Annas Angst – Freitag (2)

Verloren stehe ich in der Küche und nippe an meinem Kaffee. Orlando hat sich auf seinem Stuhl eingerollt und schläft. Er schnarcht. Glücklicher Kater. Der hat keine Sorgen. Anscheinend hat Gabriel nicht nur Kaffee gekocht, sondern auch das Tier gefüttert.

Plötzlich fällt mir etwas ein. Auch der Kater wird bald Sorgen haben. Ich bin in den letzten Jahren nie verreist, also musste ich auch nie jemanden bitten, sich in meiner Abwesenheit um Orlando zu kümmern. Ich kann ihm doch nicht für eine Woche Futter hinstellen. Dumm wie er ist, würde er es an einem Tag auffressen, froh darüber, endlich einmal selbst über Zeit und Mengen der Mahlzeiten entscheiden zu können.

Mir fällt so schnell niemand ein, den ich um diesen Liebesdienst bitten könnte.

“Kann ich irgendetwas für dich tun? Dir behilflich sein?” Gabriel setzt umständlich seine Mütze auf. Er sieht enttäuscht aus. Wieso sage ich ihm nicht etwas Ermutigendes. Jetzt wäre auch ein guter Augenblick, um ihn zu fragen, ob er nach Orlando sehen kann. Stattdessen schüttle ich den Kopf und streiche ihm über den Arm. “Ich rufe dich an, wenn ich wieder da bin. Drück mir die Daumen, ja?”

Ich weiß selbst nicht genau, wofür er mir die Daumen drücken soll.

“Sag Simon einen Gruß von mir.” Und dann ist Gabriel aus der Tür. Er hat seinen zweiten Kaffee nicht einmal angefangen. Ich kippe ihn zurück in die Kanne.

Geh ihm hinterher. Du benimmst dich wie eine Idiotin. Das ist der beste Mann, der dir in den letzten Jahren begegnet ist. Wenn er der Beste ist, dann wird er in einer Woche auch noch da sein. Dann wird er wissen, dass man Geduld haben muss. Vielleicht ist er schlauer als ich und kommt noch einmal zurück. Ich renne nach oben, um nach seinem Auto zu sehen. An der Haustür klopft es. Mein Herz hüpft vor Freude.

Es ist meinem Vermieter offensichtlich sehr unangenehm, mich nackt zu sehen. Er schließt sofort die Augen, dreht sich um. “Es ist nichts passiert, ich habe nichts gesehen. Machen Sie sich keine Sorgen, ich komme später wieder.”

Auf dem Radiator in der Veranda liegt ein Geschirrtuch. Ich halte es mir vor Brust und Bauch. „Eine Sekunde. Warten Sie. Ich ziehe mir schnell etwas über, dann können wir reden. Gehen Sie doch schon vor in die Küche, den Weg kennen Sie ja.”

Eine Minute später stehe ich im Bademantel vor ihm und biete ihm den Kaffee an, den Gabriel nicht trinken wollte. Herr Rabe hat die Augen wieder geöffnet. “Nächste Woche ist es so weit Frau Schwarz. Die kranke Birke wird gefällt. Ich wollte Ihnen nur Bescheid sagen, damit Sie sich nicht wundern, wenn fremde Männer im Garten herumlaufen.”

Da er mir die Hiobsbotschaft schon vor vier Wochen überbracht hat, ist es kein großer Schock für mich. Ich hänge an jedem einzelnen Baum in meinem kleinen Garten.

“Das trifft sich gut. Ich reise morgen nach Israel. Dann muss ich das Schauspiel nicht mit eigenen Augen ansehen. Es würde mir bestimmt das Herz brechen.”

Herr Rabe staunt. “Sie verreisen? So plötzlich? Und gleich so eine weite Reise?”

Er hat Berlin in seinen neunundsechzig Lebensjahren noch kein einziges Mal verlassen und hält mich offenbar für außerordentlich mutig. Womit er Recht hat.

Ich nutze die Chance seiner Bewunderung. “Können Sie in meiner Abwesenheit den Kater zweimal am Tag auf der Terrasse füttern? Ich werde alles notwendige bereitstellen. Das wäre sehr großzügig von Ihnen.”

Herr Rabe nickt glücklich. “Sehr gern Frau Schwarz. Wir beide sind doch gute Freunde. Ich meine selbstverständlich den Kater und mich.” Offensichtlich erfreut ihn die Aussicht, Orlando die Dosen öffnen zu dürfen.

Mich beschleicht ein unangenehmes Gefühl. Er hat mir einmal im Scherz gedroht, den Tierschutzbund zu benachrichtigen. Seiner Meinung nach lasse ich das arme Tier verhungern. Ich sehe das allerdings anders. Der Kater hat eine gute Figur, Herr Rabe dagegen ähnelt immer mehr einer Birne.

“Bitte geben Sie ihm eine halbe Dose am Morgen, die andere Hälfte am Abend. Das ist für den Kater wirklich genug.” Ich sehe ihm ernst in die Augen. “Er wird krank, wenn er zu viel frisst.”

Beleidigt schüttelt Herr Rabe den Kopf. Als ob man vom fressen krank würde. Für wie dumm halte ich ihn? Trotzdem tut er so, als würde er mir beipflichten. “Sie können sich hundertprozentig auf mich verlassen. Ganz so, wie Sie es wünschen.”

Wirklich beruhigt bin ich nicht, aber was bleibt mir anderes übrig, als ihm zu vertrauen. Notfalls werde ich den Kater anschließend eine Woche auf Diät setzen.

Und dann bin ich auch schon wieder in Zeitdruck. Es ist bereits zehn, und bis Charlottenburg brauche ich bestimmt eine Stunde.

 

Eva wohnt in einer Seitenstraße, die vom Stuttgarter Platz abgeht. Ich bin überrascht, denn sie öffnet die Tür im Morgenmantel. Als sie mich sieht, bricht sie in Tränen aus und kann kaum sprechen. “Es tut mir so leid, alle anderen habe ich angerufen.”

Sie zieht mich in einen hellen freundlichen Flur, von dem mehrere Türen abgehen.  “Irgendetwas ist mit deinem Telefon. Ist es kaputt? Ich konnte dich nicht erreichen.” Sie schnieft und wischt mit dem Ärmel des Morgenmantels über ihre Nase. Durch den Spalt einer Tür kann ich ein zerwühltes Bett erkennen. Eva zieht mich weiter, und wir kommen in eine große gemütliche Wohnküche. Der runde Tisch ist mit schlichtem weißem Kaffeegeschirr gedeckt. In der Mitte steht ein großer Strauß roter Nelken. Rote Servietten hat Eva kunstvoll gefaltet. Sie lässt sich erschöpft auf einen Stuhl fallen.

In den zwei Tagen, die wir uns nicht gesehen haben, scheint sie gealtert zu sein. Ihr sonst so schönes Haar hängt schlaff herab, um den Mund haben sich tiefe Falten und unter den Augen dunkle Ringe gebildet. Sie sieht aus, als hätte sie die ganze Nacht geweint.  Irgendetwas muss seit gestern Abend passiert sein.

Jetzt fällt es mir wieder ein: Ich habe den Stecker vom Telefon herausgezogen. Deswegen konnte sie mich nicht erreichen.

“Mein Vater ist heute Nacht gestorben. Ich bin ziemlich durcheinander. In zwei Stunden fliege ich nach München. Helen, also seine Frau, war so komisch am Telefon. So ruhig. Fast heiter.”

Eva sucht nach einer neuen Packung Taschentücher.

“Ich habe sofort nach dem Gespräch mit ihr meine Töchter angerufen. Gott sei Dank konnten sie beide gleich einen Flug buchen. Aber sie werden trotzdem erst in zwei Tagen in München sein. Sie kommen aus Amerika, weißt du.”

Wenn Eva in zwei Stunden fliegen will, hat sie noch einiges vor sich. In Extremsituationen, die nicht mich selbst betreffen, bin ich anderen mit meinem ausgeprägten Organisationstalent eine gute Hilfe. Ich schicke Eva unter die Dusche, und als ich gerade anfangen will, das Geschirr zusammen zu stellen, fällt mir etwas Besseres ein. Ich frage durch die Badezimmertür, ob ich ein paar Sachen für sie packen soll.

„Du bist meine Rettung. Danke. Pack einfach ein, was du findest. Mir soll alles recht sein.“

Das Schlafzimmer habe ich bereits beim Hereinkommen gesehen. Ein heller, geschmackvoll eingerichteter Raum. Auf abgezogenen Dielen liegen beigefarbene Läufer. Neben dem großen Futonbett gibt es noch einen alten, gut erhaltenen Kleiderschrank und eine dazu passende Kommode, in der ich Strümpfe, Unterwäsche und verschiedenes Nachtzeug finde, alles ordentlich gestapelt.

Ich bewundere winzige Slips und staune über Evas BH-Größe, bevor ich sie in der Tasche verstaue, die schon auf dem Bett bereitsteht. Evas Wäsche ist hauchdünn, mit Spitze besetzt, zartrosa oder champagnerfarben. Alles in tadellosem Zustand. Wie manche Frauen es anstellen, dass die Bügel nicht aus den BHs springen oder die Träger sich spiralförmig verdrehen, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Und warum sehen die Pyjamas aus, als hätte sie die noch nie getragen? Ob das wirklich nur am Bügeln liegt?

“Ich habe vorgestern noch mit ihm telefoniert. Wie kann er dann auf einmal sterben?”

Eva steht nackt in der Tür, um den Kopf hat sie ein Handtuch geschlungen. Für ihren schlanken Körper hat sie einen erstaunlich großen Busen. Unverschämt straff. Zu dünn oder gar mager, wie ich anfangs angenommen habe, ist sie ebenfalls nicht. Sie hat die Figur eines jungen Mädchens, zu der die Schwangerschaftsstreifen nicht so recht passen.

Einem anderen Menschen mein Beileid auszusprechen fällt mir nicht so leicht wie Organisieren. Was soll ich ihr sagen? Ich fühle mich ein wenig überfordert. “Woran ist er denn gestorben?”

“Er hatte offensichtlich in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch einen Herzinfarkt, den der Notarzt aber nicht erkannt hatte. Sein Hausarzt hat auch nichts feststellen können. Er hat ihn beruhigt, es wäre der Rücken. Dabei hatte er doch auch Schmerzen im Arm, nicht nur im Rücken.

Als ich ihn Mittwochabend anrief, sagte er mir, ich soll mir bloß keine Sorgen machen. Und das habe ich dann auch nicht getan. Was für ein Zufall, dass ich ihn überhaupt angerufen habe.”

Während sie weint, zieht sie sich langsam an. Es sieht nicht so aus, als würde sie wissen, was sie tut. Vielleicht muss ich gar nichts sagen. Ich kann einfach still sein und zuhören, wenn sie redet. Eva sucht im Schrank nach ein paar Hosen und reicht sie mir. Ich halte ihr eine Bluse und T-Shirts entgegen, und da sie nickt, packe ich die Sachen ein.

“Ob man so einen Arzt verklagen kann? Die haben doch ganz offensichtlich meinen Vater auf dem Gewissen. Wie können die nicht gemerkt haben, dass es ein Herzinfarkt war?”

Ihre Wut ist mir angenehmer als ihre Trauer. Doch isst sie genauso schnell verflogen, wie sie gekommen ist. Plötzlich sitzt Eva wieder in sich zusammen gesunken auf dem Bett. Sie tut mir leid. Vorsichtig setze ich mich neben sie und lege meinen Arm um ihre schmalen Schultern. Ein heftiges Weinen schüttelt ihren ganzen Körper.

“Er hatte doch noch so viele Pläne. Im Sommer wollten wir alle zusammen nach Amerika zu Kati und Lisa fahren. Er wollte doch so gern mit seiner ersten Urenkelin spielen. Er hat Lydia doch erst einmal gesehen.” Sie spricht in meinen Pullover und ich kann nicht alles verstehen, was sie sagt. Aber das spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass ich zuhöre. Trotzdem müssen wir los, wenn sie pünktlich am Flughafen sein will. Ich helfe ihr in den Mantel und schiebe sie zur Tür hinaus. Auf dem letzten Treppenabsatz fällt ihr etwas ein.

“Kannst du mich nicht zum Flughafen fahren?”

“Ich habe kein Auto.”

“Aber du kannst meines nehmen. Und so lange ich weg bin, kannst du es gern behalten.”

Ich muss wohl oder übel mit der Wahrheit herausrücken. “Ich bin seit Jahren nicht mehr selbst Auto gefahren. Ich habe Angst.”

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