Einfach leben (23) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

Der Termin mit unserer Personalchefin rückt näher. Solche Ereignisse versetzen mich noch zusätzlich in Panik. Situationen der Ungewissheit kann ich nur schwer aushalten. Wie soll das nun mit mir und dem Job weitergehen?

Mir ist klar, dass ich wenigstens für mich eine Entscheidung treffen muss. Was erwarte ich von dieser Begegnung? Was soll passieren? Eigentlich ist es ganz einfach. Ich möchte meine Kündigung. Und eine Abfindung. Damit ich mich endlich um mein wirkliches Leben kümmern kann. Aber ich glaube, es wäre nicht klug, in dem Gespräch diese Option selbst anzusprechen. Auf diese Idee sollte die Firma von sich aus kommen.

Träume weiter, Prinzessin!

Die Freundin, mit der ich viel über das Schreiben und meine konfusen Gedanken rede, sagt, man solle das tun, was einem Freude bereitet. Was man gern macht. Wir haben keine Zeit, unser kurzes Leben zu vertrödeln. Ich möchte schreiben. Porträts zum Beispiel. Sogar irgendwo zu kochen könnte ich mir vorstellen. Die Welt bereisen. Unterwegs sein. Nicht hier in Berlin an diesem Platz hängen, den ich so gut kenne, wo auch nichts Neues passiert.

Vielleicht sollte ich noch einmal Ein Jahr am Meer lesen. Über eine Frau, die ihr Leben überdenken muss, die nicht weiß, wo es hingeht, die neue Ideen, Eindrücke braucht, auch Abstand von ihrem Mann, und dann zieht sie eben ans Meer.

Wenn es so einfach wäre.

Außerdem weiß ich längst, dass ich mich überallhin mitnehme. Wohin ich auch flüchten möchte. Alle meine Sorgen, meine Eigenarten, sie kommen mit mir mit. Also kann ich auch in Berlin bleiben. Zumal ich den Tiergarten gar nicht so übel finde. Nicht so schön wie Nikolassee, wo ich acht Jahre in einem alten Haus in der WG gelebt habe. Diese Zeit war etwas Besonderes. Vielleicht weil es das erste Mal war, dass ich mich spontan zu Hause gefühlt habe.

Aber dieser Kiez hier mitten in der Stadt, der hat auch seinen Reiz. Ich liebe unsere ausgedehnten Spaziergänge an der Spree entlang, vorbei an der Kanzlerin, dem Brandenburger Tor, wo ich all den Touristen zurufen möchte: Ätsch, und ich lebe hier!

Statt mich also um einen Platz am Meer zu kümmern, habe ich etwas anderes getan. Etwas, das längst überfällig war. Ich habe dem Antje-Kunstmann-Verlag dreißig Seiten des Briefromans geschickt. Allerdings habe ich ein Problem, falls ihnen der Text gefällt und sie den Rest lesen wollen. Was sage ich dann? Tut mir leid? Er ist noch nicht fertig? Ich weiß nicht mal, wie das Ende aussieht?

Dabei ist das Ende doch ganz klar. Frieda, mein Alter Ego, fährt nach Krakau, um die Spuren ihrer Großeltern zu suchen. Sie trennt sich von Hartwig, dessen Liebe sie nicht mehr spürt. Oder er trennt sich von ihr. Das weiß ich noch nicht.

Natürlich hat Hartwig keinerlei Ähnlichkeiten mit dem Mann. Und wenn doch, nur klitzekleine. Die Sache mit den Schuhen vom Krabbeltisch vielleicht, die er sich letztes Jahr gekauft hat. Ein Schnäppchen für zehn Euro, da muss man nicht anprobieren. Zu Hause stellte er dann fest, dass der linke Schuh kleiner als der rechte ist.

„Na und? Macht doch nichts, wenn ich nicht lange darin laufen muss.“

Aber ich schreibe in diesem Buch ja auch nicht über mich und den Mann. Der lange Briefteil ist autobiografisch, aber der betrifft eine Zeit, in der ich den Mann noch gar nicht kannte, die Rahmenhandlung ist reine Fiktion. So etwas nennt man künstlerische Freiheit.

 

Meine Familientreffen finden derzeit auf Beerdigungen statt. Diesmal handelt es sich um die ältere Schwester meiner Mutter. Sie ist nach langer und schwerer Krankheit gestorben.

Mein Cousin, der einzige Hinterbliebene neben meiner Mutter, freut sich, mich zu sehen. Jedenfalls behauptet er das. Aber man sagt manchmal Dinge, die nicht so gemeint sind. Wenn wir ein ehrliches Interesse aneinander hätten, dann würden wir uns ab und zu sehen oder wenigstens gelegentlich miteinander telefonieren. Das ist nicht der Fall.

Während der Rede des Pfarrers kann ich immer wieder sein Schluchzen hören. Säße ich in seiner Nähe, würde ich ihm jetzt über den Rücken streichen oder seine Hand in meine nehmen. Doch kaum haben wir die Kapelle verlassen, sind seine Tränen versiegt. Plötzlich ist er alles andere als gefühlvoll.

Nein. Er möchte nicht mit uns Kaffee trinken. Er möchte seine Ruhe. Und das sagt er in einem solch vorwurfsvollen Ton, als hätte jemand gerade etwas Pietätloses von sich gegeben. Was nicht der Fall war. Es hat auch niemand laut überlegt, ob der Tod für meine Tante vielleicht eine Erlösung war. Zumal ich selber solche Floskeln nicht mag. Vielleicht hätte sie doch gern noch ein wenig Zeit auf Erden gehabt. Sie war die letzten zwei Jahre hauptsächlich in Krankenhäusern, kein Organ war mehr an seinem ursprünglichen Platz, die letzten vier Wochen lag sie im Koma. Wer weiß schon, was Menschen im Koma erleben.

Ich habe sie nicht noch einmal gesehen, sie nicht noch einmal besucht, und das tut mir jetzt leid.

Diese Tante habe ich immer gemocht, auch wenn wir uns nur selten begegnet sind. Sie war vor dem Mauerbau in den Westen gegangen, ihr erster Mann war fünfundzwanzig Jahre älter als sie, ein Kriegsversehrter mit nur einem Bein. Auf allen Fotos aus dieser Zeit schaut meine schöne junge Tante – sie war damals Ende dreißig – ihren rundlichen, glatzköpfigen Mann verliebt von der Seite an.

Auch ich bin manchmal zu sehen. Ich trage ein kariertes Kleid und weiße Kniestrümpfe, jemand hat mir Schleifen in meine Zöpfe gebunden. Auf einem anderen Bild sitze ich in der S-Bahn auf einer Holzbank neben meiner Mutter, ich habe ihre Handtasche auf dem Schoß, die fast größer ist als ich. Meine Mutter sieht mich an, wie man einen jungen Hund betrachtet, der ein Kunststück vorführen soll. Wir sind auf dem Weg zu Tante Hertie und Onkel Paul.

Ein anderes Foto vom selben Tag zeigt uns alle zusammen in einer Küche, die Tante schaut verliebt ihren Paul an, ich schaue verliebt meine Tante an, und meine Mutter schaut in die entgegengesetzte Richtung aus dem Fenster. Ich weiß allerdings nicht, wer diese Fotos gemacht hat. Mein Vater? Der da noch nicht im Gefängnis war? Müsste ich mich dann nicht an ihn erinnern? Wäre doch meine Erinnerung nicht dermaßen schlampig.

Auch später mochte ich die Tante. Fand sie schicker als meine Mutter. Moderner. Sie war die erste Frau, die ich in Leggings gesehen habe. Da war sie schon über fünfzig. Dauerwellen fand sie blöd. Sie trug ihr Haar millimeterkurz und grau. Obwohl die ältere der beiden übrig gebliebenen Schwestern, war sie die tolerantere. Die dritte Schwester war bei einem der ersten Bombenangriffe auf Oranienburg ums Leben gekommen.

Hertie wohnte mit Mann und Sohn in einem kleinen Reihenmittelhaus in Mariendorf. Einmal saßen wir bei ihr auf der Terrasse, es war der erste Sommer nach der Friedlichen Revolution. Das erinnere ich noch, weil auch meine Mutter da war. Eine reine Frauenrunde. Ich hatte von Freundinnen und unseren gemeinsamen Aktivitäten erzählt. Erst zierte meine Mutter sich ein wenig, aber dann war sie damit herausgerückt, dass sie sich Sorgen machen würde. Ob ich vielleicht lesbisch wäre?

Hertie hatte einen geradezu verträumten Blick bekommen. „Und wenn? Ich stelle mir das wunderbar vor. All diese warmen weichen Brüste.“

Vielleicht war es kein Wunder, dass gerade Hertie mir mein erstes Tagebuch geschenkt und damit eine neue Idee in den Kopf gesetzt hatte. Dieses Buch wäre nur für mich, ihm könnte ich meine Gedanken anvertrauen.

Für ein solches Geschenk muss man natürlich Gedanken haben, die man nicht mit anderen teilen will oder kann. Ich war zwölf, fühlte mich am falschen Platz in der Welt, ich brauchte dringend so etwas. Es war ja niemand da, mit dem ich hätte reden können. Seit dieser Zeit bin ich eine engagierte Tagebuchschreiberin.

In der Nacht vor dem Termin in der Firma schlafe ich nicht. Vermutlich werde ich keinen guten Eindruck hinterlassen. Doch dann bewahrheitet sich wieder einmal der Spruch, dass nichts so heiß gegessen wird, wie man es gekocht hat. Da überlege ich Monate, was sage ich, Jahre, wie ich aus diesem Job herauskomme, und dann ist es am Ende ganz einfach.

Sie unterbreiten mir ein Angebot: Sie würden gern jemanden für meine Position einstellen. Die Gründe dafür kann ich mir denken. Meine Stellvertreterin ist mit der Situation überfordert, sie balanciert am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Weil sie sich alles zu Herzen nimmt und alles richtig machen will, denn auch sie möchte sich nicht nachsagen lassen, sie sei nicht belastbar.

Das ist es doch, was wir alle wollen. Man soll uns für belastbar halten. Das ist eine der wichtigsten Forderungen, die heute an Arbeitnehmer gestellt werden. Natürlich sollten sie über Fachkenntnisse verfügen. Aber fast ebenso wichtig ist diese Belastbarkeit.

Meine Kollegin geht mit Magenschmerzen zur Arbeit, mit Magenschmerzen ins Bett. Dort träumt sie von ihrem Job. Sie ist psychisch nicht in der Lage, das noch länger durchzustehen. Außerdem möchte die Firma jemanden mit passender Qualifikation einstellen. Wieder einmal geht es um die richtigen Papiere, die meine Stellvertreterin genauso wenig hat wie ich.

Da ich in der Vergangenheit schon einmal meinen Job zur Disposition gestellt habe – das ist allerdings schon ein paar Jahre her und keiner außer mir war damals von der Idee begeistert –, will die Personalchefin wissen, ob ich mir das jetzt in dieser Situation vorstellen könnte. Natürlich wäre es ihr und den obersten Chefs wesentlich lieber, ich würde zurückkommen und meine Arbeit erledigen. Eine so gute Kraft wie ich. Aber wenn das nicht geht, bieten sie mir als Ausgleich für die neunzehn Jahre ein halbes Monatsgehalt pro Beschäftigungsjahr als finanziellen Ausgleich an.

Obwohl es genau das ist, was ich mir gewünscht habe, bin ich zu meinem eigenen Erstaunen in den ersten Sekunden ein wenig gekränkt. Sie wollen mich abfinden. Wollen mir meinen Job nehmen. Doch dann habe ich mich gefangen und kann mein Glück kaum fassen. Auf dem Heimweg hüpfe ich.

3 Gedanken zu „Einfach leben (23) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012“

  1. Irgendwie gern gelesen:) ich fand das Detail lustig , dass du ans Meer willst – ich lebe am Meer und denke immer- oh Gott ich verpasse Berlin. Denn immer wenn ich da bin, mag ich die Schnelligkeit, das raue bunte quirlige- bis es mir zu viel wird und ich wieder am Strand sitze. Ja man nimmt sich überall hin mit. Ich halte es im Úbrigen für elementar wichtig, dass man sich in seinem Beruf wohlfühlt, denn immerhin berpfändet man seine Freiheit und hat zum Glück die Wahl ( oft) welchem Lehenherrn man sie überlässt

    1. Danke für deine Gedanken. Ich musste schmunzeln. Vielleicht geht es gar nicht so sehr um Berlin oder Meer, sondern darum, welche Seite von uns an einem Ort mehr Raum bekommt.

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