Erster Schwarm

Gerd ist ein Jahr älter als ich. Im Sommer kommt er an den Wochenenden mit seinen Eltern in die Nachbarkolonie. Ihre Laube liegt ein paar Hundert Meter von unserer entfernt, aber die Familien kennen sich nicht. Meine Großeltern bewegen sich kaum mehr als ein paar Schritte von der eigenen Laube weg; ihre weitesten Wege führen zur Telefonzelle oder zum Konsum.

Wenn ich Gerd zufällig treffe – wir fahren beide mit den Rädern umher, wie alle Kinder und Jugendlichen – reden wir ein paar Worte, bevor jeder wieder weiterfährt. Danach habe ich gute Laune.

Dann kommt der große Tag: Wir haben eine richtige Verabredung. Für mich ist es die erste dieser Art.

Wir laufen die Dr.-Dorsch-Allee entlang, die natürlich keine Allee ist, sondern ein etwas breiterer Sandweg. Links liegen die Rieselfelder– der Grund, weshalb mein Stiefvater meine Mutter und mich gern „derer von Rieselfeld“ nennt. Mit Gerd gehe ich in die andere Richtung, vorbei an Getreidefeldern, an deren Rand ich im Sommer Mohn und Kornblumen pflücke und manchmal Sträuße binde.

Nach einem halben Kilometer stehen wir vor einem geheimnisvollen Berg dunkler Steinbrocken, die wie hingekippt in der Landschaft liegen. Ein gesprengter Bunker. Ich weiß, dass im Krieg Menschen dort Schutz gesucht haben. Was Krieg wirklich bedeutet, verstehe ich nicht, aber eine Ahnung begleitet mich seit frühen Kindertagen – aus den Gesprächen der Erwachsenen, aus Bildern, die sich festgesetzt haben. Meine Großmutter meinte nur, der Weg zum Bunker sei ihr damals zu weit gewesen, und so sicher sei ein Bunker auch nicht gewesen.

Ein Stück weiter liegt unser Ziel: eine Litfaßsäule mitten im Nichts. Bis heute staune ich darüber, denn um sie herum gibt es nichts außer Feldern und einem schmalen Weg nach Blankenfelde. Warum eine Litfaßsäule ausgerechnet dort steht, weiß ich nicht.

An diesem kühlen Sommernachmittag sitzen wir nebeneinander, die Rücken an die Säule gelehnt. Wir reden oder schweigen. Und dann passiert es: Er küsst mich auf den Mund. Es ist so schön, dass ich fürchte, vor Freude oder Schreck in Ohnmacht zu fallen. Natürlich bin ich vorher nie in Ohnmacht gefallen, aber in den Büchern meiner Mutter – Trotzkopf, Nesthäkchen, ich habe alles gelesen – passiert Frauen so etwas.

Ein Radfahrer fährt an uns vorbei. Das ist ungewöhnlich. Beim zweiten Kuss kommt wieder einer. Gerd sagt: „Hier ist ja ein Verkehr wie am Kudamm.“ Ich lache. Ich kenne den Kudamm nur vom Hören – eine noble Straße in West-Berlin, auf der sich in meiner Fantasie die Reichen und Schönen treffen. Er hätte auch St. Tropez sagen können.

Eine oder zwei Stunden später stehe ich im Garten über die schmale Bank neben der Wasserpumpe gebeugt und schrubbe meine Jeans mit einer Bürste voller Waschseife, damit sie älter aussieht. Neue Jeans finden wir blöd. Mein West-Vater zahlt zwar keinen Unterhalt – daran werde ich regelmäßig erinnert –, aber alle paar Jahre bekomme ich von ihm eine neue Levi’s. Dieselbe Marke, die er auch trägt.

Ich schrubbe also meine Jeans, als meine Freundin Marina angeschlendert kommt. Die Sommer verbringt sie mit ihren Eltern in der Kolonie, deswegen sind wir hauptsächlich Sommerfreundinnen. Nach ein paar Minuten frage ich sie in einem Nebensatz, ob man vom Küssen Kinder bekommt.

Das scheint sie zu amüsieren. Ich glaube, sie weiß mehr als ich, aber wie viel mehr, bleibt ihr Geheimnis. Jedenfalls weiß sie – und da ist sie sich absolut sicher –, dass man vom Küssen nicht schwanger wird.

Wir reden nicht weiter darüber. Aber ich bin froh, dass sie recht hat.


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