Annas Angst – Sonntag (3)

Ich weiß wirklich nicht, was Hans von mir will. Ich habe Angst, na und? Sie gehört zu mir wie der Kater. Sie ist mein Barometer für all das, was schief läuft in meinem Leben. Auch wenn ich manchmal gar nicht weiß, auf welche Umstände sie mich aufmerksam machen will. Vielleicht muss ich ihr besser zuhören. Was ist dabei, wenn ich mich mit ihr arrangiert habe? Wenn ich kein eigenes Auto mehr besitze und nur noch alle paar Jahre in ein Flugzeug steige? Nichts ist dabei. Ich habe mein Leben im Griff. Ich funktioniere.

So oder so ähnlich habe ich es auch Hans erklärt. Das hatte ihn dermaßen aufgeregt, er konnte gar nicht mehr aufhören zu schreien. „Du willst gar nicht gesund werden. Sonst hättest du schon lange etwas unternommen. Wer außer dir lebt freiwillig zwanzig Jahre mit Panikattacken? Du bist einfach nur bockig und stur und willst dir nicht helfen lassen.“

Sein Zorn, von dem ich nicht wusste, woher er in diesem Augenblick gekommen war, hatte sich immer mehr gesteigert. „Und deine Lena hat keine Ahnung. Was für eine komische Therapeutin ist sie überhaupt? Es kann doch jeder sehen, wie sie dich gegen mich aufhetzt.“

Er hatte noch eine Weile vor der Tür weitergetobt. Zwar haben wir uns nach ein paar Tagen wieder vertragen, aber seitdem hat sich etwas an unserer Beziehung geändert.

Während Hans nun vor meinem Haus hält, überlege ich, ob ich ihn noch so liebe, wie das am Anfang der Fall war. Ich komme nicht dazu, weiter über diese Frage nachzudenken. Auf meiner Terrasse sitzt jemand. Da ich meine Brille im Laden vergessen habe, kann ich nicht erkennen, wer es ist. Hans ist im Gegensatz zu mir weitsichtig.

Dein Exmann beliebt mal wieder einen Besuch abzustatten. Das trifft sich gut, dann kann er dir gleich helfen, die Kommode zu tragen. Ich habe keine Zeit. Ich muss mich vorbereiten.“

Hans kann Armin nicht leiden. Also zerrt er so schnell er kann die Kommode aus dem Auto, stellt sie auf den Bürgersteig, setzt sich hinter das Lenkrad und winkt mir zum Abschied flüchtig zu. Dann lässt er noch einmal das Fenster herunter. „Ich hole dich pünktlich um sieben ab. Wenn du an der Straße stehst, muss ich nicht extra aussteigen und klingeln. Und womöglich auf dich warten.“

Als ob ich das vergessen könnte. Hans hat mich tatsächlich gebeten, ihn zu einer Lesung zu begleiten. Da er das sonst nie tut, interpretiere ich sein Verhalten als ungewöhnlichen Liebesbeweis.

Die Kommode ist schwer. Auch wenn ich sie auf einer Seite anheben kann, von der Stelle werde ich sie allein nicht bewegen können. Armin lässt sich Zeit beim Laufen. Offensichtlich genießt er meine unglückliche Lage. „Der feine Herr ist mal wieder in Eile. Da lässt man die Frau mit dem Möbelstück schon mal mitten auf der Straße stehen. Wenn das nicht typisch ist für Mister Großmaul. Hallo Babe! Komm, ich fass mit an.“

Ich hasse es, wenn Armin Babe zu mir sagt. Ich habe es schon gehasst, als wir verheiratet waren. Seit achtzehn Jahren sind wir offiziell geschieden. Deswegen nicke ich nur und packe die Kommode an einer Seite und warte darauf, dass er sich die andere greift. Bis zur Gartentür sind es höchstens zehn Meter, sie kommen mir vor wie fünfzig. Dann noch einmal ein paar Schritte bis zur Haustür. Ich stöhne vor Anstrengung. Die Kante scheuert an meiner Hüfte, noch einen Meter weiter, dann breche ich zusammen.

Armin, der selber ächzt, hat meine Qualen erkannt; ganz Gentleman alter Schule besteht er darauf, das alte Stück ohne mich die Treppe hinauf in mein Arbeitszimmer zu tragen.

Arbeitszimmer ist eine etwas hochtrabende Bezeichnung für den winzigen Raum, in dem ich meine Schätze – alte, wertvolle Bücher – aufbewahre und meine Buchhaltung erledige. Im Winter trocknet neben dem Computer die Wäsche.

Was Armin wohl von mir will? Geld? Einen Platz zum Schlafen? Es sind ja immer dieselben Begehrlichkeiten.

Als ich mich in ihn verliebt habe, war er ein armer, flippiger Rockmusiker mit einer winzigen Hoffnung auf Erfolg. Er hatte gerade mit seiner Gruppe die erste Platte aufgenommen. Ich arbeitete die halbe Nacht als Aushilfe in der Kneipe, in der er regelmäßig nach der Arbeit im Studio sein Bier trank. Tagsüber half ich Waldemar im Laden. Es war erst ein halbes Jahr her, dass man mir die Ausreise aus Ost-Berlin gestattet hatte. An der Grenze hatte ich nicht nur meine DDR-Staatsbürgerschaft zurückgelassen, sondern auch das brave und reglementierte Leben, das ich bis dahin geführt hatte. Ich war jung, klug und hatte Pläne für meine Zukunft. Wenn ich ein bisschen Geld gespart hätte, würde ich in ferne Länder reisen und interessante Menschen kennenlernen. Auf meinen Reisen wollte ich alle Bücher lesen, die in der DDR verboten waren. Danach würde ich studieren, Psychologie vielleicht, aber genau wusste ich das damals noch nicht. Ich war zwanzig Jahre alt und bereit, die Welt, und wenn schon nicht die Welt, dann wenigstens Berlin, zu erobern.

Aus Armin ist nie ein erfolgreicher Rockmusiker geworden. Die Chance hatte er nicht genutzt. Obwohl sich die erste Platte gut verkaufte, sie die zweite schon aufgenommen hatten, änderte er plötzlich seine Pläne. Er wollte in Frankreich lernen, wie man Käse herstellt. Das war auf einmal wichtiger als die Musik. Weil ich die Einzige war, die ihn wirklich verstand – das hatte ich bereits bewiesen, ich engte ihn nicht ein, stellte keine Forderungen – sollte ich ihn begleiten. Wir haben überstürzt geheiratet, und ich war, anstatt in die Welt, zu einem kleinen Bergdorf mitten in Frankreich aufgebrochen. Dort hatte sich der wilde Rockmusiker in einen langweiligen Rotweintrinker verwandelt, den ich schon zwei Jahre später wieder verlassen habe.

Seit ein paar Jahren ist er zurück in Deutschland, auch Musik macht er wieder, aber das halte ich eher für eine romantische Marotte, eine Möglichkeit, sich immer noch jung zu fühlen.

Während er noch mit der Kommode beschäftigt ist, koche ich mir einen Tee. Anschließend suche ich auf der Terrasse nach einer Flasche Wein. Armin bevorzugt ab zwei Uhr nachmittags alkoholische Getränke.

Der Himmel hat sich wieder aufgeklart. Ein übermütiger Sonnenstrahl malt einen Streifen auf den Kürbis, der vom Winter übriggeblieben ist. Ohne Brille hat der Rasen gelbe Tupfen. Als ich etwas näher herangehe, sehe ich die Löwenzahnblüten, die ihre Köpfe der Sonne entgegenstrecken.

Ich habe Armin nicht kommen gehört. Er sieht bekümmert aus. „Tut mir leid, Babe, aber ich konnte die Kommode auf dem letzten Stück nicht mehr halten. Ist aber halb so schlimm, es ist nur ein Bein abgebrochen, und die Wand hat ein paar Kratzer. Eine Schublade ist auch herausgefallen. Als ich sie wieder hineinschieben wollte, klemmte es plötzlich. Das habe ich gefunden. Kannst du damit etwas anfangen?“

Er gibt mir ein unscheinbares Heft, auf dessen Umschlag in altdeutscher Schrift mit schwarzer Tinte Kochen und Backen geschrieben steht. Als ich es aufschlage, erblicke ich eine vertraute Schrift. Armin hat die Rezepte meiner Großmutter gefunden. Einige stammen noch aus dem Dr.-Oetker-Kochbuch ihrer Mutter, andere hat sie beim Treppenplausch von Nachbarinnen aufgeschnappt, und wieder andere hat sie nach einigen Versuchen selbst kreiert. Auf die zweite Seite hat sie ihren Namen geschrieben: Agnes Weber.

Wie oft habe ich meine Mutter nach diesem Heft gefragt. Wahrscheinlich hat sie nicht gewusst, dass es in der Kommode eingeklemmt war. Behutsam und gerührt blättere ich die Seiten um. Wie viel Mühe Großmutter sich gegeben hatte. Sogar Man nehme hat sie vor jedes Rezept geschrieben. Da sie Sütterlin benutzt hatte, dauert es eine Weile, bis ich die Worte entziffert habe.

Man nehme auf 1 Kilo Mehl 6 frische Eier und 2 Eigelb.

Vor meinem inneren Auge sehe ich den gelben, dünn ausgerollten Nudelteig auf einem Holzbrett. Das Brett wurde auf den offenen Wasserkessel gestellt, der, egal ob Sommer oder Winter, auf dem alten Küchenofen vor sich hin summte. Ich kann den Geschmack noch heute auf meiner Zunge spüren. Von diesen Nudeln habe ich jahrelang geträumt.

Die Rezepte sind nicht nach Sachgebieten sortiert. Zwei Seiten weiter kann ich lesen, woraus Großmutter die Mohnpielen gemacht hat, die es jedes Jahr zu Weihnachten gab. Man weiche Mohn und altes Weißbrot in Milch ein, lasse es zusammen mit Rosinen aufkochen und füge später einen ordentlichen Schuss Rum dazu.

Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, als Armin mich aus meinen kulinarischen Träumereien reißt.

„Kannst du mir etwas Geld leihen? Sieht eng aus bei mir. Das mit der Tournee durch den Schwarzwald hat nicht geklappt. Die haben eine andere Band genommen. Und du hast doch bestimmt von deinen Eltern eine Menge Kohle geerbt. Wie wäre es mit tausend?“

Das ist nun schon der zweite, der annimmt, ich würde plötzlich im Geld schwimmen. Leider ist Armin hartnäckig, wenn er etwas Sinnloses haben will. Ich brauchte damals, nachdem ich ihn verlassen hatte, drei weitere Jahre, bis ich ihn davon überzeugt hatte, endlich in die Scheidung einzuwilligen. Jetzt brauche ich fast eine Stunde, bis er mir glaubt, dass ich wirklich kein Geld geerbt habe. Dass die Einnahmen im letzten Monat im Gegenteil so spärlich waren, dass ich mir Sorgen um meine Existenz machen muss, sollte sich das Ganze nicht als vorübergehende Flaute entpuppen.

Nachdem er die Flasche Wein ausgetrunken hat und ich ihm hundert Mark in die Hand gedrückt habe, verabschiedet er sich aber doch.

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