Der 5. Dezember 1977 ist ein kalter Tag. Ich habe seit zwei Tagen Wehen, jedenfalls glaube ich das als Erstgebärende. Immer wieder ziehen Schmerzen durch meinen Bauch, verschwinden wieder, kommen wieder. Weil ich mich nicht so anstellen wollte – vielleicht ist ja gar nichts –, habe ich das Wochenende abgewartet. Doch jetzt ist Montag, ich gehe zu meiner Frauenärztin.
Sie schaut mich mit einem „ach, diese jungen Dinger“-Blick an und stellt dann zu ihrer eigenen Überraschung fest, dass der Muttermund bereits geöffnet ist. Ich soll sofort ins Krankenhaus. Von einer Telefonzelle rufe ich meinen Freund an, dann fahre ich ins Oskar-Ziethen-Krankenhaus.
Als erstes werde ich rasiert, nicht sonderlich sanft, offensichtlich komme ich ungelegen. Dann bringt mich eine Schwester in einen großen Raum, in dem mit Hilfe von weißen Tüchern mehrere Kabinen abgeteilt sind. In jeder liegt eine Frau. Ich kann sie nicht sehen, nur hören. Die Atmosphäre ist so frostig wie die Temperaturen draußen. In der Kabine neben mir stöhnt eine Frau, das Stöhnen wird lauter, irgendwann schreit sie kurz. Die Hebamme ist verärgert: „Jetzt stellen Sie sich nicht so an. Reingekommen ist es ja auch.“
Ich schäme mich. Ich weiß nicht, ob für diese unsensible Person oder für die Frau, die sich vor Schmerz nicht zurückhalten kann. Ich nehme mir vor, keinen Ton von mir zu geben. Das scheint anfangs nicht schwer. Alle paar Minuten kommen Schmerzen, aber sie sind auszuhalten.
Dann schließen sie mich an einen Wehentropf an. Die Geburt dauert angeblich zu lange. Der Tropf sorgt für ein zügiges Geschehen, aber für mich bedeutet er Dauerschmerzen, ohne Pause zwischen den Wehen. Stunde um Stunde liege ich in diesem Bett mit den Gittern an der Seite, an die ich mich klammere. Ich fühle mich allein und verzweifelt wie nie zuvor. Während meine Knöchel vor Anstrengung weiß werden, flüstere ich mir zu, dass ich so etwas nie wieder erleben werde. Nie wieder.
Ab und zu schaut die Hebamme in meinen Verschlag. „Ach nee, ist noch nicht so weit.“ Dann liege ich wieder allein mit den Schmerzen, die mich zu zerreißen scheinen. Trotzdem bleibe ich stumm. Am Ende drücken mehrere Menschen auf meinen Bauch herum. Sie sind wütend, weil ich angeblich falsch atme, mir keine Mühe gebe, ein dummes junges Ding bin. Mir ist alles egal, ich will nur, dass es vorbei ist. Dann eine letzte Anstrengung. Ich habe es geschafft. Ein Junge. Sie zeigen ihn mir kurz, versichern mir, dass er gesund ist. Dann nehmen sie ihn mit.
Erschöpft, mit zerrissenem Damm, werde ich in einen anderen Raum geschoben. Nach einer Weile bringen sie meinen Sohn. Sie legen ihn, angezogen und in ein helles Tuch gewickelt, zwei Meter entfernt auf einen Wickeltisch. Ich habe die Schmerzen nicht vergessen, aber als ich ihn dort sehe, wie er seine winzigen Hände bewegt, die noch unkoordiniert zucken, und sein zartes Gesicht im Profil erahne, erfüllt mich ein Gefühl, das jedes Wort sprengt. Eine Liebe, wie ich sie nie zuvor für irgendein Wesen empfunden habe. Anders als die Liebe, die ich für seinen Vater empfinde.
Jetzt, in diesem Moment, ist alles gut. Ich weiß, dass dies die kostbarsten Minuten meines Lebens sind. Kostbar und schwer zu beschreiben, weil „Liebe“ ein viel zu kleines Wort ist für das überfließende Gefühl, das mich durchströmt und so leicht macht, dass ich mich nicht wundern würde, wenn ich gleich schweben würde.