Eine Taube sitzt auf einem Zweig

Was tun Vögel, wenn sie scheinbar bewegungslos dasitzen? Meditieren sie, wie ich es bei meinen kleinen Vögeln zu Hause manchmal vermute? Knödelmeditation? Sinnt die Taube über das Leben nach? Sie könnte auch die Nebelkrähe beobachten, die ein paar Zweige tiefer sitzt und ihr Gefieder richtet.

Von Menschen weiß man, dass sie über das Leben nachdenken. Je älter, desto häufiger, so jedenfalls meine Beobachtung. Kein Wunder also, dass wir auch gestern nicht an dem Thema vorbeigekommen sind. Ich hatte den Freund eine Weile nicht gesehen, nicht gehört. Seit ein paar Jahren schreiben wir uns nur noch kurze SMS von unseren Reisen.

Nachdem wir Neuigkeiten ausgetauscht hatten – Ersatzteile, die man in den vergangenen Jahren in den Körper eingebaut hat; ich konnte lediglich neue Zähne in die Waagschale werfen, die ich demnächst bekommen werde – kamen wir auf das Leben, das so schnell vorbei sein kann. Dem Fünfzigjährigen hatte einmal jemand die Frage gestellt, wie er in zwanzig Jahren wohl leben werde. Die zwanzig Jahre sind nun vorbei. Einen Siebzigjährigen fragt man nicht mehr, wo er sich in zwanzig Jahren sieht.

Der Freund will schreiben, lesen, Fotos sortieren, vor allem aber will er reisen. Denn dort, auf seinen Reisen, findet sein wirkliches Leben statt. Er, der immer an Ausstellungen, Konzerten, Filmen interessiert war, kann sich in Berlin kaum noch für etwas begeistern. Die Stadt, ihre zunehmende Verwahrlosung, betrachtet er inzwischen mit Skepsis.

Anders ist es, wenn er unterwegs ist. Dann ist die alte Begeisterung wieder da. Vielleicht hat dieses Phänomen, das ich auch kenne, damit zu tun, dass man im Alter wählerischer wird, was die eigene Aufmerksamkeit angeht. Auf Reisen gibt es ein anderes Setting. Man ist unterwegs, man ist offen, man ist nicht der, der man zu Hause ist.

Und ich, ich bin nicht mehr die Berlinerin, die ich einmal war, doch die Frau vom Land bin ich auch nicht. Das ist mir in den zwei Wochen, in denen ich jetzt in Berlin ein Haus hüte, aufgefallen. Ich merke, dass ich mich in der Stadt, in der ich 68 Jahre gelebt habe, wie eine Besucherin bewege. Nicht fremd, aber auch nicht mehr zu Hause. Vielleicht ist das der Ort, an dem ich gerade bin: unterwegs, ohne zu wissen, wohin genau.

4 Gedanken zu „Eine Taube sitzt auf einem Zweig“

  1. Bin vorgestern wegen eines Arzttermins seit vielen, vielen Jahren mal wieder mit dem M19 von Yorkstraße zum Europa-Center gefahren. Sieben Jahre lang (in den 1970ern) gehörte die Strecke zu meinem täglichen Weg zur Arbeit. Trotz des Gedränges im morgendlichen Berufsverkehr war da plötzlich so ein vertrautes Gefühl. Angekommen war es längst verflogen. Ich glaube, in Berlin haben sie einen Komplettaustausch der Luft vorgenommen.

  2. All die losen glitzernden Enden, die mal da, mal dort aus unterschiedlichen Richtungen und Zeiten uns entgegenbaumeln. Von Bäumen, von Häusern, von Blumenbeeten und denkwürdigen Situationen…. aber vor allem von Menschen. Und ganz oft berühren, ja finden sich solche losen Enden, und etwas verknüpft sich und überträgt sich. Von einem Menschen zum Mond, eine schimmernde Kordel, vom Mond zu einem anderen Menschen, zu einem Stern, wieder zu Mensch, Gras, Nacht und wieder Stern, Koffer, Reise und Blaue Stunde.
    Vor ein paar Tagen kam ein kleiner, zauberhafter Gedichtband zu mir, baumelte mir quasi entgegen, pendelte noch etwas und fiel dann entschlossen die letzten Zentimeter. Ein Gedicht war markiert und sogar teilweise in der dazugehörigen Glückwunschkarte zitiert. Das lose Ende band sich an mich und war nicht mehr lose. Dafür ließ ich ein neues Ende nun baumeln, ja suchen, bis es diesen Blogeintrag der reisenden Besucherin fand und sich freudig verknüpfte.

    Das Gedicht geht so:

    Weil nichts mich festhielt,
    keine Arbeit, kein Staat, keine Familie,
    bin ich auf Wanderschaft gegangen.
    Ich wusch mich im Bach, aß Beeren
    und Pilze, und nachts hörte ich
    dem Knistern der Insekten zu,
    ihren scholastischen Subtilitäten.
    In meinem Koffer verwahrte ich
    meinen Roman „Das endlose Ende“.
    Eines Abends lag ein Stern
    direkt vor meinen Augen.
    Der Himmel war dunkel verhangen,
    so daß ich nicht sehen konnte,
    ob er oben fehlte. Ich schloß
    langsam die Augen, schlief ein.

    Von Michael Krüger, aus dem Band „Keiner weiß es besser als der Mond“,
    mit Illustrationen von Quint Buchholz.

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