Meiner Psyche geht es besser. Vielleicht liegt es an dem Ausflug nach Hamburg anlässlich des achtzehnten Jahrestages der Deutschen Einheit. Endlich kann ich den Mann in Aktion erleben. Kann sehen, wie sehr ihm der neue Job Spaß macht, wie wichtig seine Arbeit ist. Er hält Vorträge, als hätte er nie etwas anderes getan.
Das Programm, das die Leute von der Katharinenkirche in Zusammenarbeit mit dem Literarischen Hafenclub auf die Beine gestellt haben, gefällt mir ebenfalls, auch wenn ich mich anfänglich gefragt habe, wozu dieses Konservieren, diese Heldenverehrung gut sein soll. Muss ich wirklich jedes Jahr aufs Neue an die Montagsdemonstrationen erinnert werden? Und wieso soll ich mir eine weitere Ausstellung über Robert Havemann ansehen?
Die Hamburger haben diese Frage in ihrem Flyer beantwortet. Man müsse an die zivilgesellschaftliche Meisterleistung der Friedlichen Revolution erinnern und sie für Gegenwart und Zukunft fruchtbar machen.
Recht haben sie. Es waren viele, die in der Summe ihrer Taten dazu beigetragen haben, dass in Berlin die Mauer fiel. Lange vor den großen Demonstrationen gab es sogenannte Staatsfeinde, gab es Kritiker, bekannte und weniger bekannte Menschen, die ihre Stimme erhoben und auch keine Angst davor hatten, für ihre Überzeugungen ins Gefängnis zu gehen.
Auch heute brauchen wir mutige Menschen. Jede Gesellschaft braucht sie. In Georgien, in Russland, das leuchtet noch ein, aber wir? Wir leben doch in einer Demokratie, da wird schon alles seinen demokratischen Gang gehen. Es wird sich schon jemand darum kümmern, dass die Krankenkassen ihre Beiträge nicht überproportional erhöhen, dass Banken und Versicherungen keine krummen Geschäfte machen, sondern auf unser Geld aufpassen, dass jemand aufsteht, wenn die junge Punkerin im Bus von Neonazis belästigt wird.
Und wenn niemand da ist, der diese unangenehmen Jobs tun will? Dann muss man selber handeln, muss mutig sein und über den eigenen Schatten springen. Manchmal muss man dafür sogar mutig genug sein, die eigenen Überzeugungen in Frage zu stellen. An diese Dinge können wir gar nicht oft genug erinnert werden.
Ich bin so froh, weil der Mann jetzt eine Arbeit hat, die ihn sichtlich glücklich macht. Weil sie sinnvoll ist. Die lange Zeit der Dürre – arbeitslos, finanziell von mir abhängig – hat sich endlich für ihn gelohnt.
Kaum ist neues Geld in Sicht, schon gebe ich es aus. Aber ist Geld nicht genau dafür da? Die Schwestern haben mich überredet. Es ging ganz schnell. Wir fahren ein paar Tage nach Ahrenshoop.
Es gibt nicht viele Orte, die Menschen zum Träumen bringen. Die sie inspirieren und ihnen Kraft geben. Orte mit Seele. Einer Seele, die andere Seelen berührt und zu sich ruft. Ahrenshoop ist ein solcher Ort. Und Hiddensee natürlich.
Wir haben eine kleine Wohnung unter dem Dach in dem Haus, das der Schriftstellerin Agnes Grisebach gehört. Ich habe ihr Buch „Eine Frau Jahrgang 13“ vor vielen Jahren gelesen. Inzwischen ist die Autorin fünfundneunzig, fast blind und sitzt im Rollstuhl. Geistig ist sie noch fit, sie freut sich, wenn sie uns hört und wenn wir ein paar Worte mit ihr wechseln.
Morgens ist es oft trübe und neblig, von früheren Ausflügen wissen wir aber, dass jedes Wetter hier mittags umschlagen kann.
Der Strand ist wie immer aufsehenerregend, das Meer glatt, als wüsste es nicht, wie man ordentliche Wellen macht. Wir laufen zwei oder auch drei Stunden, hinterher kann ich mich kaum bewegen. Mir tut der untere Rücken weh, auch Oberschenkel und Knie schmerzen. Aber das bin ich gewöhnt.
Abends spielen wir Table Talk, mein nachträgliches Geburtstagsgeschenk für K. Es sind einfache Fragen zu beantworten. Glaubst du, dass du für die Liebe geeignet bist?So etwas zum Beispiel.
Und natürlich bin ich für die Liebe geeignet. Immer wieder lasse ich mich neu auf sie ein. Auch wenn ich schon einige Male verlassen wurde, selber Männer verlassen habe. Etwas in mir lässt es mich immer wieder neu versuchen.
Sind wir denn nicht für die Liebe gemacht? Oder reden wir hier nicht von Paarbeziehungen? Lieben kann der Mensch ja auch seinen Hund. Oder seine Freundinnen. Mit denen ich mich gut fühle, auch das ist eine Form von Liebe.
An unserem letzten Tag benimmt sich das Meer, wie es sich für ein Meer gehört. Es rauscht und brummt, Schaumkronen hüpfen in der Sonne, Wellen schlendern gemächlich dem Strand entgegen. Der Mensch steht andächtig da und schaut. Die Möwen leisten ihm Gesellschaft. Gebadet wird nicht, nur ein paar Wagemutige haben Schuhe und Strümpfe ausgezogen. Der Sand ist hart und kühl.
Das Abschiedsessen in der Buhne 12 ist köstlich. Zander auf Spinat. Rote Grütze mit Zimteis. Da liegt einem nichts stundenlang schwer im Magen. Sogar bezahlbar finden wir es. Angesichts des Platzes keine Selbstverständlichkeit, nirgendwo sonst hat man diesen unverstellten weiten Blick auf das Meer. Skrupellosere Geschäftsleute hätten hier schon längst einen Gourmettempel errichtet, wo man Nahrung in ihre Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt bestellen kann. Wir sollten beten oder affirmieren oder visualisieren, dass hier alles beim Alten bleibt.
Bei der Gelegenheit könnte ich mir noch etwas anderes wünschen: einmal einen Sommer hier verbringen. Meinetwegen auch einen Herbst oder Winter. Einmal stundenlang an einem Fenster sitzen, auf das Meer schauen, nichts denken, nur sehen und fühlen, nachts vom Rauschen der Brandung in den Schlaf geschickt werden. In den Zeiten, in denen ich nicht schaue und fühle, könnte ich schreiben.
Es müsste vielleicht nicht ein ganzes Jahr sein, da hat Frau Luzie sicher recht. Sie glaubt, dass ich für das kleine einsame Schreibzimmer auf Dauer nicht geeignet bin. Ich brauche Menschen. Menschen, mit denen ich zum Beispiel über die Beuys-Ausstellung im Hamburger Bahnhof reden kann. Darüber, ob Evolution durch geistige Transformation möglich ist. Über diesen schöpferischen Mann, der mit Steiners Gedankenwelt sympathisierte. Ein Philosoph und Denker.
Jawohl, wir sollten uns gegenseitig unsere Wunden zeigen und so miteinander ins Gespräch kommen. Mit wem sollte ich diese Dinge diskutieren, wenn ich ein Jahr in der Pampa verschwinde?
Dienstags gehe ich immer noch zu Frau Luzie. Ich sei eine Nihilistin, sagt sie. Weil ich an nichts glaube, nur daran, dass alles vorbei ist, wenn ich tot bin. Was soll ich auch glauben? Wer glaubt, ist arm dran.
Meine Freundin Helga würde mir jetzt widersprechen, aber sie ist eine Christin, die seit ihrer Kindheit nichts anderes kennt. Mir sitzt der Marxismus in den Knochen. Wenn von irgendwo eine weise Stimme zu mir spräche, dann könnte ich vielleicht akzeptieren, dass da etwas ist. Das ist mir bisher aber noch nicht passiert, nicht richtig jedenfalls, also keine Gottesbeweise, niente.
Manchmal ist Frau Luzie auch streng mit mir. Manchmal sogar zu Recht, wie ich später einsehe. Wenn ich zum Beispiel sage, ich müsste immer alles allein machen. Solche Sachen plappere ich manchmal so dahin, natürlich stimmen die nicht. Denn allein machen muss ich gar nichts. Ich habe sehr wohl Hilfe. Meine Freundinnen. Meinen Partner. Meine Therapeutin. Sie alle sind da, wenn ich sie brauche. Das ist gut zu wissen.
Ja, das Meer kann nicht nur brausen, wüten und peitschen, es kann auch zufrieden brummen. In einer windstillen, sternklaren Nacht, als alles menschliche verstummt war, Motoren, Musik, Lieder und Stimmen, als selbst das Geschrabbe der letzten Grille endlich vollendet war, da hörte ich es als ich im Dunkeln am offenen Fenster stand. Vor der Tür, unten am Ufer, da war das Wasser ruhig und still, aber in samtschwarzer Ferne, wo sich am Tage der Horizont wie selbstverständlich dehnte und streckte, da waren im fahlen Sternenlicht dünne weiße Schaumkronen zu erahnen, wo sich über Untiefen und verborgenen Riffen die Dünung brach. Dort draußen mochte es brausen und tosen, doch hier bei mir da war nur das Brummen des Meeres.
Eine schöne Vorstellung. Danke. Ein zufrieden brummendes Meer.