Annas Angst – Sonnabend (4)

Ich höre, wie das Fahrwerk ausgefahren wird. Bald ist alles überstanden. Der Druck in meinen Ohren nimmt zu, die Schmerzen werden schlimmer. Ich halte mir die Nase zu und presse Luft hinein, aber es nützt alles nichts. Die Ohren bleiben zu und tun weh. Ich klammere mich an die Armlehnen und beginne noch einmal, diesmal jedoch ganz leise zu beten.

Nach Minuten, die mir wie Stunden vorkommen, gibt es einen Ruck, und die Maschine setzt auf das Rollfeld auf. Und ich kann endlich wieder aufatmen. Auch wenn ich gelesen habe, dass die Gefahr damit immer noch nicht vorbei ist. Für mich ist sie vorbei. Ich bin nicht mehr in der Luft und damit sicher.

“Kann ich meine Hand zurückbekommen?”

Ich halte auf der linken Seite nicht die Armlehne, sondern die Hand meines Nachbarn umklammert. Schnell gebe ich sie ihm zurück. “Ich habe Flugangst. Und dies ist nach zehn Jahren das erste Mal, dass ich geflogen bin.”

Der junge Mann kramt in seiner Tasche, findet ein Stück Papier, reißt es in der Mitte durch und kritzelt etwas darauf. “Ich heiße Gil. Und ab Montag bin ich in Jerusalem. Dort nehme ich eine deutsche Reisegruppe in Empfang, die ich eine Woche lang betreuen werde. Wir bleiben auch zwei Tage in Jerusalem, bevor wir zur Rundreise aufbrechen. Rufen Sie mich an, wenn Sie sich uns anschließen wollen.”

Er überlegt einen Augenblick. “Sie können mich am besten abends erreichen. Wir können etwas zusammen trinken.”

Ich verspreche leichten Herzens, es zu tun. Wir haben uns in der letzten Stunde sehr gut unterhalten. Und seitdem ich ihm so etwas wie mütterliche Gefühle entgegenbringe, ist er mir richtig sympathisch geworden. Beim Abschied streiche ich ihm über den Arm. Ist das ein Indiz für mein Alter? Ich lerne einen sechsundzwanzigjährigen Mann kennen, und sehe in ihm nicht den potentiellen Liebhaber? Sondern den Sohn, den ich nie hatte? Vermutlich bin ich älter, als ich denke.

Die Abfertigung geht schnell. Die blonde junge Frau wird genau so wenig beachtet wie ich. Ehe ich mich versehe, haben wir unsere Pässe zurück und warten auf unser Gepäck. Ich sehe sie später noch einmal, ein attraktiver Mann mit kurzem schwarzen Bart umarmt sie. Als ich mich noch weiter umsehen will, weil ich hoffe, Gil noch einmal zu sehen, taucht vor mir bereits ein Schild mit meinem Namen auf. Ein freundlicher Mann, den ich für einen Araber halte, spricht englisch mit mir. Er geleitet mich zu einem geräumigen Kleinbus, der den Namenszug des American Colony trägt. Darunter hebräische Schriftzüge. Offensichtlich bin ich an diesem Tag der einzige Gast, der abzuholen ist.

Während der Fahrt erzählt der Fahrer, das Wetter würde verrücktspielen. Gerade eben war es noch heiß, dann wird es plötzlich wieder kühl. Seiner Meinung nach ist El Nino daran schuld. Der Kamsin ist eigentlich vorbei. Ich bin in Hamburg bei kühlen 15 Grad ins Flugzeug gestiegen, und hier ist es so warm, dass ich meine Jeansjacke ausziehen kann.

Die Fahrt von Tel Aviv nach Jerusalem beeindruckt mich nicht. In der Dämmerung sieht das Land grau und öde aus. Steine, wüstenähnliche Landschaft, ab und zu ein wenig Grün dazwischen. Nach einer knappen Stunde sind wir da. Die Stadt wirkt auf den ersten Blick nicht einladend. Viel moderne Architektur, die eher zweckmäßig als schön ist. Ich weiß jedoch, dass das American Colony in der Nähe der Altstadt liegt. Die wird mir besser gefallen, da bin ich mir sicher. Am nächsten Tag werde ich gleich als erstes einen Spaziergang dorthin machen.

Ein anderer freundlicher Araber nimmt mir meine Tasche ab. Er folgt mir an die Rezeption, wo mir eine zuvorkommende junge Frau den Schlüssel für mein Zimmer aushändigt. Sie bietet mir an, später einen kleinen Rundgang durch das Hotel mit mir zu machen. Ich möchte mich aber lieber selbst umsehen. Der Mann mit meiner Tasche geht mir voraus.

Das Hotel ist wunderschön, ich muss dem Reisekatalog bereits nach wenigen Minuten beipflichten. Das gilt auch für den weiter entfernten Distrikt, in dem ich untergebracht bin, und der früher zu den Nebengebäuden des Stadtpalais gehört hatte. Der ehemalige Besitzer, ein türkischer Efendi, muss ein mächtiger Mann gewesen sein. Die Hauptgebäude aus hellem Stein sind mit runden Bögen verziert. Dazwischen grüne Innenhöfe mit prallen, üppigen Pflanzen in allen Gelb- und Rottönen, die man sich vorstellen kann. Ich bin mir sicher, noch nie zuvor so vornehm und elegant gewohnt zu haben. Überall echter Marmor – auf dem Fußboden, an den Wänden und im Bad. Antike vergoldete Armaturen, Schränke und Bett aus schönem altem Holz. Gediegen. Strahlend weiße Bettwäsche, ein zweites dickes Kopfkissen im Spitzenbezug, der farblich auf den weichen Überwurf abgestimmt ist. Neben dem Bett ein kleiner Nachtschrank mit antiker Tischlampe. Auf der anderen Seite ein geblümter Sessel. Alles strahlt Ruhe und Behaglichkeit aus.

Die Reichen dieser Welt haben es gut. Das ist der Vorteil eines prallen Kontos – man kann in die entlegensten Länder reisen und sich dort im luxuriösen und eleganten Ambiente sonnen. Für ein Zimmer im Haupthaus müsste ich wahrscheinlich das Doppelte zahlen.

Ich drücke meinem freundlichen Taschenträger fünf Mark in die Hand und zaubere damit ein noch breiteres Lächeln auf sein Gesicht. Wahrscheinlich sind meine fünf Mark Peanuts im Vergleich zu dem, was die Reichen an Trinkgeld geben, trotzdem lässt er mich das nicht spüren. Als er weg ist, werfe ich mich rückwärts auf mein Bett. Ich habe es tatsächlich geschafft. Die erste Hürde auf dem Weg zu meinem unbekannten Vater ist genommen. Ich bin in Israel. In Jerusalem. Und als nächstes sollte ich mir überlegen, wie ich weiter vorgehe. Am besten bei einem Cappuccino.

Ich ziehe mir die Jeansjacke wieder über und mache mich auf die Suche nach einem Restaurant. Ich durchquere einen kleinen Palmengarten mit Beeten voller seltener Blumen, komme an der Rezeption vorbei und finde gleich dahinter einen geräumigen Innenhof mit weißen schmiedeeisernen Tischen und Stühlen. Für romantische Gefühle sorgen später dann die in den Palmen versteckten Lampen. Ich bestelle bei dem schnell herbeigeeilten Kellner und sehe mich um.

Es ist kühl geworden, nur wenige Menschen sitzen mit mir draußen. Durch eine große Glastür kann ich einen Blick in das Restaurant werfen. Das Hotel gehört zwar der sehr gehobenen Preisklasse an, die Gäste sind jedoch normal gekleidet. Die Damen tragen helle Blusen oder Shirts zu entweder sehr langen oder sehr kurzen Röcken. Einige leichte Sommerkleider, hier und da eine Jeans. Bei den Herren hält sich das Angebot für das Auge in Grenzen. Am Kragen geöffnete Hemden, gelegentlich ein Jackett und eine Krawatte. Man bevorzugt einen legeren lockeren Stil, der aber keineswegs billig ist. Ich falle in meiner alten Leinenhose und der Jeansjacke trotzdem nicht allzu sehr auf.

Mit mir zusammen sitzen einige Herren mittleren Alters im Innenhof. Sie rauchen Zigarren und reden laut aufeinander ein. Ich halte sie zuerst für Manager oder Politiker. Amerikaner. Ihr Englisch ist grausam. Ich habe Mühe, dem Gespräch zu folgen. Besonders interessant ist es nicht. Sie versuchen sich gegenseitig davon zu überzeugen, wie toll sie sind. Was für großartige Artikel mit neuen Ansichten sie verfasst haben. Journalisten also. Man kommt auf die First Lady zu sprechen. Die hat es offensichtlich gewagt, sich in der Harald Tribune für einen palästinensischen Staat auszusprechen.

Ich bin erstaunt. Für so klug und mutig hätte ich Hillary gar nicht gehalten. Die Herren sind sich einig in ihrer Empörung über diese Anmaßung. Eine derartige Meinungsäußerung steht ihr – zumindest nach Meinung der Herren – auf keinen Fall zu. Wenn das Schule macht, dann könnten sich zukünftig alle Ehefrauen von Präsidenten auf diese Art und Weise in die Politik einmischen. Und davon halten die Herren nichts. Ich habe den Eindruck, dass die Männer weniger über Hillarys Befürworten eines palästinensischen Staates empört sind als über die Tatsache, dass sie es gewagt hat, sich zu einem aktuellen politischen Thema zu äußern.

Mein Cappuccino ist längst ausgetrunken, die Gruppe der Zigarrenraucher hat sich aufgelöst. Außer einem Pärchen, das sich verliebt in die Augen sieht, gibt es für mich nichts zu beobachten. Es ist noch kälter geworden, aber ich habe keine Lust, ins Restaurant zu wechseln.

Vielleicht ist dies ein guter Moment, um Simon anzurufen. Ich habe Zeit. Allein in die Stadt gehen möchte ich nicht, für das Bett ist es zu früh, zum Lesen bin ich zu aufgeregt. Ich bestelle beim Kellner ein großes Mineralwasser. 4 $. Ich habe mit mehr gerechnet. Beschwingt mache ich mich auf den Heimweg in mein Zimmer. Dieser Luxus im Haupthaus. Ich wohne dagegen wirklich in der preiswerten Kategorie.

An der Rezeption checkt ein englischsprachiges Paar ein, sie merken nicht, dass ich ihnen folge. So kann ich einen kurzen Blick in ihre Suite werfen. Ein riesiges Zimmer mit mehreren Sitzgruppen, gedämpftem Licht, teuren Teppichen, goldenen Kronleuchtern. Das Paar passt zur Umgebung. Ihre Koffer sind aus edlem Leder, kein bisschen abgeschabt, und allein für den Preis ihrer Mäntel könnte ich mir eine komplette neue Kollektion an Garderobe kaufen.

In meinem Zimmer ist jemand gewesen. Die Nachttischlampe brennt. Sie hüllt mein Bett in einen warmen Kegel aus Licht. Die Bettdecke ist aufgeschlagen. Dieser jemand hat den Sessel, den ich zur Probe an das Fenster gerückt habe, wieder zurück an seinen Platz geschoben, die cremefarbenen Vorhänge zugezogen. Ein guter Geist. Fast erwarte ich, einen Mann in meinem Bett zu finden. Das wäre wirklicher Service.

Natürlich ist weder ein Mann in meinem noch unter meinem Bett, und im Bad ist auch keiner. Ich sehe überall nach, denn ein wenig unheimlich ist mir das Ganze schon. Ich habe noch nie vorher in einem so noblen Hotel gewohnt, in dem einem das Personal jeden möglichen Wunsch von den Augen abliest, und man ständig you´re welcome zu hören bekommt. Auch wenn es bitte heißt, das arabische Personal sagt diese Floskel so, als wollten sie zum Ausdruck bringen, dass man tatsächlich willkommen ist. Ständig und überall. So, als könnten sie gar nicht genug von einem bekommen. Das ist mir in der kurzen Zeit bereits aufgefallen.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von AM RAND EIN ZUHAUSE

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen