Das Laufen hat mir gutgetan. Ich glaube, das war mein erster Spaziergang hier. Ich kann nachvollziehen, warum dieser Ort eine solche Anziehungskraft auf Stadtmenschen hat. Hier gibt es Weite. Einen großen Himmel. Wind. Vogelgeräusche. Das hat etwas.
Und doch: Ich möchte nicht tauschen. Muss ich ja auch nicht. Wenn ich an die Wiesen und Felder, an die Deiche, den gigantischen Sternenhimmel bei mir zu Hause denke – überhaupt an diese vielen unterschiedlichen Himmel, an Wildgans und Kranich –, werde ich innerlich ganz weich. Dann möchte ich weinen. Vielleicht liegt das auch an der Anspannung, die von mir abgefallen ist.
Der Zahnarztbesuch gestern hatte mich schlecht schlafen lassen, der Vormittag war unruhig und angespannt. Das lange Warten später hat meinen Zustand nicht verbessert. Erheitert hat mich ein Mitwartender: Die Wärme ließ ihn immer wieder einschlafen und sofort laut schnarchen. Das war komisch, fast tröstlich.
Und dann war es ganz einfach. Der abgebrochene Zahn wurde nicht gezogen. Uff. Das machen wir – macht der Chirurg – alles auf einmal. Oder in zwei Etappen. In ein paar Wochen werden alle noch verbliebenen Zähne gezogen. Oben und unten. Das war es dann. Eine lebenslange schwierige Beziehung. Ich trage es euch nicht nach. Ihr habt getan, was Zähne tun, wenn ihnen nichts anderes übrigbleibt. Ihr könnt nichts dafür. Ich auch nicht.
Wer sich intensiver mit PTBS beschäftigt hat – oder selbst betroffen ist –, weiß, dass schlechte Zähne mit einem dauerhaft aktivierten Stresssystem zusammenhängen können. Der Cortisolspiegel ist erhöht, die Regeneration von Gewebe gestört, der Calcium- und Mineralstoffhaushalt verändert. Bruxismus, Kieferdruck, nächtliches Pressen führen zu Mikrorissen, beschleunigtem Abrieb, Zahnlockerung. Parodontale Prozesse laufen aggressiver. Und dann verstärkt die Zahnmedizin das Trauma oft noch, statt es zu lindern.
Am Ende – und das ist das eigentlich Perverse – schämt sich die Patientin auch noch, weil sie angeblich nicht alles Mögliche getan hat. Es hat mich gestern einiges an Kraft gekostet, mich von dieser Schuld freizusprechen. Und jetzt weine ich tatsächlich.
… und einen Blick auf die Stadt, der an eine Redoute erinnert.
Westliche sogenannte Unterhaltungsliteratur galt als dekadent. Deswegen wurde auch sie nicht verlegt. Aber es gab immer Wege…auch zu Grass, Böll usw. Wenn man jemanden kannte, der jemanden kannte.