Januar Die Meisen haben noch nicht bemerkt, dass ich wieder da bin. Meine anderen Mitbewohner schon. Gestern Abend erzählten wir nach der Begrüßung in der Küche wieder fröhlich durcheinander: wie die Weihnachtstage waren, wer wo Silvester gefeiert hat, was man sich eben erzählt.
Ich berichtete von dem potenziellen neuen Mitbewohner – nach dem Syrer nun mal wieder ein Iraker –, dem es das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten schwer macht, tatsächlich bei uns einzuziehen. Wozu brauchen sie einen Grundbucheintrag? Ich bin Mieterin, keine Eigentümerin. Ich könnte mal wieder jemanden beißen.
Ein wenig tröstet das köstliche Turrón, das mir die Spanierin von Mallorca mitgebracht hat. Ihre Mutter hat es selbst gemacht. Ich könnte mich hineinlegen.
Januar Ich überlege, wo dieser Tag geblieben ist. Ein bisschen geschrieben, mit dem Hausmann geplaudert. Gestern saßen wir zum ersten Mal in diesem Jahr auf der Rehwiese in der Sonne. Fünfundvierzig Minuten lang. Als wäre es tatsächlich schon Frühling.
Heute hat der gute Mensch Grundrisse von den einzelnen Etagen gezeichnet, damit das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten sich genau vorstellen kann, wo unser neuer Mitbewohner sein Haupt betten wird. Und wer sonst noch wo bettet.
Während der Hausmann zeichnete, habe ich die Endabrechnung für das Jahr 2019 erstellt und mich wieder einmal über die Höhe unserer Ausgaben gewundert. Nur von meinen Nebenkosten könnte ich einen Dauercampingplatz mieten. Das weiß ich, weil ich gestern zwei Dokumentationen über Dauercamper gesehen habe. Sie campen an der Ostsee oder in der Nähe der Havel und sind zufrieden mit diesem Leben. Ach, wäre ich doch der Camping-Typ.
Januar Auf dem Weg zum Supermarkt ist mir wieder der Fuchs begegnet. Falls es überhaupt derselbe war, den ich vorgestern auf dem Weg zum Bäcker gesehen habe. Der, der hier nachts so heiser bellt, wenn er um die Häuser zieht. Ein gut genährtes Tier mit kräftiger Lunte. Wie selbstbewusst er sich bewegt. Als wäre das alles sein Revier.
Ich habe die dringend benötigten Batterien für die Rauchmelder besorgt. Der Crémant ist mir quasi nebenbei in den Korb gefallen. Heute Morgen habe ich dem Hausmann aus einer Anwandlung heraus seinen Kaffee ans Bett serviert. Gesungen habe ich auch. Aber was tut man nicht alles, wenn ein so lieber Mitbewohner Geburtstag hat.
In einer halben Stunde kommt der Iraker. Er holt sich den Schlüssel ab. Es hat tatsächlich geklappt gestern. Er darf bei uns einziehen. Jodeladijöh.
Februar Eigentlich hat mein Freund, der Taxifahrer, eine Buddha-Natur. Den bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Umso mehr hat mich sein Ärger am Samstag überrascht. Er war richtig wütend. Er erzählte von einem Kollegen, der nicht schnell genug aus einer Parklücke herauskam und deshalb mit einer Axt bedroht wurde. Beschimpfungen – sehr beliebt dabei Nazischwein –, Gewaltandrohungen, gezückte Messer und andere Kleinwaffen: Angeblich gehört das inzwischen zum Alltag.
Mein Einwand, dass so etwas doch nicht ständig passieren könne – das würde ja bedeuten, dass auf Berlins Straßen der Mob unterwegs ist, außerdem gäbe es eine Polizei, ich sehe ständig die blau-weißen Wagen –, wurde milde belächelt und führte eher zu noch größerem Ärger. Das sei eine verzerrte Wahrnehmung, sagte er. Ich lebte in meiner Nikolasenblase. Auf einer Art Insel der Seligen. Wenn ich wieder eines dieser blau-weißen Autos sehe, könne ich es ihm gern zum Stuttgarter Platz schicken.
Februar Gestern habe ich tatsächlich die angegebene Telefonnummer gewählt, um mich wegen des geplanten Klassentreffens zu melden. Im ersten Moment kam mir die Stimme gar nicht bekannt vor, aber der alte Schulfreund wusste sofort, wer ich bin. Er wohnt immer noch in Buchholz, ein paar andere auch. Einige sind schon gestorben. Das wusste ich nicht.
Ich habe keine Kontakte zu ehemaligen Klassenkameraden, auch nicht zu denen, mit denen ich später Abitur gemacht habe. Ein einziges Mal war ich auf einem Klassentreffen. 1998. Danach stand ich hier in der WG in der Küche und habe geheult. Es war mir vorgekommen, als hätten meine ehemaligen Freundinnen ihre Brieftaschen gezückt und Fotos auf den Tisch geknallt: Mein Haus. Mein Auto. Mein wunderbarer Partner. Meine überaus gelungenen Kinder. Mein toller Job.
Ich war mit leeren Händen gekommen. Jedenfalls erschien es mir damals so. Etwas in meiner Wahrnehmung muss sich verändert haben, sonst würde ich nicht in Betracht ziehen, tatsächlich zu diesem Klassentreffen zu gehen. Immer noch ohne dieses so wunderbar gelungene Leben im Gepäck, aber einverstanden mit dem, was da ist.
Februar Hinter mir ein Geräusch. Da legt auch schon jemand seine Hand auf meine Schulter und schiebt sich an mir vorbei. Ein jüngerer Mann mit Behinderung. Wie ich heiße, will er wissen. Ich sage meinen Namen, er nennt mir seinen. Wir reichen uns die Hand. Wie alt ich bin. Aha, interessant. Er ist übrigens Autist. Und würde mir gern die Füße massieren. Hier auf dem Bahnsteig? Nein. In der U-Bahn, die gleich kommt. Ich lehne ab. Er ist bekümmert. „Ich mag nur Frauenfüße.“ „Warum keine Männer?“ „Die stinken.“ Schon ist er fort.
März Wir sind nur menschlich, wenn wir uns mit dem Nicht-Menschlichen vergleichen, sagt der Philosoph und Kulturökologe David Abram im Dokumentarfilm Becoming Animal. Beeindruckende Bilder, größtenteils aus dem Grand-Teton-Nationalpark. Keine schnellen Schnitte, zurückhaltende Musik. In aller Ruhe sehe ich einem Elch beim Grasen zu, beobachte sich bewegende Bäume, Gräser, stille Berglandschaften und Flusstäler.
Wir schauen hinaus, und etwas blickt auf uns zurück. Wenn mehr Menschen die Natur so betrachten würden, wären wir vermutlich alle Vegetarier und würden uns nicht benehmen, als hätten wir noch eine zweite Erde irgendwo versteckt. So denke ich später im Bus. Ich würde doch im Restaurant kein Wiener Schnitzel essen, wenn ich dem Kalb vorher in die Augen hätte schauen müssen. Nur weil dieser Kontakt fehlt, mache ich es. Selten, aber ich tue es.
Neulich habe ich eine Doku über eine junge Familie gesehen, deren Tiere ganzjährig auf der Weide bleiben. Die Kälber bleiben bei ihren Müttern. Wenn es ans Schlachten geht, werden die Tiere einzeln ins Nachbardorf gefahren. Stolze Kuh heißt der Hof. Sie beliefern auch einen Marktschwärmer in Berlin.
März Für die Suppe mussten noch ein paar Dinge besorgt werden. Da habe ich sie zum ersten Mal gesehen: die leeren Regale. Sind so viele hysterisch oder bin ich unvernünftig, weil ich entspannt bleibe und mir keine weiteren Gedanken mache? Schon gar keine Hamsterkäufe tätige?
Die Spanierin sieht müde aus, erschöpft vom vielen Organisieren, auch von den letzten Arbeitstagen. Ich wünsche ihr sehr, dass diese Stelle, die sie nach Jahren des Hoffens endlich bekommen hat, sich nicht als Flop erweist. Auch wenn sie auf Mallorca wieder im Nationalpark arbeiten kann – Springer zu sein gefällt ihr vielleicht doch nicht.
Unser Neuzugang für die nächsten drei Monate, ein junger Bulgare, steht um fünf Uhr auf, weil er um sieben in dem Betrieb sein muss, in dem er sein (unbezahltes!) Praktikum absolviert. Auch er hatte gestern dunkle Ringe unter den Augen. Leicht ist diese Arbeit nicht.
Ich staune über diese jungen Menschen, die mit zwanzig in die Welt hinausziehen, sich ausbeuten lassen, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Vielleicht eines Tages auf einen Job in Deutschland. Als Maschinenbauingenieur nicht unrealistisch. Dann wird er seine Familie unterstützen. Seine Oma bekommt umgerechnet hundert Euro Rente.
Als wir am Samstag den Mietvertrag unterschrieben, erzählte ich ihm von armen deutschen Rentnern, die sich in Bulgarien pflegen lassen, weil es dort billiger ist als hier. Auch ich könnte mir eines Tages einen Pflegeplatz leisten. Nur – was soll ich in Bulgarien?, überlegte ich laut. Ich kenne dort niemanden. „Aber du kennst doch mich jetzt“, sagte er. Süß.
März Gestern Abend Abschied von der Spanierin. Kulinarisch begleitet vom Hausmann, der es einfach draufhat. Suppe, dann Quiche. Köstlich. Eine bunte Runde saß am Tisch: ehemalige und aktuelle Mitbewohner, Freundinnen, neun Personen, sechs Nationalitäten.
Der Syrer erzählte, dass er einen Job als Lehrer bekommen hat. Erst einmal als Vertretung. Wer hätte das vor zwei Jahren gedacht. Mein Herz wird immer weich, wenn ich ihn sehe. Aber gestern war mein Herz überhaupt weich. Angerührt. Berührt. Alles fühlte sich richtig an: das Leben als Herbergsmutter in der Villa Kunterbunt, die Begegnungen, das Ganze.
März So ruhig ist es hier sonst nur an Feiertagen. Als läge unser Kiez unter einer weichen Decke, die alles Laute und Schrille dämpft. Ich bin immer noch erschöpft von dieser blöden Influenza und schnappe nach fünfzehn Minuten langsamen Laufens nach Luft.
An der Rehwiese trifft man andere Spaziergänger. Viel mehr ist ja gerade nicht erlaubt. Und siehe da: Alle fügen sich, keiner murrt. Warum lässt sich dieses Szenario eigentlich nicht auf die viel größere Katastrophe anwenden, die unser Leben bedroht?
Eine erste Befragung im Freundeskreis hat ergeben, dass alle gesund sind, dass es auch in den Familien keine Corona-Erkrankungen gibt. Alle scheinen mir besonnen und pragmatisch mit der Situation umzugehen. Sie bleiben zu Hause und machen das, was möglich ist: telefonieren, sich schriftlich mit anderen austauschen, jemandem Mut zusprechen. Das ist ja alles weiterhin möglich. Leid tun mir die jungen Familien, die womöglich noch in beengten Verhältnissen leben.
März Der Hausmann hatte mir geschrieben, ich müsse sehr tapfer sein, wenn ich nach Hause käme. Der Iraker und der Bulgare haben unbeobachtet im hinteren Garten gearbeitet. Davon zeugen große Haufen. Leider war ihnen nicht klar, dass das, was da so unansehnlich und müde im Feld stand und was sie mit ihren starken Armen herausgerissen haben, der Farn war, der uns im Sommer mit seinem Anblick erfreut.
Ich habe trotzdem zähneknirschend meine Anerkennung für den guten Willen zum Ausdruck gebracht und hoffe einfach, dass ein paar Farne die Aktion überlebt haben.
Beim Bäcker dürfen sich jetzt nur noch zwei Menschen gleichzeitig aufhalten. Die anderen stehen vor der Tür. Ich weiß nicht, ob es an der aktuellen Situation liegt oder daran, dass die Menschen die wenigen Möglichkeiten zum Gespräch stärker nutzen, aber eine mit mir wartende Frau erzählte auf rührende Weise von ihrem dementen Mann. Wie viel Anstrengung es sie kostet, ihn zu versorgen. Natürlich ist es absurd, in der jetzigen Lage Hilfe zu bekommen. Beim Abschied haben wir uns gegenseitig Mut zugesprochen.
April Du siehst aus wie ein alter Indianer, sagte der Hausmann, als er das Haus verließ. Immer noch besser als ein Statist in The Walking Dead, dachte ich ein wenig säuerlich. Das hatte er mir ja auch schon einmal bescheinigt.
Eigentlich wollte ich ins Büro, aber dann ist mir der Bus vor der Nase weggefahren, mit den dicken Socken waren die Schuhe zu eng, und so sitze ich jetzt in meditativer Betrachtung versunken vor dem Beet, das nach fünfundvierzig Minuten auf allen Vieren kaum besser aussieht als vorher. Der Ilex ist einfach zu groß, der Efeu zu hartnäckig, das ganze Areal zu sehr von Wurzeln durchzogen. Die Lösung wäre eine Tonne frischer Erde und ein Gärtner. Ich bin nämlich nur eine, die gern im Garten sitzt, die aber nicht über gestalterische Kräfte verfügt. Einen grünen Daumen habe ich auch nicht. Nur mit gutem Willen kommt man da nicht so richtig weiter.
April Ich gehe im Nachtdress durch den Garten. Erinnere mich immer noch beglückt an diesen perfekten sonnigen Sonntag, den wir köstlich speisend und faulenzend im Garten verbracht haben. Welch ein Luxus. Ich schaue in die Tonnen, ob sich der Regen gelohnt hat. Betrachte mit Respekt und Staunen das Werk der letzten Tage. Vor allem der Hausmann hat Wunder vollbracht.
Gestern Morgen haben die Schwestern heimlich Eier und Gedichte im Vorgarten deponiert. Das Gedicht, das für mich ausgesucht wurde, ist von Friederike Mayröcker. Ein Volltreffer gerade jetzt.
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel
April YouTube schickt mir regelmäßig Filme. Oft mag ich, was mir angeboten wird – zumal, wenn ich es selbst abonniert habe: NPR Music, Lyrik, SRF Philosophie, Wissen. Heute kam ein Film von einer Demo am Rosa-Luxemburg-Platz gegen den Notstand. Vielleicht schicken sie mir das, weil sie mitbekommen haben – die NSA, die Stasi –, dass ich auch für kritische Informationen oder Kontroversen offen bin.
Ich habe kurz hineingesehen und gedacht: Nun ja, man sollte diese Menschen nicht als Verschwörungstheoretiker bezeichnen. Aber wenn ich mir die Forenkommentare anschaue, könnte ich mich bei einigen übergeben. Auch wenn man mit der Politik nicht einverstanden ist – was ich gut verstehe –, andere Menschen als Dreck zu bezeichnen lehne ich ab.
Mai Der Regen hat die Tonnen gefüllt. Die Krähen zetern, die Meisen schaukeln an der wilden Rose. Ich freue mich über die Farne, die so emsig wachsen, über das ganze frische Grün um mich herum, das in den letzten Tagen geradezu explodiert ist.
In ein paar Tagen wird die neue Mitbewohnerin mit ihren vier Koffern einziehen. Ursprünglich aus Taiwan kommend, lebt sie seit zwanzig Jahren in Deutschland, seit einigen Monaten in Berlin. Vorerst wird sie im Zimmer der Thailänderin wohnen, die vor September nicht zurückkehrt.
In der Küche legt der Hausmann letzte Hand an die Pizza. Wir hatten lange keine. Gestern saß ich in den letzten Sonnenstrahlen mit meinem Krimi im Vorgarten, während er Wurzeln ausgrub, Kompost und Rasensamen verteilte. Seit diesem Lockdown, oder wie immer man diesen Zustand nun nennen will, fummeln wir häufig im Garten herum. Nicht immer gleichzeitig, aber es ist auffällig, dass. Trotzdem hat keiner ein schlechtes Gewissen, wenn er faul ist. So soll es sein.
Mai Keine Nachrichten von der Thailänderin. Wir wissen nicht, wann sie wieder in Berlin sein wird. Die Taiwanesin, die vorübergehend in ihrem Zimmer wohnt, hat gestern Abend für alle One-Cup-Chicken gekocht. Eine schöne neue Angewohnheit, dieses gemeinsame Essen an einem Tag am Wochenende. Nächste Woche will sie dem Bulgaren zeigen, wie man Sushi macht. Interessant fand ich, was für den einen oder die andere typisch deutsch ist: Bier. Wurst. Arbeit. Hey – ein Klischee. Und was wäre typisch taiwanesisch? Essen. Essen. Essen. Gelächter.
Datteln sind auf alle Fälle typisch für den Irak. Beim Bulgaren sind wir nicht weitergekommen. Ich glaube, das war der Moment, als sich der Hausmann an eine Szene aus einem Zombie-Film erinnerte. Diese Vorliebe teilt er mit dem Bulgaren. Irgendwie ging es um Zombie-Gehirne, die beim Verzehr wie eine Droge wirken. Gott sei Dank hatte ich da schon fertig gegessen.
Mai Unsere jungen Männer scheinen sich keine Sorgen mehr um Corona zu machen, wenn ich mir die Besucherzahlen ansehe. Ich mache mir eigentlich auch keine, habe mich bisher aber an die Regeln gehalten. Murrend zwar, gelegentlich an der Sinnhaftigkeit zweifelnd – ich glaube aber nicht, dass die Erde eine Scheibe ist oder Echsen in der Hohlerde leben –, aber ich habe es eben gemacht. Basta.
Und dann kommt der Iraker hier mit fünf Leuten an. Vielleicht war meine Beschwerde heute Nachmittag auch deshalb etwas emotionaler, weil ich schlecht geschlafen habe. Außerdem fallen mir gerade die Haare in Büscheln aus. Das beunruhigt mich. Ich mag meine Haare. Soll ich für eine Perücke sparen? Bunte Kopftücher kaufen?
Juni Morgens im Garten. Tauben gurren. Überall liegt Moos. Falsch herum. Das machen die Vögel, die nach Käfern suchen: Sie werfen das Moos in die Luft, dann bleibt es irgendwo liegen. Herr Amsel überlegt, ob er ein Bad nehmen soll. Er entscheidet sich dagegen. Nebenan fährt der Mähroboter seine einsamen Kreise. Ich werde immer ein wenig melancholisch, wenn ich das sehe. Dann wünsche ich ihm einen Freund.
Der Hausmann schaut um die Ecke, noch nicht ganz wach. Ob ich Kaffee möchte. Ich möchte. Dann ziehe ich meinen Stuhl ein wenig weiter in den Schatten.
Juni Die Tasche muss noch gepackt, das Buch noch zur Freundin gebracht werden. Im Kühlschrank steht bereits der Kuchen, den der Bulgare für heute Abend vorbereitet hat. Es gibt Suppe, Salat, eine Hauptspeise, Kuchen, Wein. Alles typisch bulgarisch.
Schon wieder ein Abschied. Ich werde seinen Humor vermissen, seinen Charme. Nicht die Telefonate. Man hört ihn, lange bevor man ihn sieht. Auch unsere hintere Nachbarin hört ihn, wie sie gestern dezent bemerkte. Keine Kritik, ich solle das bitte nicht missverstehen. Sie war an unserem Grundstück vorbeigegangen, kurz stehen geblieben: Wie geht es Ihnen? Gut, und selbst?
Ich sitze am frühen Abend oft im Vorgarten, genieße die Sonne, lese oder schreibe manchmal. Es gefällt mir, wenn sich spontan ein Austausch mit Vorübergehenden ergibt oder wenn sich jemand – wie gestern – sogar eine Weile zu mir setzt.
Der Mann der Nachbarin ist letztes Jahr gestorben. Wir redeten über die Toten, die uns fehlen. Sie war 2015 hier bei uns, als wir den Offenen Garten veranstaltet haben. Damals lebte Anidana noch. Er hatte ein musikalisches Programm mit Texten von Ringelnatz vorbereitet, der halbe Holländer zeigte seine Bilder, ich las aus einem Manuskript.
Das Teilen unserer Erinnerungen führte zu einer entspannten Nähe. Fast hätte ich gesagt: Kommen Sie doch morgen wieder. Aber wer weiß – vielleicht ergibt sich zufällig etwas.
Juni – Hiddensee Von unserem Badfenster aus haben wir Bäckerblick. Da kann man sich anstellen, wenn die Schlange kürzer ist. Es dürfen immer nur zwei Menschen im Laden sein, alle achten auf den Sicherheitsabstand.
Die schwarze Katze mit dem weißen Latz hat sich mitten im Eingang auf den Rücken gelegt. Hinter mir steht der Notarzt, der sich doch bestimmt vordrängeln könnte, aber das macht er nicht. Ist auch gar nicht nötig: Der Bäcker kommt persönlich nach draußen und überreicht die Tüten. Nee, nee, bezahlt werden kann später. Er verscheucht die Katze, die keine zehn Sekunden später wieder da ist. Drinnen riecht es so, wie ich es von früher aus Bäckereien in Ost-Berlin kenne.
Im und vor unserem Haus wird mit Hochdruck gearbeitet, morgen soll die kleine Galerie eröffnet werden. Schmuck und Kleidung und Gedöns. Wir stören immer mal wieder, wenn wir uns mit Kaffeetassen und Eis von der Manufaktur nebenan oder mit gut gefüllten Tellern fürs Abendessen an den Arbeitenden vorbei in den Garten zu unserem lauschigen Sitzplatz schlängeln.
Es ist sonnig, aber es weht ein kräftiger Wind. Wir binden uns Tücher um die Haare, damit sie uns nicht ständig ins Gesicht wehen. Den Mann vom Bus und vom Schiff, der aussieht wie Christoph Maria Herbst, haben wir auch am Strand getroffen. Natürlich hat er uns wieder keines Blickes gewürdigt.
Juni – Hiddensee Die Freundin macht einen kleinen Bummel durch den Ort. Das Wetter war gestern viel besser, als sie es prognostiziert hatten. Immer noch windig, aber warm. Nach einem Gang über den Hochuferweg haben wir am Meer gepicknickt, da war es uns schon fast zu heiß. Ins Wasser wollten wir trotzdem nicht, wir hätten durch stinkende Algen waten müssen, und steinig ist der Einstieg dort auch. Wir haben das Schwimmen auf einen der nächsten Tage verschoben, wenn wir mit dem Rad nach Vitte oder Neuendorf fahren.
Ich habe mir ein geringeltes Irgendwas gekauft, das ich mir bei Wind wie ein Stirnband um die Haare wickeln kann. Meinem Gefühl nach sind wir seit Samstagmorgen im Gespräch. Das heißt nicht, dass wir ständig reden – manchmal schweigen wir auch sehr schön. Wenn wir den Sonnenuntergang am Meer bestaunen oder von den Hügeln in Kloster auf die Insel schauen, die wie hingestreckt vor uns liegt. Oder wenn wir abends, gar nicht so spät, erschöpft von einem prallen Inseltag nebeneinander auf dem Sofa sitzen.
Aber sonst reden wir. Darüber, was für uns ein gutes Gespräch ausmacht, wann wir uns lebendig fühlen, ob Kreativität eine Partnerschaft ersetzt, wie einfaches Schreiben funktioniert. Es ist, als würde sich ein Thema ganz logisch aus dem anderen ergeben.
Und jetzt noch einen Kaffee, der mich vielleicht etwas wacher macht. Angeblich ist die gute Inselluft für meine Müdigkeit verantwortlich.
Juni – Hiddensee Das Meer liegt vor uns wie der zarteste Stoff, den man sich vorstellen kann. Leicht gewellt nur, in einem hellen Blau mit dunkler gehaltenen Falten. Seide oder Chiffon, nicht von dieser Welt auf alle Fälle.
Wir haben zum Mondscheintarif einen Strandkorb gemietet, in dem es so warm ist, dass wir erwägen, uns auf den Sand zu legen. Der kleine Junge neben uns ist ganz entzückend.
„Großmama, der Angler ist sehr klug, er hat seine Rolle an einem Stein festgemacht.“
„Großpapa, das ist eine Katze da vorne. Oder was auch immer.“ Was auch immer ist ein Fuchs, den es zum Sonnenuntergang ebenfalls an den Strand gezogen hat.
Wir haben auch eine Flasche Piccolo-Sekt dabei. Wir trinken auf dieses wunderbare Sommerwetter, mit dem wir so gar nicht gerechnet haben, auf unsere Freundschaft, auf die Kreativität. Ein paar Minuten später kommt die Nachricht, dass in Berlin ein Kind geboren wurde. Auch Fotos gibt es. Die Freundin ist so aus dem Häuschen, dass sie mich fast beißt. Sie lacht und weint gleichzeitig. So zart der Großneffe, so tiefgründig und verletzlich der Blick aus seinen dunklen Augen. Auch nicht von dieser Welt.
Juni – Hiddensee Der junge Mann vom Fahrradverleih in Kloster findet, eine Gangschaltung sei dazu da, dass man sie auch benutzt. Ich hatte von meiner Angewohnheit erzählt, selten oder gar nicht zu schalten. Was den neben mir fahrenden Männern – Frauen achten da nicht drauf – in der Vergangenheit natürlich aufgefallen ist. Angeblich sei dieses Nicht-Schalten typisch für Frauen.
Jetzt schalte ich. Und ich muss sagen: Es ist großartig. Wie leicht sich so ein Hügel erklimmen lässt. Allerdings muss man aufpassen, viele Gäste hier sind per Velo unterwegs.
Meine Lieblingsstrecke ist der Boddenweg zwischen Kloster und Vitte. Da zirpt und trällert es rechts und links in den Wiesen, an den Hängen blüht immer noch der Mohn, ein leichter Wind weht einem den Hut vom Kopf, und in der Ferne glänzen die Masten der Segelboote.
Juni – Hiddensee Das Wetter benimmt sich, wie es sich für einen letzten Tag geziemt, damit die Abreise nicht so schwerfällt. Es ist nicht zu warm, der Himmel ist verhangen, ab und zu fallen ein paar Tropfen. Wir haben noch einmal bei unserem Bäcker Kuchen gekauft und im Garten kaffeetisiert. Die Möwe auf dem Dachfirst gegenüber richtet ihr Gefieder. Jetzt stimmt es.
Gestern sind wir bei schönstem Sonnenschein über Vitte nach Neuendorf gefahren. Auf dem schmalen Boddenradweg herrschte ein enormer Verkehr, ganz so, als wollten alle Vitter nach Kloster und umgekehrt. In Neuendorf mietet man sich ein, wenn man seine Ruhe haben will. Das hat sich in den vierzig Jahren, die ich die Insel nun kenne und besuche, nicht verändert. Nach einer Stunde am Strand zogen Wolken auf, und die ersten Tropfen fielen. Mehr als ein paar Tropfen wurden es dann aber nicht.
Auf dem Rückweg habe ich bei der Schneiderin, die wir vor ein paar Tagen entdeckt hatten, das Kleid abgeholt, das sie für mich genäht hat. Es ist immer noch etwas eng, aber so what. Vielleicht mache ich eine Diät. Was allerdings sehr unwahrscheinlich ist. Ich werde wohl eher zu meinen Rundungen stehen.
Heute sind wir über den Enddorn zum Dornbuschkliff gefahren. Das Meer war glatt, kleine Wellen brachen sich am Steinstrand. Es roch kräftig nach Tang und Verfaultem. Ich habe helles Holz gesammelt, vielleicht wird ein Mobile daraus. Immer wieder sagen wir uns gegenseitig das Gedicht von Erich Fried auf, das wir hier beide gelernt haben: Am Meer soll man aufhören zu sollen und nichts mehr wollen wollen. Eigentlich.
Aber ich will heute noch einmal in Vitte mit nackten Füßen am Strand spazieren, später nach den Rehen Ausschau halten, die sich jeden Abend auf der Boddenwiese einfinden, und zu guter Letzt ein Glas Wein trinken. Auf diese schöne Woche und die Zeit, die wir hier miteinander hatten.
Juni Morgens kurz nach sieben war ich beim Bäcker die Letzte in der Schlange. Da regnete es noch nicht. Dafür später umso mehr. Wie beneidete ich doch die Freundin um Regenhose und Regenjacke. In Schaprode haben wir mit ein paar anderen Unterschlupf in der kleinen offenen Kirche am Hafen gefunden. Es war kalt und zugig, aber immerhin trocken. Auf dem kurzen Stück zur öffentlichen Toilette bin ich dann trotzdem klatschnass geworden. In Bergen mussten wir auch draußen warten, hatten dort aber ein Dach über dem Kopf.
Der Zug nach Berlin war wieder so leer und überaus pünktlich. Wir waren früher da als geplant. Ist das jetzt die neue Taktik der DB?
Der Hausmann hatte bei den Schwestern eine Pizza vorbereitet, wieder einmal sehr gelungen. Dazu gab es Salat, Crémant und Inselberichte, und dann war ich auch schon wieder zu Hause. Dort, wo die Dreimaster und die Vexiernelken blühen, wo die Tomatenpflanzen ordentlich in Höhe und Breite geschossen sind.
Für einen Monat ist jetzt der Freund der Taiwanesin bei uns, ein sympathischer Franzose. Auch die Spanierin wird ab August wieder in Berlin sein. Der Job im Nationalpark ist so blöd, dass sie lieber wieder in Berlin in der Altenpflege arbeiten will. Hoffentlich die richtige Entscheidung.
Juni Die Glocken läuten. Bei der Nachbarin wird gemäht, auf der Straße gehäckselt. Die Katze läuft herum, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Diese Canaille. Das Paar ist mit den Rädern unterwegs. Allerdings weiß ich gar nicht, ob sie heute Paar oder just friends sind. Heute hü, morgen hot. Vorgestern wollten sie Freunde sein, so wie der Hausmann und ich, die als ideales Freundespaar erkannt wurden, denen nachgeeifert werden sollte.
Wir haben gleich darüber spekuliert, ob man demnächst wohl einen Film über uns macht. Später werden wir in Talkshows eingeladen. Die Moderatorin schaut uns neugierig an. Verraten Sie uns doch bitte das Geheimnis Ihrer Freundschaft. No sex, sagen wir dann im Duett und lächeln in uns hinein.
Heute gab es eine Abweichung von meiner üblichen Morgenroutine. Ich bin mit dem Hausmann an den See gefahren, wo wir gestern Abend schon einmal waren. Da dachte ich noch, so müsse es am Eingang zur Vorhölle aussehen. Heute Morgen war es schön. Der See ausgeruht, das Wasser erfrischend. Ein Geschenk, das ich viel zu selten nutze. Und jetzt warten im Büro mal wieder Zahlen und Rechnungen auf mich.
Juni Letztes Jahr versagten plötzlich diverse elektrische Geräte, nach einem Jahr Ruhe tut es ganz unverhofft der Bluetooth-Lautsprecher wieder. Eine Freude für mich, für meine Mitbewohner weniger, denn erst einmal höre ich so laut es geht. Und singe natürlich mit. Your heart is as black as night. Für den Küchendienst ist das gut. Ich putze auch die ungeliebten Stellen.
Das Paar ist auch heute noch ein Paar. Da drücke ich mal die Daumen, dass es bis morgen so bleibt. Der Hausmann hat mir ein Ticket fürs Strandbad gekauft. Wäre ich nur nicht so faul. Erst ist es mir zu kalt, dann bin ich überzeugt, dass es mir in der Sonne viel zu warm sein wird. Aber weil er das so entspannt und kommentarlos hinnimmt, fahre ich dann doch mit.
Die Wellen rauschen und klatschen gegen den Strand, der Sand ist warm und weich, ein frischer Wind weht, es riecht nach Tang. Und plötzlich bin ich so froh. Das ist hier ja fast wie an einem richtigen Meer.
Davon will ich mehr.
Am besten gleich morgen.
Oder übermorgen.
„… All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.“
Der Android Roy Beatty (Rutger Hauer) in „Blade Runner“.
Ich bin ja vielleicht aus diesem Grunde eine „Momente-Festhalterin“ und „Erinnerungs-Sammlerin“. Danke. Schönes Zitat.