe. Du brauchst Dir um mich wirklich keine Sorgen zu machen, werde auch nie den Mut verlieren. Kommt gar nicht in Frage, habe ja in Dir das beste Vorbild. Ich bitte Dich, Mutter, sei noch einmal tapfer. Du wirst künftig keinen Kummer mehr haben. Liebe Grüße an alle Dein Junge.

Dein Junge. Mein Vater war achtundzwanzig damals, aber er sah sich immer noch als der Junge seiner Mutter. Und nie, auch später nicht, wehrte er sich gegen den Spitznamen, den er seit seiner Kindheit trug. Auch für meine Mutter ist er bis heute der Bubi. Das rührt mich schon wieder, als würden bestimmte Worte unsichtbare Knöpfe drücken, und dann fließen die Tränen. Ich wünschte, das wäre anders.

Natürlich habe ich schon von Menschen gehört, die sich im Gefängnis zur Mitarbeit bei der Stasi verpflichtet hatten. Allerdings hätte ich dies nie meinem Vater zugetraut. Nicht, weil ich es unmoralisch finde. Ich bin einfach nicht auf die Idee gekommen. Der Mann schon. Warum diese vielen Bücher über Markus Wolf? Über Berija? Über Menschen, die als willige Büttel eines autoritären Staates die Bespitzelung des Volkes übernommen hatten?

Wieder einmal nehme ich mir vor, meine Stasiakten einzusehen. Da der Vater tot ist, könnte ich auch seine Akten anfordern. Aber will ich wirklich wissen, ob er ein IM war? Will ich wissen, wer mich bespitzelt hat? Vielleicht würden findige Therapeuten jetzt weitere Gründe für meine Krankheit konstruieren. Sie hat Depressionen, weil sie mit offenen Fragen lebt. Mit Geheimnissen sogar. Dabei ist es gut, wenn man bestimmte Dinge für sich behält.

Morgens um drei habe ich sowieso andere Sorgen. Mein Magen rebelliert. Seit ein paar Tagen spüre ich dort jede kleine Unpässlichkeit, jede winzige Angst. Das beunruhigt mich. Aber ist es nicht gleichzeitig das, was mich lebendig macht? Geht es nicht darum, all die verschiedenen Gefühle zu spüren? Mich ihnen zu stellen? Aber wenn ich doch gar nicht weiß, was ich hier soll? Nicht nur hier in dieser Wohnung, sondern auch hier auf dieser Welt?

Entweder hat das Leben sowieso keinen Sinn, man lebt als Laune der Natur, egal wo, wie lange, unter welchen Umständen, das kann angenehm oder unangenehm sein, oder das Leben hat einen Sinn, was in meinem Fall ebenso unangenehm wäre, weil man mich über Sinn und Zweck meines Hierseins im Unklaren gelassen hat. Ich bin einfach da, schon das Herkommen war schwierig, wenn die Berichte wahr sind. Es wurde einiges unternommen, mein Erscheinen zu verhindern. Als ich es dann doch geschafft hatte, wurde ich in einem Heim aufbewahrt. Nach einem Jahr bei den Großeltern abgegeben. Und jetzt bin ich hier, dreiundfünfzig Jahre später.

Ich habe mich mit Ängsten gequält, mit Kindererziehung, Liebhabern, wollte den Sinn des Lebens entdecken, nichts habe ich wirklich richtig gemacht, auch viel klüger bin ich nicht geworden. Mir fehlt die Energie, das alles fortzusetzen. Wozu? Zu welchem Zweck? Am Ende steht der Tod. Der große Unbekannte. Warum den Weg nicht abkürzen? Warum noch zwanzig oder dreißig Jahre warten? Jahre, in denen mein Körper schmerzt, meine Seele?

Aber das sind Morgengedanken. Tagsüber gelingt es mir manchmal, heiter zu sein. Ab und zu so etwas wie gute Laune zu entwickeln. Kurze Momente von Glück. Wenn ich mich ablenke. Schreibe. Oder mit Ernie rede, die anlässlich von Vaters Beerdigung für fünf Tage nach Berlin gekommen ist.

Leicht ist die Kommunikation nicht, da Ernie schwerhörig ist, dies aber leugnet. Wenn man nur deutlich genug spricht, versteht sie angeblich alles. Also schreien wir zu zweit auf sie ein, so können auch die Nachbarn an unserer Unterhaltung teilhaben. Meistens lasse ich sie jedoch reden. Das ist einfacher, und ich will ja tatsächlich so viel wie möglich über diese Familie und ihre Geschichte erfahren. Eines Tages wird auch Ernie tot sein, dann gibt es niemanden mehr, den ich fragen kann. G. wird vielleicht noch da sein, aber der hat eine eigene Version. So wie immer alle eine eigene Version haben.

Meine Mutter zum Beispiel, die am Telefon so sehr geweint hatte, als sie von Vaters Tod erfuhr. „Er war doch meine große Liebe.“

Ich weiß. Ich habe die Geschichte schon einige Male gehört. Wie sich dieser charmante, attraktive junge Mann, der mein Vater einmal gewesen ist, ein guter Tänzer noch dazu, meiner Mutter vorgestellt hatte. „Guten Tag. Sie werden sich vielleicht wundern, aber Sie werde ich einmal heiraten.“ Und wie meine Mutter bei sich dachte: Du eingebildeter Kerl, einen Teufel werde ich tun. Natürlich war sie am Ende seinem Charme erlegen, oder seiner Fähigkeit, sie mit Worten zu verwöhnen, vielleicht auch mit dem tollen Sex, was weiß denn ich. Ein paar Menschen haben vor Rührung auf alle Fälle geweint, wenn die beiden in Wandlitz getanzt haben. In diesem Punkt stimmen die Versionen sogar überein. Mein Vater hat mir das genauso erzählt.

Ich habe viele Fotos gefunden, auf denen meine schöne junge Mutter im Kreis der Familie meines Vaters zu sehen ist. Vielleicht gefiel ihr diese Familie sogar mehr als ihre eigene, in der ein wortkarger, strenger Vater das Zepter führte. Vielleicht mochte sie das offene Haus ihrer Schwiegermutter, in dem die Freunde der vier Geschwister ein und aus gingen, zum Essen blieben, feierten, und meine Großmutter immer mittendrin. Auch die Partys mit den Funktionären aus Politik und Kunst, an denen meine jungen Eltern teilnehmen durften, werden meiner lebenshungrigen Mutter gefallen haben. Johannes R. Becher, Alexander Abusch, Gérard Philipe, wie oft habe ich als Kind von diesen Namen erzählen hören.

In den Briefen, die mein Vater seiner Mutter aus dem Arbeitslager geschrieben hatte, spricht er auch von Papieren, die ihm sein Anwalt vorgelegt hatte, aus denen hervorging, dass meine Mutter die Scheidung wollte. Er ist nicht weiter auf dieses Thema eingegangen, aber offensichtlich hat er diese Papiere unterschrieben, sonst wären sie nicht geschieden worden.

Eigentlich ist es kein sympathischer Zug, sich von einem Mann zu trennen, der aus politischen Gründen im Zuchthaus oder im Arbeitslager sitzt. Die Stasi hatte meiner Mutter wohl den Vorschlag gemacht. Aber sie hatte früher auch einmal einen anderen Grund für die Scheidung genannt: Sie wollte nicht länger mit einem Trinker zusammen sein. Das verstehe ich, aber warum musste sie sich gerade zu diesem Zeitpunkt von ihm trennen?

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