Annas Angst – Sonntag (1)

Schon die Begrüßung war ungewöhnlich kurz ausgefallen. Hans hatte schlechte Laune, das war nicht zu übersehen. In den letzten zwei Stunden ist sie auf keinen Fall besser geworden. „Ich weiß nicht, warum du ausgerechnet diese alte Kommode haben musst. Deine Eltern hatten doch angeblich ein komplettes Biedermeierzimmer. Was hast du damit gemacht? Und etwas Geld werden sie dir auch hinterlassen haben, damit könntest du dir etwas Neues kaufen, wenn du Biedermeier nicht magst. Aber nein, es muss unbedingt dieses klapprige Teil sein. Wo willst du sie überhaupt hinstellen?“

Er sieht empört in den Rückspiegel, um festzustellen, ob ich seine Fragen verstanden habe und bereit bin, ihm eine Erklärung zu liefern. Er wirkt älter und nicht gerade vorteilhaft, wenn er wütend ist. Dabei ist er trotz seiner sechzig Jahre immer noch ein attraktiver Mann – interessant für Frauen jeden Alters. Ich habe noch nicht herausgefunden, ob es an seinem kahlen Kopf, dem athletischen Körper – für dessen Erhalt er regelmäßig ins Fitnessstudio geht – oder an der tiefen Stimme liegt. Den meisten Frauen erscheint er männlich und begehrenswert. Sie wollen sich an seine breiten Schultern lehnen und von ihm beschützen lassen. Vielleicht ist es aber auch der Nimbus des Künstlers, der bei manchen wie ein Aphrodisiakum wirkt.

Der Künstler ist gerade wütend auf mich, aber zu stolz, die wirklichen Gründe dafür zu nennen. Ich kann sie mir denken. Ich habe Herbert mit der Auflösung des Nachlasses meiner Eltern beauftragt und Hans vorher nicht einmal eine Besichtigung gestattet. Als wir heute in die Wohnung kamen, standen dort nur noch die Kommode und ein paar Kisten mit Geschirr. Herbert hat in der kurzen Zeit gute Arbeit geleistet. Auf ihn kann ich mich verlassen.

Wir kennen uns seit zwanzig Jahren, sind in dieser Zeit Freunde geworden. Als ich Waldemars Laden übernommen habe, wurden wir sogar Nachbarn. Unsere Geschäfte liegen in derselben Straße, nur ein paar Schritte voneinander entfernt.

Aber Herbert ist nicht nur ein Liebhaber alter Möbel, er ist auch ein guter Mensch – und von seiner Sorte laufen in Berlin nicht viele herum. Natürlich hat er Fehler wie andere auch, aber mit seiner Zeit und seinem Geld geizt er Freunden gegenüber nicht. So verzichtet er darauf, mir für seine Arbeit zweitausend Mark in Rechnung zu stellen, wie es viele seiner Kollegen tun würden. Stattdessen hat er mir großzügig angeboten, den Betrag, den er für den Verkauf der kompletten Wohnungseinrichtung bekommen wird, am Ende mit mir zu teilen.

Doch an diesen Details ist Hans nicht interessiert. Er glaubt mir nicht, dass mir meine Eltern keinen Pfennig hinterlassen haben. Wäre er ihnen jemals begegnet – die drei hätten sich gut verstanden. Jeder hätte in mir die missratene Tochter gesehen. Und vielleicht recht gehabt.

Auch wenn Hans in vielen Punkten ein egoistischer Mensch ist, für seine Mutter tut er alles. Er ruft sie jeden Morgen nach dem Frühstück an, besucht sie regelmäßig zweimal in der Woche. Und wenn sie es wünscht, eilt er zu ihr, fährt sie zum Arzt, ins Konzert, zu ihren Freundinnen. Manchmal auch in die entlegensten Winkel der Stadt, wenn sie dort unbedingt ein neues Restaurant ausprobieren will, von dem sie in der Zeitung gelesen hat.

Ich dagegen habe meine Eltern nur ein paar Mal im Jahr gesehen, und ohne Streit ist so ein Treffen selten ausgegangen. Oft habe ich mich vorzeitig verabschiedet. Mich regten ihre ewig gleichen Vorwürfe auf. Sie waren der Meinung, ich hätte nicht genug aus meinem Leben gemacht. Männer könnten es mit mir nicht aushalten, beruflich hätte ich ebenfalls nichts vorzuweisen, nicht mal ein Kind habe ich zustande gebracht.

Hans ist der Ansicht, an diesen Auseinandersetzungen könne nur ich schuld sein. Schließlich würden alle Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen. Jetzt klopft er auf dem Lenkrad herum. „Redest du nicht mehr mit mir?“ Wenn er weiterhin in den Rückspiegel schaut, wird er von der Straße abkommen. Warum habe ich nicht jemand anderen gebeten, mir die Kommode zu transportieren. Vor lauter Ärger über mich selbst bekomme ich eine Hitzewallung. Außerdem hasse ich es, alles dreimal erklären zu müssen. Aber bitte, wenn es der Wahrheitsfindung dient.

„Es existiert kein Geld, das zu vererben wäre. Ich habe dir alles erzählt, was ich weiß. Mein Vater hatte Anfang der siebziger Jahre mit Häusern spekuliert und war damit nicht sehr erfolgreich. Die Details kenne ich nicht, weil ich zu dieser Zeit noch in Ost-Berlin lebte. Auf alle Fälle haben die beiden damals ihr ganzes Vermögen und das Haus in Dahlem verloren und mussten in diese Dreizimmerwohnung nach Charlottenburg ziehen. Von da ab durften sie offiziell kein Geld verdienen, da die Gläubiger sonst alles gepfändet hätten. Das ist normal, wenn man einen Offenbarungseid geleistet hat. Unter der Hand wird mein Vater bestimmt kleinere Projekte betreut haben. Der konnte doch gar nicht leben ohne Arbeit. Und sollte irgendwann doch einmal etwas Geld da gewesen sein, dann haben sie es ausgegeben. Wie hätten sie auch sonst nach Mallorca reisen und dort eine noble Hazienda mieten können?“ Auf der Fahrt dorthin sind die beiden verunglückt.

Gott sei Dank hatte mein Vater Auto und Hazienda vorab bezahlt. Und wenn ich schon dabei bin: Danke auch für die Versicherung, die meine korrekte Mutter Jahre zuvor abgeschlossen hatte und die am Ende für die Beerdigungskosten aufgekommen war. Diese Gedanken behalte ich allerdings für mich.

Doch ich habe mich in Rage geredet. „Und die Kommode möchte ich haben, weil sie schon meinen Großeltern gehört hat, und davor meinen Urgroßeltern. Das ist alles, was von ihrem Leben übriggeblieben ist.“

Die Vorstellung gefällt mir nicht. Da haben die Menschen ein langes und oft auch schweres Leben, sie ziehen Kinder groß, streiten und vertragen sich wieder, und alles, was von diesem Leben bleibt, sind neben verblassenden Erinnerungen ein paar Stücke Holz. Aber das wird Hans nicht verstehen. Mir fällt jedoch noch etwas anderes ein. „Diese Kommode hat mir meine Mutter abgeschwatzt, als ich aus Ost-Berlin kam. Dabei war sie zusammen mit einigen Bücherkisten alles, was ich mit in den Westen gebracht habe. Meine Mutter mochte nämlich nicht nur schöne alte Dinge, sie war auch raffgierig. Das hat schon meine Großmutter gewusst, die hat immer gesagt, Kind, deine Mutter ist eine vom Stamme Nimm.“

Kaum hole ich Luft, ergreift Hans die Chance. „Es tut dir nicht einmal leid, dass deine Eltern tot sind. Du meckerst immer noch an ihnen herum. Ich habe dich noch kein einziges Mal weinen sehen. Wie kannst du nur so herzlos sein?“

Das hat er gut beobachtet. Ich weiß selbst, dass ich mich nicht wie ein Mensch benehme, der erst vor ein paar Wochen seine Eltern verloren hat. Ich fühle keine Trauer, keinen Schmerz. Aber wie soll ich Hans das erklären, wenn ich es selbst nicht verstehe? Nicht einmal Lena habe ich beschreiben können, was in mir vorgeht. Anders als Hans erwartet sie das auch nicht von mir. Sie ist meine Therapeutin und wünscht sich nur eines: Ich soll mich selbst nicht verurteilen für das, was ich fühle. Oder auch nicht fühle.

Langsam werde ich wütend. „Ich bin herzlos? Meine Eltern sind in den Westen gegangen und haben mich als Achtjährige bei meiner Großmutter gelassen. Auch vorher haben sie sich nie um mich gekümmert. Ihre Arbeit, Freunde und Partys, das war ihnen wichtiger als ich.“

Hans will sich mit mir streiten. „Das ist doch alles Schnee von gestern. Du bist jetzt fünfundvierzig Jahre alt, da kannst du dich langsam von diesem Kinderkram verabschieden. Immerhin wollten sie dich später in den Westen holen. Das hast du mir selbst erzählt. Aber du bist lieber bei der Oma im Osten geblieben, da wurdest du verwöhnt und gehätschelt. Sie hat dir doch Zucker in den Arsch geblasen. Du willst immer nur deinen Dickschädel durchsetzen. Darum geht es.“

Fast fährt er auf das Auto vor uns. So aufgebracht ist er. „Mit deiner blöden Angst ist es das Gleiche. Wenn du endlich ernsthaft etwas dagegen unternehmen würdest, könntest du auch wieder Auto fahren. Dann müsste nicht ich am Sonntag deinen Sperrmüll durch Berlin transportieren, sondern könnte arbeiten.“

„Was erzählst du denn für einen Blödsinn? Ich kann sehr wohl selber Auto fahren. Und tu nicht so, als ob du mir dein Auto leihen würdest.“

Was er natürlich nicht tun würde. Deswegen spielt es auch keine Rolle, ob ich nun Auto fahre oder nicht. Er ärgert sich auch nicht, weil er mir hilft. Er ärgert sich, weil ich nicht in diese Klinik im Allgäu gehe, um mich in einem Schnelldurchgang von meinen Angstzuständen heilen zu lassen. Soll er sich doch selbst kurieren. Vielleicht ist seine Angst größer als meine. Er hat schließlich etwas zu verlieren. Eines Tages könnte er zu der Schar bedeutungsloser Schriftsteller gehören. Wo er doch so eine gute Meinung von sich hat. Hans Ihlenfeld. Dramaturg. Lyriker. Schriftsteller. Dessen neues Werk längst nicht so gelungen ist, wie er selber glaubt. Der Verlag hat es mit etlichen Anmerkungen zurückgeschickt. Sein letzter Lyrikband verkauft sich schlecht. Und warum? Weil da meiner Meinung nach vor allem mittelmäßige Gedichte drinstehen.

Das alles könnte ich sagen, stattdessen schweige ich. Hans mag keine Kritik, er reagiert darauf mit Wutausbrüchen. Es ist klug, für unangenehme Mitteilungen den richtigen Augenblick zu wählen. Wenn er gut gelaunt ist zum Beispiel, weil er irgendwo eine positive Rezension seiner Gedichte gefunden hat. Oder wenn ihn eine attraktive Frau unauffällig mustert. So etwas entgeht ihm nie. In solchen Momenten ist er durchaus charmant und großzügig. Sonst hätte ich mich nicht in ihn verlieben können.

Ein Gedanke zu „Annas Angst – Sonntag (1)“

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von AM RAND EIN ZUHAUSE

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen