Sie denkt darüber nach, ob es sich bei dieser Behauptung um eine wahre Aussage handeln könnte oder ob es nur eine jener Weisheiten ist, die ihre Großmutter einst liebte. Kennt sie Menschen, die viel Geld haben? Oder sind sie alle dieselben armen Schlucker wie sie selbst?
Der Gedanke darf nicht weitergedacht werden. Wer ist hier ein armer Schlucker?
Sie zählt sich laut – zum wievielten Mal an diesem Abend – alles auf, was sie in den Augen anderer Menschen reich machen könnte. Sie hat einen wunderbaren Partner. Er ist kreativ, spielt mit Kindern Theater, schreibt sein zweites Buch – neben dem zweiten sogar ein drittes –, er kocht, bäckt, bügelt besser als sie, macht das leckerste Pflaumenmus, seine Brote sind das reinste Manna. Er putzt. Er liebt sie. Das ist schon eine Menge.
Sie selbst? Macht einen Job, der sie zwar nicht beglückt, der aber etwas Geld bringt. Sie ist kreativ. Schreibt. Liest ständig Bücher. Hat viele davon. Wenn sie auf ihrem weißen Sofa sitzt, kann sie die Wolken über dem Hof beobachten. Sie leben in einer geräumigen Wohnung und haben genug Essen im Kühlschrank, um die nächsten Tage zu überstehen. Sie haben Freunde. Menschen, die wie sie selbst mit Kultur beschäftigt sind, die gern essen, diskutieren, die sich gegenseitig helfen, wenn Hilfe gebraucht wird.
Wenn das keine Punkte auf der Habenseite sind.
Familie. Sie hat die Familie vergessen. Den Sohn, der wohl gewachsen, aber etwas lebensuntüchtig ist. Egal. Er ist ein Pluspunkt. Ein Punkt auf der Habenseite. So viele Punkte. Dicke Punkte. Beneidenswert.
Krank ist sie doch auch nicht, oder? Rückenschmerzen haben viele Menschen. Eine Gastritis erwischt jeden mal. Bei manchen dauert es länger.
Und doch: Sie kann sich selbst nicht als reich betrachten. Jetzt sowieso nicht, wo die Bombe geplatzt ist. Die Geldkarten gesperrt, das Konto so weit überzogen, dass demnächst die Bank vor der Tür stehen wird, um den sofortigen Ausgleich der Konten zu fordern.
Ich habe gesündigt, Vater, sagt sie erst leise, dann laut.
Die große Gemeinheit besteht darin, dass sie sich in keinen Beichtstuhl setzen und von ihren Missetaten erlösen lassen kann. Sie glaubt nicht an Erlösung.
(2006)