Nach den sechs Wochen in Bad Hersfeld muss ich mich in Berlin schnell wieder an den Alltag gewöhnen. Ich bin zwar als weiterhin krank aus der Reha entlassen worden, aber es gibt trotzdem genug zu tun. Gerda wird in dem Pflegeheim bleiben, das hat ihre Tochter bereits entschieden. Also muss die Wohnung vom Vater ausgeräumt, müssen weitere Überlegungen angestellt werden. Wohin mit den Büchern, mit all dem Zeug, das sich über Jahrzehnte angesammelt hat? Servietten. Stapel von Zeitungen. Garderobe, Bettzeug, Hausrat, alles alt und für niemanden von Interesse.
Viel bleibt von einem Leben nicht übrig. Auch von zwei Leben nicht. Für die spätere Entrümpelung wird eine Firma beauftragt, selber anpacken werden wir nicht müssen.
Es gibt ein Bild, das Willi, der älteste Bruder meines Vaters, auch er ein Künstler, Maler und Grafiker, Anfang der Fünfzigerjahre für Ernie gemalt hat. Sie will es nicht haben, wenn ich möchte, gehört es mir. Ich will. Man sieht darauf einen von der Sonne beschienenen Waldweg. Vielleicht in der Schönholzer Heide. Dort, wo das Grab meines anderen Großvaters sein soll, das ich jetzt endlich einmal besuchen möchte. Der Rahmen ist altmodisch, das Bild ist es nicht. Es dauert eine Weile, bis ich den richtigen Platz dafür gefunden habe. Es kommt an die Wand in meinem Zimmer, an die Wand, vor der der große Tisch steht, den wir manchmal ausziehen, wenn wir Gäste haben.
Ich war noch nie am Grab dieses Großvaters. Ich wusste nicht einmal, dass mitten in der Schönholzer Heide ein Ehrenhain existiert. Ein Massengrab für Menschen, die in den letzten Kriegstagen umgekommen sind. Familien. Einzelpersonen. Von manchen der Männer und Frauen wusste man nicht einmal die Namen. Keine Geburts- und Todesdaten. Zwangsarbeiter vermutlich. Und wenn ich den Mann mit dem Hund nicht gefragt hätte, würden wir immer noch durch den Park irren auf der Suche nach einem stillgelegten Friedhof. Hundebesitzer kennen sich aus. „Wenn Sie an der Wiese ankommen, sind Sie zu weit gelaufen“, hatte er gesagt. „Dann müssen Sie zurück und zweimal rechts.“
Der Platz ist zwar eingezäunt, aber der Zaun ist so unauffällig und niedrig, dass man ihn mit einem großen Schritt überwinden kann. Hohe Bäume erzeugen den Eindruck eines normalen Waldstücks. Und doch sind da die vielen Gräber in ordentlichen Reihen, auf jedem die gleiche schlichte Tafel. Efeu als Einheitsschmuck. Nirgendwo ein Hinweis darauf, wer diese Menschen waren, warum sie ausgerechnet hier liegen, wie sie ums Leben gekommen sind. Und dann habe ich ihn endlich gefunden.
Der Name ist falsch geschrieben. Hoydissek. Das Foto aus den Sechzigerjahren, das der Vater zusammen mit anderen in einem Schuhkarton aufbewahrte, muss eine ältere Version der Grabstätte zeigen. Damals hatte man den vollständigen Namen auf die schwarze Steintafel graviert: Hyazinth Hojdyssek. Jetzt steht da nur noch ein H. Geboren am 16.08.1896, gestorben am 22.06.1945.
In den Fünfzigerjahren wurde der Platz immer wieder einmal verwüstet, hat mir Ernie erzählt. Meine Großmutter Maria hatte sich mehrmals bei den Behörden beschwert. Man hatte ihr erklärt, es kämen Leute aus dem Westen, die für diese Taten verantwortlich wären. Die Großmutter hatte gefragt, ob man sie für dumm verkaufen wolle. Sie soll sogar gesagt haben, sie sei noch nicht völlig verblödet. Wer sonst würde glauben, dass Menschen extra über die Grenze kämen, um Kriegsgräber zu verwüsten?
Das Massengrab in der Heide war der DDR-Behörde für Friedhofsangelegenheiten ein Dorn im Auge. Zu viele Tote auf einmal. Bis auf wenige Ausnahmen alle im April und Mai 1945 gestorben. Opfer des Faschismus. Die Bewohner der DDR waren keine ehemaligen Faschisten. Die Nazis waren alle im Westen.
Ob die Getöteten Opfer der Bomben waren? Oder sind sie an Hunger und Entkräftung gestorben? Hat man einige von ihnen erschossen wie den Großvater?
Er war neunundvierzig, als er zum Volkssturm musste. Hitlers letzte Reserve. Kinder und alte Leute. Russische Soldaten hatten ihn gefangen genommen und ein paar Wochen später angeblich auf der Flucht erschossen. Die Familie wusste lange nicht, dass er tot war, da man ihn unter anderem Namen begraben hatte. Anhand eines Briefes, den man bei ihm fand, wurde jedoch eine befreundete Familie informiert. Da der junge Mann, der angeblich tot sein sollte, aber noch lebte, kam man auf den Großvater. Das Grab wurde geöffnet, und Willi, der älteste Sohn, musste seinen Vater beziehungsweise dessen Überreste identifizieren. Die Verwesung hatte bereits eingesetzt.
In Vaters Unterlagen habe ich eine Art offizielles Dokument mit dem Stempel der Gemeinde Zehlendorf gefunden, damals noch Kreis Niederbarnim.
Zehlendorf, 8.11.1946 Durch den Sohn des Hyazinth Hojdyssek wurde festgestellt, dass der in der Gemarkung Zehlendorf gefallene und als unbekannt beerdigte Volkssturmmann sein Vater ist. Er wurde am 22.06.1945 von einer Einwohnerin beim Grasmähen gefunden und im Beisein eines Polizeibeamten am Fundort beerdigt.
G. hat mir erzählt, dass er und mein Vater dabei waren, als sie den Sarg, den Willi noch schnell schwarz angemalt hatte, auf einem Leiterwagen nach Hause brachten. Ungefähr dreißig Kilometer müssen sie gelaufen sein, ich habe mir die Route bei Google angesehen. Abends soll Willi zu Hause einen Wutanfall bekommen haben.
Ich gehe durch die Reihen der Gräber und lese die Namen auf den Tafeln. Rechne. Viele junge Männer. Noch keine zwanzig. Die Tränen laufen mir übers Gesicht, ich kriege kaum Luft. So viel ich mit dem Ärmel auch wische, es nützt nichts. Ich weine um diese jungen Menschen. Um den Großvater. Nicht zuletzt um den Vater, dessen Asche in einigen Tagen tausend Meter entfernt von hier ebenfalls in einer Wiese liegen wird. Der mich mit ein paar alten Fotos und einer Menge Fragen zurückgelassen hat. Wahrscheinlich weine ich aber auch wieder um mich, die sich so schwer damit tut, ihren Platz in dieser Familie zu finden. Die so gern zu diesen Menschen gehören möchte und nicht weiß, ob das umgekehrt auch so ist oder gewesen wäre.
Ich bin mir nicht sicher, was in diesem Fall das Huhn und was das Ei ist. Warum möchte ich überhaupt zu ihnen gehören? Weil das die Künstler sind, das ist doch ganz klar. Sogar mein Großvater war einer, wie Ernie mir erzählt hat. Er konnte nach Gehör fast jedes Instrument spielen. Die Söhne G. und Willi: Maler. Keine Ahnung, was mein Vater hätte sein können. Als er in den Fünfzigerjahren Fahrer bei der DEFA war, hatten seine Chefs ihn einige Male zu überreden versucht, ein Studium zu beginnen. Man sah ihn immer nur mit einem Buch in der Hand, wenn er wartete. Vermutlich wäre er wie ich ein Schreiber. Wenn er nicht immer mit anderen Dingen beschäftigt gewesen wäre.
Beim weiteren Aufräumen finde ich in seinem Zimmer unter einem Stapel von Handtüchern einen dünnen Umschlag mit Fotos von mir als Kind, als junge Frau, ein paar Bilder von meinem Sohn und mir. Viele sind es nicht. Er hatte sie offensichtlich versteckt. Vor Gerda? Vor sich? Damit er sich nicht an mich erinnern muss? An diese Tochter, die vielleicht gar nicht seine Tochter war und für die er Empfindungen hatte, die ein Vater nicht haben sollte?