Annas Angst – Mittwoch (1)

Im Zuschauerraum ist es still. Es hat schon viele Male geklingelt, aber der Vorhang hebt sich nicht. Nichts geschieht. Nur das Klingeln hört nicht auf. Es ist das Telefon. Ich habe verschlafen. Nach zwei Beruhigungstabletten eigentlich kein Wunder.

Der geduldige Anrufer ist Peter. Er hört sich besorgt an. “Ist etwas passiert? Bei dir weiß man das in der letzten Zeit nicht so genau. Lena hat schon zweimal bei mir angerufen. Dein Anrufbeantworter ist nicht eingeschaltet. Sie glaubt, du wärst nicht zu Hause. Sonst würdest du ans Telefon gehen. Du hattest um 10.00 Uhr einen Termin. Ich soll dir ausrichten, du kannst auch um 12.00 Uhr kommen, ein Klient hat gestern abgesagt. Ist alles in Ordnung?”

Da ich nicht weiß, wie ich diese Frage beantworten soll, brumme ich nur. Ich habe den blöden Beantworter doch eingeschaltet. Oder war er an und ich habe ihn aus gemacht? Offensichtlich weiß Peter es auch nicht.

“Du kannst später in den Laden kommen. Geh jetzt erst einmal zu Lena.”

Es ist bereits halb elf. Ich muss mich beeilen.

Pünktlich um 12.00 Uhr liege ich, immer noch benebelt, bei Lena auf der Couch. Im ersten Jahr habe ich im Sessel gesessen. Lena hatte mich in regelmäßigen Abständen darauf hingewiesen, dass man im Liegen besser reden könne. Ob ich es nicht wenigstens einmal versuchen wollte. Nein, wollte ich nicht. Schlimm genug, dass ich, eine erklärte Gegnerin der Psychoanalyse, bei einer Analytikerin gelandet war. Dann nicht auch noch die klassische Analysandenposition. Obwohl mir die Analyse nach wie vor suspekt ist, muss ich doch zugeben, dass alle anderen therapeutischen Ansätze bei mir ebenfalls versagt haben.

Lena ist mir von Herbert empfohlen worden. Sie hatte ihr Esszimmer bei ihm gekauft. Das ist nicht unbedingt die übliche Herangehensweise, wenn man einen Therapeuten sucht, aber Herbert verfügt über eine gute Menschenkenntnis. “Der Frau kann man so leicht nichts vormachen. Die sieht dich an, und schon weiß sie, was mit dir los ist. Wenn ich jemals einen Seelenklempner nötig hätte, würde ich mich sofort zu ihr auf die Couch legen.”

Lena hatte mir auf den ersten Blick gefallen. Sie tut nicht so, als wüsste sie mehr über meine Krankheit als ich. Von ihr habe ich eine Art Mantra bekommen: Alle Heilung, die ich brauche, ist in mir. In meinem Körper und in meinem Geist.

Für eine Analytikerin ist ihr Verhalten ungewöhnlich. Sie hört nicht nur zu, wenn ich erzähle, sie kommentiert, regt an, stellt Fragen und ergreift Partei. Wenn sie sich über mich ärgert, weil ich ihr bockig erscheine, verbirgt sie ihre Gefühle nicht.

Nach einem Jahr habe ich mich freiwillig auf die Couch gelegt. Ich fühle mich in dieser Position tatsächlich entspannter. Außerdem kann ich Lena nicht länger beobachten, während wir uns unterhalten. Das erleichtert die Kommunikation. Ich gerate nicht in die Versuchung, ihre Gestik und Mimik zu interpretieren und meine Worte danach auszurichten. Jetzt weiß ich nicht, wo ich anfangen soll. Was soll ich ihr von den letzten Tagen erzählen?

Von meiner Couch aus kann ich den Himmel sehen. Es ist beruhigend, den vorüberziehenden Wolken hinterher zuschauen. Große dunkle Wolken wechseln sich mit hellen ab, dazwischen Stücke blauen Himmels. Die Kronen der Bäume wiegen sich im Wind. Als würden sie sich gegenseitig zum Tanz auffordern.

“Möchtest du die restlichen vierzig Minuten auch schweigen?”

Heute kann ich im Liegen nicht reden. Also setze ich mich hin und lasse die Beine über den Rand der Couch baumeln.

Im Sprechzimmer ist alles unverändert. Ich habe es mir lange nicht angesehen. Wenig Möbel. Links von der Couch steht noch immer der Schreibtisch mit dem PC darauf. Direkt gegenüber sitzt Lena in ihrem Schaukelstuhl. Für Menschen, die nicht auf der Couch liegen wollen, gibt es einen Sessel. Keine Pflanzen, keine Bilder. Nichts. Der Schreibtisch penibel aufgeräumt.

“Hast du meine Frage verstanden?” Lena scheint mir ein wenig ungeduldig.

“Ich habe sie verstanden. Ich bin ja nicht hier, weil ich schwerhörig bin, sondern weil ich Angst habe.” Ich warte ein wenig, aber Lena lacht nicht. Sie lächelt nicht einmal.

“Was soll ich sagen. Ich bin durcheinander. Das liegt einerseits an den Pillen, andererseits wohl auch an den Aufregungen der letzten Tage.”

Lenas Blick verdüstert sich. “Was für Pillen?” Sie hält weder etwas von Psychopharmaka noch von anderen Tabletten. Manchmal frage ich mich, wie sie es geschafft hat, ein normales Medizinstudium zu absolvieren.

“Ich habe sie heute Morgen zum Einschlafen gebraucht. Die Ärztin im Krankenhaus hat mir Lexotanil gegeben. Die sind völlig harmlos.”

Lena schaukelt nicht mehr.

“Ich hatte heute Nacht wieder einmal eine Panikattacke. Aber ich dachte, es wäre das Herz. Keine Ahnung, ob die Panik mit dem ganzen Durcheinander zu tun hat. Es ist schon seit Monaten so schlimm. Das weißt du doch. Aber am besten wird es wohl sein, wenn ich von vorn beginne. Eigentlich fing alles am Sonntag an, als ich mit Hans zu dieser Lesung gegangen bin.”

Und dann erzähle ich ihr, was seitdem passiert ist. Es sprudelt geradezu aus mir heraus. Je länger ich rede, desto aufgeregter werde ich. Ich ende damit, dass ich seit diesem Sonntag meine Beziehung zu Hans in Frage stelle. Lena hat wieder mit dem Schaukeln angefangen. Richtig gemütlich sieht das aus. Her und hin. Hin und her.

“Zwar reagiere ich immer noch wie der Pawlowsche Hund auf seine Stimme, aber eigentlich liebe ich ihn gar nicht. Eine neue Erkenntnis für mich. Und ich fühle mich auch nicht von ihm geliebt. Im Augenblick will er mich für mein schlechtes Verhalten mit einer Auszeit bestrafen.”

Ein Hochziehen der rechten Augenbraue ist Lenas einziger Kommentar. Wahrscheinlich hat sie aus der Art und Weise meiner Berichterstattung schon längst ihre eigenen Schlüsse gezogen. Jedenfalls schaukelt sie jetzt ein wenig schneller. “Was wirst du jetzt tun? Jetzt, wo du das Geheimnis deiner Mutter und deiner Zeugung entdeckt hast?”

Manchmal drückt sich Lena wirklich antiquiert aus. Das Geheimnis meiner Zeugung. Ein schöner Titel für ein Buch der Trotzkopfreihe.

“Ich habe keine Ahnung. Aber ich werde versuchen, Kontakt zu Simon aufzunehmen. Entweder schreibe ich ihm oder ich rufe ihn an. Ich weiß es noch nicht.”

“Und dann? Was passiert, wenn du ihn gefunden hast?” Lena hat die Frage in einem Ton gestellt, der mich ärgert.

“Was soll dann passieren? Was weiß denn ich. Das werde ich sehen, wenn es so weit ist.” Ich versuche auf Lenas Armbanduhr zu erkennen, wie spät es ist. “Ist meine Zeit nicht schon um?”

Lena rutscht auf ihrem Stuhl nach vorn und stellt ihre Füße auf die Erde. Schluss mit Schaukeln.

“Als du mir gerade die Geschichte von dem Brief deiner Mutter an Simon und von dieser merkwürdigen Begegnung mit Simons Cousin erzählt hast, warst du sehr aufgeregt. Deine Augen glänzten und deine Wangen waren gerötet. Das sind sie übrigens immer noch. Du wirkst auf mich wie ein Mensch, der voller Freude auf ein bestimmtes Ereignis wartet. Und dazu passt die ziemlich coole Antwort, du willst dich überraschen lassen, eigentlich nicht. Was erwartest du also von deinem neuen Vater? Ich halte das für eine sehr wichtige Frage.” Sie schaut auf ihre Uhr. “Wir haben noch zehn Minuten.”

Das ist einer der Gründe, warum ich Lena liebe, sie gleichzeitig aber auch ein wenig fürchte. Ihr entgeht nichts, und sie denkt gar nicht daran, ihre Beobachtungen für sich zu behalten. Ablenkungsmanöver oder Lügen lässt sie mir nicht durchgehen. Ich stöhne.

“Diese Frage hat mir Gabriel auch schon gestellt. Er ist übrigens nicht der Cousin, sondern der Großcousin. Und ihm habe ich geantwortet, dass ich von Simon gerettet werden will. Dass ich mir wünsche, er könnte mein Leben in Ordnung bringen. So, jetzt weißt du es. Und sage mir bloß nicht, das wäre blöd. Das ist mir bewusst.”

Lena sieht aus, als würde sie diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht ziehen. “Wie stellt er das an? Hast du eine Vorstellung? Und vor allem, wovor soll er dich retten?”

Ich schließe die Augen und sehe wieder diesen Mann, der in der Wüste mit bloßer Brust vor Gott kniet. Denn vor wem würde man sonst im Staub liegen, wenn nicht vor Gott. Vielleicht vor einem Engel.

„Er kommt mit einem Zauberstab nach Berlin. Damit berührt er mich, und dann werde ich endlich glücklich. Ich habe keine Angst mehr und finde einen Mann, der mich liebt und den ich liebe. Bei dem ich zur Abwechslung eine Weile bleiben kann. Die Weile kann von mir aus auch einige Jahre dauern.”

Obwohl meine Worte bestimmt trotzig geklungen haben, lächelt Lena. Das kann ich sehen, weil ich das rechte Auge einen winzigen Spalt geöffnet habe. Ich schließe es schnell wieder.

“Außerdem finde ich einen Verlag für meinen Roman und schreibe ein zweites Buch. Weil das Schreiben mich so glücklich macht. Und weil ich immer davon geträumt habe, Schriftstellerin zu sein. Damit hat die ewige Sucherei ein Ende.”

Als ich die Augen öffne, blicke ich in Lenas lächelndes Gesicht. Sie steht auf und zieht mich von der Couch. Dann umarmt sie mich, schiebt mich aber gleich wieder von sich weg.

“Ich bin ja so froh. Du hast heute zum ersten Mal davon gesprochen, dass du in deinem Leben Glück und Liebe vermisst. Und Erfüllung. Das ist doch etwas, damit kannst du arbeiten. Dafür brauchst du gar keinen Vater mit einem Zauberstab.”

Lena sieht zufrieden aus. Ich ärgere mich. Jetzt gehe ich seit anderthalb Jahren zu ihr, und soll ich ihr noch nie erzählt haben, was ich in meinem Leben vermisse? Wahrscheinlich hat sie nicht richtig zugehört oder ist auf ihrem Schaukelstuhl eingeschlafen. Meine Reaktion ist ihr nicht entgangen.

“Seitdem du zu mir kommst, machst du dir darüber Gedanken, wie du deine Angst endlich loswirst. Oder wie du an deiner Beziehung zu Hans noch besser arbeiten kannst. Dass du ein Buch schreibst, hast du mir nie erzählt. Ich wusste nicht einmal, dass du vom Schreiben träumst. Und dass du unglücklich bist, weil du offensichtlich etwas suchst, es aber nicht finden kannst, das ist auch eine neue Aussage für mich. Aber sieh es mal so, wenn man weiß, was man will, kann man auch die Schritte tun, die nötig sind, der Erfüllung seiner Träume näher zu kommen. Du hast die ersten Schritte bereits getan. Du hast ein Buch geschrieben und es einer Agentur geschickt. Als nächstes wirst du herausfinden, was du in einer Beziehung brauchst, und ob Hans der Mann ist, mit dem du das leben kannst. Dann kann dein Vater ein ganz normaler Mann sein, der gar nichts Besonderes für dich tun muss.”

Sie hat mir wirklich nie zugehört. Lena hat keine Ahnung und Hans hat Recht. Mein Ärger ist mir wohl anzusehen, denn sie redet weiter.

“Du hast bis jetzt immer nur gesagt, was du nicht erleben möchtest: Angst, Stress mit Hans, Kampf. Ich hatte den Eindruck, du weißt gar nicht, was du willst. Dabei hast du eine Vision.”

Lena streicht sich mit dem Mittelfinger über die Nase. “Kam bei deinen Überlegungen die Situation vor, dass dieser Mann dich vielleicht gar nicht kennenlernen möchte?”

“Darüber werde ich nachdenken, wenn ich nichts von ihm höre. Oder wenn er mir schreibt, dass er kein Interesse hat.”

Jetzt ist meine Zeit aber wirklich um. Als ich kam, war ich durcheinander, jetzt bin ich frustriert und habe schlechte Laune. Lena stellt sich immer alles so einfach vor. Zumindest klingen die Dinge einfach, wenn sie die Lösung für meine Probleme auf den Punkt bringt. Ich möchte wetten, dass sie in ihrem eigenen Leben nicht so schlau ist, wie sie sich mir gegenüber aufführt. Aber darüber reden wir natürlich nie.

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