Annas Angst – Prolog

Aufmerksam betrachte ich mich im Spiegel. Die Jahre sind nicht spurlos an mir vorübergegangen. Und obwohl es tief in mir eine Ebene gibt, auf der ich mich noch immer so fühle wie mit fünf, fünfzehn oder fünfundzwanzig, erkenne ich das junge Mädchen von einst in meinem Gesicht nur noch mit Mühe. Mein ehemals schwarzes Haar ist von weißen Strähnen durchzogen. Kleine Fältchen eskortieren die braunen Augen – ein ausgeblichenes Braun, als hätte ein Fluss die Farbe ausgespült.

Die Augen verraten das wahre Alter eines Menschen. Sie verlieren ihren Glanz, und das Weiße bekommt einen schmutzigen Ton.

Ich beuge mich über das kleine Waschbecken und streiche mir die Haare aus dem Gesicht. Die Falten auf der Stirn sind tiefer geworden, die Poren größer. Wieder richte ich mich auf und lächle der Frau im Spiegel aufmunternd zu, bevor ich den teuren Lippenstift auftrage, den ich mir zum Trost am Flughafen gekauft habe. Die Farbe würde Simon gefallen. Mit euren roten Lippen lockt ihr die Männer an. Und aus demselben schönen roten Mund kommen auch die Worte, mit denen ihr uns in die Wüste schickt. Solche Sachen sagte er.

Ich lasse meinen Kopf gegen den Spiegel sinken und beginne laut und hemmungslos wie ein Kind zu weinen. Simon ist tot. Jetzt bin ich endgültig eine Waise. Eine fünfzigjährige Waise.

An der Tür klopft es. „Madame, ist bei Ihnen alles in Ordnung?“ Was für eine Frage. Würde ich weinen, wenn alles in Ordnung wäre? Außer einem Schniefen bekomme ich keinen Ton heraus. Hektisch durchwühle ich meinen Rucksack nach einem Taschentuch – vergeblich. Ich hole tief Luft, reiße die Tür auf und blicke direkt in die fragenden Augen einer Stewardess. „Haben Sie ein Taschentuch?“

Stewardessen haben nicht nur angenehme Stimmen, sie können auch Taschentücher auftauchen lassen.

„Ich bin auf dem Weg zur Beerdigung meines Vaters.“ Der Tod scheint eine plausible Erklärung für meine Tränen zu liefern. Jedenfalls genügt dieser Satz, um den Gesichtsausdruck der jungen Frau von distanzierter Höflichkeit zu so etwas wie Anteilnahme werden zu lassen. Sie drückt sogar kurz meine Hand. „Das tut mir leid. Er saß doch nicht etwa in dem Bus?“

Erst vorgestern hat sich ein junger Palästinenser, der als orthodoxer Jude verkleidet war, in einem Bus mitten in Jerusalem in die Luft gesprengt. Sechzehn Israelis kamen ums Leben, mehr als hundert wurden verletzt.

Ich schüttle den Kopf. „Er ist an Lungenkrebs gestorben. Jeden Tag eine Packung Zigaretten. Zu besonderen Anlässen Zigarren. Er konnte einfach nicht damit aufhören.“

Dann lehne ich nur noch dankend ab, als die Stewardess fragt, ob sie etwas für mich tun könne. Lungenkrebs erübrigt weitere Nachfragen. An einer Krankheit zu sterben wirkt noch immer normaler, als Opfer eines Selbstmordattentäters zu werden – oder, in anderen Zeiten, in einem Lager zu enden, wo Menschen erschossen, vergast oder zu Tode gequält wurden.

Simon hat sich all die Jahre dieselben Fragen gestellt: Warum ausgerechnet er überlebt hat. Warum seine Eltern ihn weggeschickt haben und selbst umgekommen sind. Aber er sagte auch, dass es Fragen gebe, auf die man keine Antworten fände. Mit manchen Fragen müsse man ein Leben verbringen.

Meine junge Sitznachbarin hat mir bereitwillig den Fensterplatz überlassen. Sie leidet unter Flugangst, wie sie mir mit einem um Verständnis bittenden Blick gestand. Jetzt versucht sie, mich möglichst unauffällig zu mustern. Meine verweinten Augen müssen sie neugierig machen. Ich möchte mich nicht unterhalten.

Auch wenn ich keine Angst mehr habe, werde ich wohl nie eine begeisterte Fliegerin. Die Momente sind selten, in denen ich es genieße, am Fenster zu sitzen und die Landschaft unter mir zu betrachten. Wenn der Blick von oben nicht nur die Welt, sondern auch meine Probleme auf eine angemessene Größe schrumpfen lässt. Meist wünsche ich mir, der Flug möge schnell und ohne Turbulenzen vorübergehen.

Heute ist das anders. Ich möchte den Augenblick hinauszögern, in dem ich endgültig Abschied nehmen muss.

Mehr als eine halbe Stunde Verspätung werden wir heute wohl nicht haben. Simon war immer verblüfft, wenn ich ohne Uhr wusste, wie spät es ist. Es hielt ihn nicht davon ab, mir vor zwei Jahren zu meinem Geburtstag eine schlichte goldene Uhr zu schicken. Er hatte eine Karte beigelegt:

Liebe Anna! Diese Uhr gehörte meiner Mutter. Sie gab sie deiner Großmutter an dem Tag, als meine Eltern in ihr neues Versteck gebracht wurden. Eigentlich wollte ich Miri die Uhr zur Hochzeit schenken. Aber wer weiß, wann das sein wird. Außerdem glaube ich, dass du sie besser gebrauchen kannst. Sie soll dich an deine beiden Großmütter erinnern, an ihren Mut und ihre Kraft. Von Herzen, Simon.

Miri möchte niemals heiraten. Das hat sie mir erst vor kurzem erzählt. Allerdings hat sie dafür auch noch ein paar Jahre Zeit. Sie ist gerade mal siebzehn. Im Moment findet sie, Männer würden sich wie kleine Jungs benehmen und sich als Väter zu Diktatoren entwickeln. Am Abend vor diesem Gespräch hatte Ido sie am Arm aus einer Disco gezerrt. Sie hatte mich gefragt, ob dieses Gebaren typisch deutsch sei: So lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, kommst du nach Hause, wann ich es dir sage. Ich habe mir das Lachen nur mühsam verkneifen können.

Wer hätte das gedacht. Mein kleiner Bruder leidet unter derselben Angst wie Tausende anderer Väter. Sie fürchten, ein anderer Mann könnte sich ihrem Sonnenschein nähern und ihn ihnen wegnehmen.

Bei dem Gedanken an Ido muss ich lächeln. Von wegen kleiner Bruder. Ido ist 1,90 m groß, wiegt annähernd zwei Zentner und ist mit seinen fünfundvierzig Jahren ein eher stattlicher Herr. Und eigentlich ist er mein Halbbruder. Aber was spielt das für eine Rolle. Für mich ist er der Bruder, den ich mir als kleines Mädchen so sehr gewünscht habe.

Das eigene Leben mit seinen Verwicklungen und Irrtümern ist mir früher wie ein riesiges Puzzle vorgekommen. Ich selbst war lediglich ein winziges Teil in dem Ganzen. Irgendwann einmal, so dachte ich, würde ich alle Teile des Puzzles beisammenhaben. Die ergäben dann ein vollständiges Bild meines Lebens. Alle Menschen, alle Orte, alle Umstände – vor allem die, die ich nicht deuten, nicht verstehen konnte – würden sich eines Tages zu einem großen, und wie ich hoffte, wunderbaren Bild zusammenfügen. Dann würde ich mein Leben endlich verstehen und wissen, wer ich bin. Vielleicht würde ich mich dann sogar lieben können.

Anscheinend haben wir alle das seelische Grundbedürfnis, die Ereignisse, die uns im Laufe unseres Lebens widerfahren, in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Gewissenhaft tragen wir die einzelnen Bausteine zusammen, die zu unserer besonderen Geschichte gehören. Manchmal spüren wir instinktiv, dass unser Bild unvollständig ist. Mit etwas Glück werden einige Menschen Historiker, Kriminalisten oder Archäologen. In diesen Berufen wird man dafür bezahlt, fehlende Puzzleteile aufzuspüren. Andere suchen ihr Leben lang, ohne zu wissen, was sie treibt.

Wir fühlen uns hierhin und dorthin getrieben. Von einer Beziehung in die nächste, von einem sportlichen Kick zum anderen, von Guru zu Guru. Wir fangen die unterschiedlichsten Dinge an, begeistern uns für vieles, hören aber auch genauso schnell wieder auf. Wir wissen nur, dass wir immer weiter müssen und nicht bleiben können. Nicht in dieser Ausbildung, diesem Land, diesem Beruf, nicht bei diesem Mann oder dieser Frau. Etwas fehlt uns, wir wissen nicht, was es ist. Wenn wir das fehlende Teil vom Puzzle jedoch endlich gefunden haben, kann ein einziger Tag und ein winziger Ausschnitt dem großen Bild eine neue Färbung und Tiefe geben. Wir werden deswegen nicht über Nacht andere Menschen. Schon gar keine besseren. Uns wird ein Aufschub gewährt. Für einen Moment geben wir uns der Illusion hin, endlich entspannen zu können.

Ich instruiere meine Nachbarin, mich auf keinen Fall zu wecken, wenn Getränke oder zollfreie Waren angeboten werden, verstelle meinen Sitz, schließe die Augen und atme einige Minuten lang tief in den Bauch. Wenn sie glaubt, dass ich schlafe, wird sie mich nicht stören.

Während sich das Geräusch meiner Atemzüge mit dem der Motoren und dem Gewirr der Stimmen vermischt, wird mein Körper immer ruhiger und schwerer.

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